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Schon das Plakat war eine wohl kalkulierte Provokation: Aus dem
offenen
Mund eines Menschen fliegen Pfeile, treffen ein Denkmal - einen
riesigen
Kopf - und bringen es ins Wanken. "Arno Schmidt & Band" steht darüber,
dazu der Name des Programms: "Jetzt oder nie".
Am 30. September 1989, einem Sonnabend, sollte der Berliner
Liedermacher
im Salzwedeler Jugendclub Hanseat spielen. Wenige Stunden vor dem
Auftritt
bekam der Clubleiter Karsten Thiede unangemeldeten Besuch: seine
Chefin
aus der Stadtverwaltung und eine Frau vom Kreisrat. Thiede ahnte, was
nun
kommen würde: Arno Schmidt war allgemein als kritisch bekannt.
Dann kam es: Er sollte die Veranstaltung absagen, man erwarte
Provokationen. Karsten Thiede fragte nach der rechtlichen Grundlage:
Er
habe mit dem Künstler einen Vertrag abgeschlossen. Man empfahl ihm,
technische Schwierigkeiten vorzuschieben. Thiede sagte: "Sie müssen
schon
selbst auf die Bühne gehen und das Konzert verhindern."
Schwierigkeiten mit den Behörden hatte es schon häufiger gegeben. Der
Clubgründer hatte sich immer um ein anspruchsvolles Programm bemüht.
In
der alternativen Kulturszene zählte das Hanseat zu den vielleicht zwei
Dutzend wichtigen Adressen in der DDR.
Karsten Thiede hatte Fliesenleger gelernt. Dann musste er zum
Wehrdienst: as Denken verboten zu bekommen, nur Befehlsempfänger zu sein - das
brachte ihn ins Grübeln. Bald wurde er Stammgast im Hanseat und bekam
schließlich die Leitung angeboten. Er wollte mit Jugendlichen
arbeiten,
ihr Interesse für Kultur wecken. Mit 20 ehrenamtlichen Clubmitgliedern
schmiss er den Laden.
Thiede hegte die kulturelle Nische Hanseat. Er dachte sich die
Veranstaltungsreihe Quasselstunde aus, in der über gesellschaftliche
Tabus
geredet wurde, über Abtreibung, Homosexualität oder Selbstmord. Er
förderte Punkbands. Fotografen, die anderswo nicht gut gelitten waren,
konnten im Hanseat ausstellen.
Im unruhigen Herbst 1989 war der Club fast jeden Tag geöffnet.
Besonders
jetzt sollten kritische Köpfe ein Podium haben - und so überlegte
Karsten
Thiede nicht lange, als Arno Schmidt kurzfristig seinen Auftritt
anbot.
Jetzt oder nie, das Programm mit dem Schmidt seit 1988 tourte, war
aktueller denn je: "Ich hab keine Angst / vor dem was wird / ich wage
den
Sprung unbeirrt. / Ich hab keine Angst / vorbei die Lethargie / ich
wage
den Sprung / Jetzt oder nie", lautete der Refrain des Titelliedes.
Das Hanseat war wieder einmal ausverkauft an diesem Abend. 120 Leute
drängten sich in dem niedrigen Raum, saßen auf den harten Hockern. Von
den
Besucherinnen des Nachmittags hatte Thiede niemandem erzählt. Dem
Künstler
hatte er ausgerichtet, dass die offiziellen Stellen keine
"Provokationen"
wünschten - aber klar gemacht, dass das deren Formulierung war, nicht
seine.
Das Publikum wartete gespannt. Die Leute kannten Arno Schmidt. Sie
wussten, dass es zwischen den Zeilen seiner Lieder besonders viel zu
hören
gab. Schon vor dem ersten Lied gab es rauschenden Applaus. Dann sang
Arno
Schmidt, von der Schule in der DDR und davon, was man dort nicht
lernte,
vom Rassismus, den es angeblich nicht gab, von den Zeitungen, in denen
wenig stand. "Viel zu lange taktiert / viel zu oft dran gedacht / und
dann
doch nicht getürmt / Kompromisse gemacht. / Und auf einmal ein Ton /
völlig ungewohnt / und die Hoffnung wächst / es hat sich doch
gelohnt."
Sänger und Publikum waren wie im Rausch. Arno Schmidt sang
Liebeslieder,
die offen ließen, ob es um eine private Beziehung geht oder das
Verhältnis
zum Staat. Aber eigentlich war die Zeit der Andeutungen vorbei. In
diesem
Herbst musste es klare Worte geben. Jetzt oder nie.
Karsten Thiede überlegte die ganze Zeit, was passieren könnte. Saß
vielleicht, wie es schon einmal vorgekommen war, jemand im Raum, der
in
einem brisanten Moment aufspringen würde, dem Künstler ins Wort
fallen,
Parolen rufen? Dass die Stasi seinen Club im Visier hatte, wusste er -
spätestens seit man ihn selbst als Inoffiziellen Mitarbeiter zu werben
versucht hatte. Als staatlicher Leiter müsse er besonders auf Ordnung
achten; er möge Informationen weiterleiten, das werde sich auch
finanziell
lohnen. Als Thiede ablehnte, drohte man ihm, er werde seinen Posten
als
Clubleiter verlieren. Thiede lachte nur - als Fliesenleger verdiene er
das Doppelte.
Nach der Konzertpause verkündete der Sänger die Nachricht, Genscher
habe
den Flüchtlingen vor der Prager Botschaft zugerufen, sie dürften
ausreisen. Erleichterung. Und dann geschah es. Die "Provokation": Arno
Schmidt holte einen Zettel aus der Hosentasche, eine Resolution von
mehr
als 50 DDR-Künstlern. "Wir sind besorgt über den augenblicklichen
Zustand
unseres Landes, über den massenhaften Exodus vieler Altersgenossen,
über
die Sinnkrise dieser gesellschaftlichen Alternative und die
unerträgliche
Ignoranz der Staats- und Parteiführung." Absolute Stille herrschte im
Publikum. Diesen Text gab es vielleicht nur hier und nur jetzt.
Nirgendwo
konnte man ihn nachlesen, würde ihn vielleicht nie wieder hören. Jeder
versuchte, sich möglichst viel zu merken, um es weiterzuerzählen. "Wir
begrüßen ausdrücklich, daß Bürger sich in basisdemokratisch
orientierten
Gruppen finden ... Wir wollen in diesem Land leben, und es macht uns
krank, tatenlos mit ansehen zu müssen, wie Versuche einer
Demokratisierung, Versuche der gesellschaftlichen Analyse
kriminalisiert
bzw. ignoriert werden ... Die Zeit ist reif."
Im Publikum saß eine der Frauen, die Karsten Thiede am Nachmittag
besucht
hatten, und schwieg.
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