Rezension aus Neues Leben  8/1988

Wolfgang Martin

 

Allein mit den Titelzeilen der zehn Songs der Debüt – Scheibe des Berliner Hard Rock Ensembles „Babylon“ könnte man eine kleine Geschichte schreiben, die zugleich das thematische Spektrum auf den Punkt bringt.

Am „Freitagabend“ zünden wir „Dynamit“, um mit dem „Speed King“ bis zur „Geisterstunde“ das „Ha-Ja-Jo“ auf den Lippen, loszurocken.

Das ist sie also: Die Sprache des Heavy Metal. Die Fans mussten lange auf diese Platte warten. Und keiner wird sich mehr darüber freuen, als der langjährige spirus rector des Unternehmens, der Gitarrist Dieter Wiesjahn. Entgegen einer früheren Verlautbarung wurden mit Amiga offensichtlich Kompromisse gemacht. Also keine Live – LP, sondern Studioaufnahmen und wieder so eine Art „The Best of …“ .

Dennoch eine zunächst für die Dramaturgie günstige Zusammenstellung: Auf der A – Seite gibt es sämtlichst Titel von 1986, auf der B-Seite Produktionen, die 1987 / 88 gemacht wurden.

Zwangsläufige Soundbrüche werden so nicht extrem hörbar, wenngleich beide Seiten einen recht unterschiedlichen Eindruck auf mich gemacht haben. In zwei Jahren haben sich die stilistischen Auffassungen innerhalb der Band gewandelt. Manch frühere Unentschlossenheit, die Babylon eher im Lager der Hard Rocker denn Schwermetaller sah, scheint seit den 87er Aufnahmen aufgehoben.

Heut spielt Babylon konsequent Speed – und Heavy Metal, was die Dominanz der Gitarren und die rasante Spieltechnik nur dick unterstreichen.

Diese Wandlung wird natürlich beim Hören der Platte deutlich, bezogen auf die unterschiedliche Klangqualität, die Abmischungen und auch das Niveau der Texte, ihre Verständlichkeit.

Auf eine einfache Formel gebracht heißt das für mich: Waren die Texte von 1986 ( vorwiegend von Detlef Volquardsen ) zwar akustisch verständlich, aber in Sprache und Inhalt teilweise banal bis plakativ, so scheinen mir die neueren Texte ( von Michael Sellin ) zwar inhaltsreicher und anspruchsvoller, aber ich verstehe sie kaum. Das ist schade, weil ich Probleme, die in einigen Titeln behandelt werden ( Tschernobyl / Hinter Glas / Auf und ab ), wichtig auch für diesen Teil der Rockmusik halte.

Es mag den Abmischungen geschuldet zu sein, der allzu großen Verliebtheit in die Gitarrensounds oder auch einer gewissen Geringschätzung der Funktion und Wirkung von Texten !?

Vielleicht ist die nächste Babylon – LP dann doch eine Live – Platte, denn bei allen hörbaren Bemühungen, bleibt mancher Song in der unbefriedigenden 4 – Minuten – Zähmung stecken.