Arno Schmidt - Presse

Neues Leben  11/1989

 

Adelheid Wedel

 

Er sieht gut aus, markantes Gesicht, schlanker Typ, der mühelos in enge Jeans passt. Die trägt er fast immer und auf der Bühne ein blütenweißes Hemd. Mich erinnert dieses Outfit irgendwie an einen Troubadour, den ich mir in schwarzer Hose und weitem weißen Hemd denke, eine rote Rose zwischen den Lippen.

Arno Schmidt, der Berliner Liedermacher, hat etwas von einem Troubadour und ist gleichzeitig weit davon entfernt. Man findet in seinen Liedern den weichen, melancholischen Ton, das Schwärmen, aber auch Kompromisslosigkeit, Härte, metallischen Sound. Wer das eine gutheißt, dieses oder jenes, wird in jedem Konzert mit ihm und seiner Band etwas herumzumäkeln haben. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, das in seinem Programm beides zu haben und beides möglich ist.

Dank seiner exzellenten Musiker ( Frank Seidlitz – Gitarre, Rolf Hammermüller – Keyboards, Thomas Böhme – Bassgitarre, Eric Schlotter – Percussion ) hat Arno Schmidt für das, was er derzeit macht, den maßgeschneiderten Hintergrund gefunden, einen Teppich für die Aussagen gewissermaßen.

Seine Aussagen – die wenden sich unserem Leben hier und heute zu. Ausschließlich. Das sagt sich leicht dahin, aber wer es je probierte, weiß um die Schwierigkeiten. Wie findet man, wie findet Arno Schmidt Ton und Sujet für Kunst, die junge Leute in die Klubs zieht ?

Bei einem Konzert im Berliner Franzklub habe ich beobachtet, das Jungen und Mädchen bei Arnos Liedern mitwippten, aufmerksam die Texte verfolgten, zustimmend applaudierten. Geschafft, dachte ich da, ja, er hat es geschafft.

14 -20jährige bleiben heute nicht anstandshalber im Ball, nur weil sie Eintritt bezahlt haben. Sie verlassen ohne Zögern den Saal, wenn auf der Bühne nicht ihre Sache verhandelt wird. Sie lassen sich ihre Zeit nicht stehlen. Um so höher ist es also zu bewerten, wenn sie bleiben, neugierig bleiben.

Arno Schmidt macht es ihnen leicht, ihm näher zu kommen. Er spricht sie an zwischen seinen Liedern, fordert sie zum Beispiel auf, sich einen Platz zu suchen, nicht am Rande zu stehen. Vielleicht lässt sich das Anliegen seine aktuellen Programms am besten so umschreiben: Misch dich ein, sag was, tu was. Jugendliche Ausschließlichkeit schwingt dabei mit: Jetzt oder nie ! Alles oder nichts !

Dieses aktuelle, Schmidts drittes Programm, „Jetzt oder nie“, fordert stärker heraus als sein erstes, das er noch als Gitarrenduo mit Norbert Förster vortrug. Das „Hier lebe ich“ hatte seinerzeit beschreibenden Charakter, war illustriert mit Bildern des Fotografen Bernd Heyden, und es enthielt einige sehr schöne Lieder. Wenigstens eines von ihnen „Wiener Cafe“, konnte glücklicherweise auf Schmidts erster Amiga – Platte ( „Aber fliegen …“ ) übernommen werden.

Zwischen dem ersten und dem heutigen Programm liegt ein mächtiges Stück Vorwärtsgehen, auch Zugehen auf das Publikum. Der Gitarrensound war Schmidt, bedingt und angeregt auch durch internationale Entwicklungen, auf die Dauer zu brav, zu soft. Er suchte sich Musiker, sparte ( und spart ) mit ihnen auf technisches Equipment. Gemeinsam probierten sie verschiedenes aus.

Premiere 1986, im Berliner Kino „Babylon“, erstmals mit „Schmidt & Band“. Der Name des Programms: „Aber fliegen … „.

Mal sehen, dachten wir, die wir Schmidt als Liedermacher kannten und anerkannten. Zunächst konnten wir Enttäuschung nicht verbergen. Gespräche danach. Schmidt spürte die Unzulänglichkeiten selbst. Aber schnelles Aufstecken liegt ihm nicht. Er bleibt stur.

Kürzlich erlebte ich ihn wieder. Die Einheit zwischen Band und Sänger ist mittlerweile hergestellt – ein forderndes Verhältnis, kein statisches, ohne den einstigen Graben zwischen den Musikern und dem Frontmann. Und so soll es inzwischen auch beim Grübeln über das schon nächste Programm sein.

Zusammenarbeit, gleichberechtigte, ist groß geschrieben, schließlich soll die Aussage von allen – Schmidt, der Band, den Technikern, Ed Stuhler – dem Texter – und jedem einzelnen getragen werden.

Das Machbare ansteuern, im Leben wie in der Kunst, lautet eine seiner Devisen. „Das Machbare ist das Notwendige. Zwischen Kontinuität und Erneuerung werden wir uns weiterhin kontinuierlich um Veränderung bemühen.“

Das aktuelle „Jetzt oder nie“ spart in dieser Hinsicht kaum Themen aus: Ausländerfeindlichkeit, Lehrervorbild, Alkoholismus, der einzelne in der Gesellschaft. Zu jedem dieser Punkte wären abendfüllende Programme denkbar, wenn man Nuancen ausleuchtet, in die Tiefe geht. Und so etwas schwebt ihnen als nächstes vor, unter dem Generalthema: Spannungsfeld Individuum und Gesellschaft. Welche Rechte und welche Pflichten werden von jedem Part wie ausgefüllt ?

Erste Probetexte sind geschrieben, die Musiker setzten sich dazu, sogar Überlegungen zur Bühnenpräsentation existieren schon, spielerisch noch, voller Spaß und Freude am Entstehen. Für das Publikum dies alles, natürlich, damit es teilnehmen kann an diesem Spiel, denn „Ohne die Leute wären wir nichts“ .