Arno Schmidt - Presse 1999

Die Zeit - 40/1999

Toralf Staud

 

Jetzt oder nie

30. September 1989: Wie ein Konzert zu einer Kundgebung geriet


Schon das Plakat war eine wohl kalkulierte Provokation: Aus dem offenen Mund eines Menschen fliegen Pfeile, treffen ein Denkmal - einen riesigen
Kopf - und bringen es ins Wanken. "Arno Schmidt & Band" steht darüber, dazu der Name des Programms: "Jetzt oder nie".
Am 30. September 1989, einem Sonnabend, sollte der Berliner Liedermacher im Salzwedeler Jugendclub Hanseat spielen. Wenige Stunden vor dem Auftritt bekam der Clubleiter Karsten Thiede unangemeldeten Besuch: seine Chefin aus der Stadtverwaltung und eine Frau vom Kreisrat. Thiede ahnte, was nun kommen würde: Arno Schmidt war allgemein als kritisch bekannt.

Dann kam es: Er sollte die Veranstaltung absagen, man erwarte Provokationen. Karsten Thiede fragte nach der rechtlichen Grundlage: Er habe mit dem Künstler einen Vertrag abgeschlossen. Man empfahl ihm, technische Schwierigkeiten vorzuschieben. Thiede sagte: "Sie müssen schon selbst auf die Bühne gehen und das Konzert verhindern." Schwierigkeiten mit den Behörden hatte es schon häufiger gegeben. Der Clubgründer hatte sich immer um ein anspruchsvolles Programm bemüht. In der alternativen Kulturszene zählte das Hanseat zu den vielleicht zwei Dutzend wichtigen Adressen in der DDR. Karsten Thiede hatte Fliesenleger gelernt. Dann musste er zum Wehrdienst: as Denken verboten zu bekommen, nur Befehlsempfänger zu sein - das
brachte ihn ins Grübeln. Bald wurde er Stammgast im Hanseat und bekam schließlich die Leitung angeboten. Er wollte mit Jugendlichen arbeiten, ihr Interesse für Kultur wecken. Mit 20 ehrenamtlichen Clubmitgliedern schmiss er den Laden.
Thiede hegte die kulturelle Nische Hanseat. Er dachte sich die Veranstaltungsreihe Quasselstunde aus, in der über gesellschaftliche Tabus geredet wurde, über Abtreibung, Homosexualität oder Selbstmord. Er förderte Punkbands. Fotografen, die anderswo nicht gut gelitten waren, konnten im Hanseat ausstellen. Im unruhigen Herbst 1989 war der Club fast jeden Tag geöffnet. Besonders jetzt sollten kritische Köpfe ein Podium haben - und so überlegte Karsten Thiede nicht lange, als Arno Schmidt kurzfristig seinen Auftritt anbot.
Jetzt oder nie, das Programm mit dem Schmidt seit 1988 tourte, war aktueller denn je: "Ich hab keine Angst / vor dem was wird / ich wage den Sprung unbeirrt. / Ich hab keine Angst / vorbei die Lethargie / ich wage den Sprung / Jetzt oder nie", lautete der Refrain des Titelliedes. Das Hanseat war wieder einmal ausverkauft an diesem Abend. 120 Leute drängten sich in dem niedrigen Raum, saßen auf den harten Hockern. Von den Besucherinnen des Nachmittags hatte Thiede niemandem erzählt. Dem Künstler hatte er ausgerichtet, dass die offiziellen Stellen keine "Provokationen" wünschten - aber klar gemacht, dass das deren Formulierung war, nicht seine.
Das Publikum wartete gespannt. Die Leute kannten Arno Schmidt. Sie wussten, dass es zwischen den Zeilen seiner Lieder besonders viel zu hören gab. Schon vor dem ersten Lied gab es rauschenden Applaus. Dann sang Arno Schmidt, von der Schule in der DDR und davon, was man dort nicht lernte, vom Rassismus, den es angeblich nicht gab, von den Zeitungen, in denen wenig stand. "Viel zu lange taktiert / viel zu oft dran gedacht / und dann doch nicht getürmt / Kompromisse gemacht. / Und auf einmal ein Ton / völlig ungewohnt / und die Hoffnung wächst / es hat sich doch gelohnt." Sänger und Publikum waren wie im Rausch. Arno Schmidt sang Liebeslieder, die offen ließen, ob es um eine private Beziehung geht oder das Verhältnis zum Staat. Aber eigentlich war die Zeit der Andeutungen vorbei. In diesem Herbst musste es klare Worte geben. Jetzt oder nie.
Karsten Thiede überlegte die ganze Zeit, was passieren könnte. Saß vielleicht, wie es schon einmal vorgekommen war, jemand im Raum, der in einem brisanten Moment aufspringen würde, dem Künstler ins Wort fallen, Parolen rufen? Dass die Stasi seinen Club im Visier hatte, wusste er - spätestens seit man ihn selbst als Inoffiziellen Mitarbeiter zu werben versucht hatte. Als staatlicher Leiter müsse er besonders auf Ordnung achten; er möge Informationen weiterleiten, das werde sich auch finanziell lohnen. Als Thiede ablehnte, drohte man ihm, er werde seinen Posten als Clubleiter verlieren. Thiede lachte nur - als Fliesenleger verdiene er das Doppelte.
Nach der Konzertpause verkündete der Sänger die Nachricht, Genscher habe den Flüchtlingen vor der Prager Botschaft zugerufen, sie dürften ausreisen. Erleichterung. Und dann geschah es. Die "Provokation": Arno Schmidt holte einen Zettel aus der Hosentasche, eine Resolution von mehr als 50 DDR-Künstlern. "Wir sind besorgt über den augenblicklichen Zustand unseres Landes, über den massenhaften Exodus vieler Altersgenossen, über die Sinnkrise dieser gesellschaftlichen Alternative und die unerträgliche Ignoranz der Staats- und Parteiführung." Absolute Stille herrschte im Publikum. Diesen Text gab es vielleicht nur hier und nur jetzt. Nirgendwo konnte man ihn nachlesen, würde ihn vielleicht nie wieder hören. Jeder versuchte, sich möglichst viel zu merken, um es weiterzuerzählen. "Wir begrüßen ausdrücklich, daß Bürger sich in basisdemokratisch orientierten Gruppen finden ... Wir wollen in diesem Land leben, und es macht uns krank, tatenlos mit ansehen zu müssen, wie Versuche einer Demokratisierung, Versuche der gesellschaftlichen Analyse kriminalisiert bzw. ignoriert werden ... Die Zeit ist reif."
Im Publikum saß eine der Frauen, die Karsten Thiede am Nachmittag besucht hatten, und schwieg.