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Eigentlich hat
Babylon, die Band mit dem gewichtigen Namen, recht lange auf `s Debüt
warten müssen. Allerdings liegen die Ursachen dafür allein bei der
Band. Jahrelang war man auf der Suche nach einer eigenen Stilistik,
nach eigener Identität und wechselte Musiker, Richtungen, die
sogenannten Schubladen.
Der einzige, der
diesen nun schon dreizehn Jahre währenden Prozess innerhalb der Band
überlebte, war Dieter Wiesjahn, Gründungsmitglied und heutiger
Kapellenleiter. Er wollte vor allem seinem Lebensgefühl, mit dem er in
den „Sixties“ aufgewachsen war, mit dem er nur langsam umzugehen
lernte.
Sein Ziel wurde es,
persönliche Erlebnis – und Erfahrungshorizonte emotional auszudrücken
und für andere, eben sein Publikum, nachvollziehbar zu machen. Und
ausschließlich so realisiert sich für ihn in den Konzerten der
Kommunikationsprozess.
Das dies nur ein
fortwährender Prozess sein kann, liegt auf der Hand. Und hier finden
sich auch die Ursachen für die permanenten personellen Wechsel in der
Band. Aber letztlich engt sich Wiesjahn damit selbst ein, wenn er nach
fest gefügtem Schema handelt – „Wer mir folgen will, kann bleiben,
wer nicht, der geht! „
Selbst die nun
vorliegende Debüt – LP ist dafür ein Beleg, musikalisch und personell.
Dieter Wiesjahn:
„ Die obligatorische Zweiteilung der Platte haben wir bewusst genutzt,
um unseren derzeitigen Stand deutlich zu machen. Die A-Seite enthält
ausschließlich alte Titel mit zum Teil sehr plakativen Texten … Die
B-Seite dagegen bringt mehr problemorientierte Songs wie z.B.
„Tschernobyl“, die alle von unserem neuen Texter, Michael Sellin, sind
und in den wir große Erwartungen setzen.“
Ganz neu auf der
Berliner – Rock Szene ist Michael Sellin allerdings nicht, denn bevor
er begann, mit der Modern – Soul – Band als Textautor zusammen zu
arbeiten, sammelte er bereits eigene musikalische Erfahrungen in einer
Bluesband.
Wie sieht nun das
aktuelle Babylon – Line – Up aus ?
Erst seit Anfang
1988 dabei – Wolfgang Densky ( g ), er kam von Formel I. Bereits seit
1981 bei Babylon – Detlef Volquard ( früher Volquardsen, voc ); erste
musikalische Erfahrungen sammelte Detlef in einer Potsdamer
Schülerband, bevor er bei der Gruppe „Erna Schmidt“ sang und
trommelte. Die Rhythmusgruppe, bestehend aus Carsten Heinrich (dr) und
Hubert Ranft (bg), stieß 1983 zu Wiesjahn. Heinrich begann ebenfalls
in einer Schülerband, allerdings in Berlin, dann trommelte er kurze
Zeit für Letshow. Nach der Armee begann er ein Studium an der Berliner
Musikhochschule und spielte unterdessen etwa zwei Jahre bei Triolog,
wo er auf Ranft traf. Hubert Ranft ( bg und zweite Stimme ) landete
zuerst bei einer Schülerband in seinem Heimatort Hoyerswerda.
Vorbelastet durch
den Vater ( Berufsmusiker, Bassist ), beschäftigten ihn von Anfang an
die vier dicken Saiten der Bassgitarre mehr. Er blieb dabei. An der
EOS half er zeitweise bei einer weiteren Schülerband aus, spielte
während der Armeezeit ausschließlich Tanzmusik und begann danach in
Potsdam ein Lehrerstudium. Während der Studienzeit fand er auch
Anschluss an Triolog, um dann im Herbst 1985 gemeinsam mit Heinrich zu
Babylon zu wechseln.
Bleibt noch der
Kapellenleiter selbst – Dieter Wiesjahn. Er suchte sich dreizehn als
ausgesprochener Linkshänder seine ersten Griffe auf der Gitarre selbst
zusammen. Drei Jahre später brauchte eine Schülerband in seiner
damaligen Wohngegend ( Berlin – Prenzlauer Berg ) einen Bassisten; und
bei den Dandys traf er auch seine späteren Mitstreiter – Victor Heyse
( g,voc ), Bernd Bangel ( g, voc ) und Bernd Schwitzke ( dr ).
Schon nach ein paar
wilden Tanzveranstaltungen, wo vor allem Beatles -, Stones- und Who –
Songs nachgespielt wurden, kam das erste Aus. Als Combo 2000 ging es
dann später weiter, in derselben Besetzung.
Die mehr und weniger
zufällige Bekanntschaft mit Peter Holten brachte für die vier die
größte Chance. Da beim Peter Holten Sextett gleich mehrere Musikanten
ausstiegen, konnte man komplett überwechseln. Zu dieser Zeit begann
für Wiesjahn auch eine fundierte Ausbildung an der Musikhochschule
Berlin – Friedrichshain. Erst nach vier Jahren ging diese Phase durch
persönliche Schwierigkeiten mit dem Kapellenleiter Holten zu Ende.
Heyse, Bangel,
Schwitzke und Wiesjahn versuchten wieder auf eigenen Füßen zu stehen,
und so entstand im April 1975 Babylon, aber als Quintett. Harald
Wittkowski ( keyb ) gesellte sich hinzu, später zu finden bei Pond.
Kurze Zeit darauf
gibt es bereits die ersten Umbesetzungen. Für Schwitzke kam von
Joco-Dev „Paule“ Fuchs ( dr ), heute ebenfalls bei Pond, und für
Wittkowski von der Gruppe Neue Generation Manfred Hennig ( keyb, nun
bei City ). In dieser Besetzung stellten sich auch die ersten Erfolge
ein: Erster Platz im Bezirksausscheid der Berliner Kapellen,
Auszeichnung als „Hervorragendes Amateurtanzorchester der DDR“ beim 7.
Zentralen Leistungsvergleich in Aue und Goldmedaille bei den
Arbeiterfestspielen.
Im September 1976
auch erste Rundfunkproduktionen: „Dshigitenlegende“ und „Jeder Abend“.
Komposition Heyse bzw. Bangel, Texte Karl-Werner Plath bzw. Jürgen
Klammer. Anschließend gleich zwei Konzerttourneen durch die UdSSR.
Doch der „Dshigitenlegende“
– Erfolg teilte die Band in zwei Lager. Die Hardrockfraktion setze
sich durch, und so schieden Fuchs und Hennig 1978 aus, um Pond zu
gründen. Doch zuvor erlangte Babylon noch den Status einer
Berufsformation.
Neue Schlagzeuger
kamen und gingen, u.a. Christian Hofmann ( Generator, Gong ), aus
Leipzig. Außerdem zeitweilig bei Babylon Willi Borchert ( g ), er
vertrat Victor Heyse während der Armeezeit.
1979 verfällt die
Besetzung vollends. Dieter Wiesjahn wird Kapellenleiter und hält von
jetzt an die Zügel fest in der Hand. Die neue Babylon Truppe heißt
nun: Frank Powileit ( g ), Horst Trümpelmann ( dr ), Hilmar Holz ( voc,
wird während der Armeezeit von Frank Schulze vertreten ) und
schließlich Dieter Wiesjahn ( bg ). Schon in dieser Phase begann sich
die Band an AC/DC – Sound zu orientieren, fand aber bei Publikum und
Musikerkollegen nicht den erhofften Anklang.
1981 neuerliche
Umbesetzungen, hinzu kommen Christian Weise ( keyb ), Michael Hein ( g
) für Powileit, zuvor bei Metropol. Rainer „Henry“ Butschke ( dr ) für
Trümpelmann, vorher Jahrgang 49, sowie Detlef Volquardsen ( voc ) für
Holz. Mit dieser Umbesetzung ändert sich erneut das musikalische
Konzept, Einflüsse von ASaga und Mothers Finest machen sich bemerkbar.
Die eigenen Titel heißen zu dieser Zeit u.a. „Das ist funky“, „Lauf zu
mir“, „Judith“, „Sommerglut“ und „Jimi Hendrix“: im Rundfunk zu finden
als Konzertmitschnitt.
1983 abermals
Umbesetzung. Weise wechselt zu Heinz, und für Hein kommt Bela Ujlaki (
g ) von der Leipziger Formation Rock-Phonie. In dieser Besetzung
entstehen im März auch wieder Rundfunkstudioproduktionen, z.B. „Gib
Gas und komm“ und „In der S-Bahn“. Beide erreichen vordere
Wertungssendungen und sind dann auch auf einschlägigen Amiga –
Samplern vertreten.
Ebenso im Oktober
die Produktionen „Alles Gute“ und „He, kommt alle rüber“. Das Video
von „Alles Gute“ hält sich drei Monate auf Platz 2 der TV Sendung „Stop!
Rock“.
1983 geht `s auch
wieder ins Ausland – nach Ungarn. Im Januar 1984 Teilnahme bei Rock
für den Frieden, die Mitschnittsauskopplung „Monopoli“, Text Kurt
Demmler, erscheint auf der gleichnamigen Amiga – LP. Ein weiterer
Demmler Text, „Erde halt die Balance“ wird zusammen mit „Ich hab
Ferien“ im April eingespielt. Wie in den Jahren zuvor tourt die Band
quer durchs Land und gibt auch Konzerte in Bulgarien. Weitere
Funkproduktionen „Lass dem Frieden Frieden“ und „Wilde Träume“
schließen sich im April 1985 an.
Im Sommer 1985 kommt
es erneut zu umfänglichen Umbesetzungen. Vor allem wechselt Wiesjahn
selbst vom Bass zur Gitarre. Ujlaki verlässt die Band in Richtung
Heinz, Butschke geht zu Engerling. Dafür kommt Hubert Ranft (bg) und
Carsten Heinrich (dr) von Triolog und Andrej Horvath (g) von Formel I
bzw. Achim menzel.
Babylon zieht sich
mehrere Wochen in ein Probenlager zurück, um sich anschließend in
dieser Besetzung in den einschlägigen Klubs und Hallen auszuprobieren.
Und es zeigt sich, das Wiesjahn mal wieder einen guten Griff getan
hat. Die neue Mannschaft bewährt sich.
Anfang 1986 versucht
die Band einen neuen Sound zu finden. Sie verzichtet auf die
Rundfunkstudios und lässt mehrere Songs als sendefähige Produktion
durch einen Ü-Wagen im Probenraum mitschneiden, so die „Geisterstunde“
und „Wir rocken los“. Auch das hat Erfolg. Die „Geisterstunde“ schießt
in der Beatkisten – Wertung sofort von Null auf Eins und behält diese
Platzierung sechs Wochen. Mit diesem so gefeierten Song taucht die
Band auch wieder in der Sendung „Stop! Rock“ auf. Darüber hinaus
bringt Amiga im April die „Geisterstunde“ als Single heraus.
Nach einer
ausgiebigen Sommertour entstehen im September 1986 drei weitere
U-Wagen Produktionen: „Dynamit“, „Freitagabend“ und „Ha-ja-jo“. Alle
drei erreichen gute Platzierungen in den Rundfunkwertungssendungen (
vor allem „Beat-Kiste“ ) Ab Mai 1987 werden die Voraussetzungen für
einen weiteren Qualitätssprung geschaffen. Zu diesem Zeitpunkt beginnt
die Zusammenarbeit mit dem Textautor Michael Sellin. Zugleich trennt
man sich von einer selbst gezimmerten Schublade. Was da noch vor kurzer
Zeit „Superschwerer Hardrock“ genannt wurde, wird von jetzt ab
schlicht und einfach als Rock `n` Roll bezeichnet, denn auch der
bringt ja bekanntlich ein Lebensgefühl zum Ausdruck.
Die ersten
Produktionen mit dem neuen Sellin – Texten dann ab Dezember 1987.
Außerdem ist Babylon mit „Dynamit“ und „Ha-ja-jo“ in „rund“ zu sehen,
und „Ha-ja-jo“ erscheint auf der „Amiga-Rock-Bilanz 1987“.
Noch während der
Produktionen wechselt Wiesjahn erneut den Gitarristen. Für Horvath,
der zur Modern-Soul –Band geht, kommt ab Januar 1988 Wolfgang Densky
von Formel I zur Band. Mit ihm entstehen Titel wie „Tschernobyl“, „Auf
und ab“, sowie „Lebe wohl“. Zusätzlich entschließt man sich zur
Neuproduktion der „Geisterstunde“.
Mit diesen letzten
Produktionen verfügt nun Babylon über genügend Titel für ein schon
lang ersehntes Album. Die 86er und 87er Produktionen werden auch von
der Amiga – Produktionsleitung akzeptiert und im August 1988 als Debüt
unter dem Titel „Dynamit“ veröffentlicht. „Speed King“ und „Auf und
ab“, Auskopplungen für den Rundfunk, erreichen wieder vordere Plätze.
Allein diese Erfolge
waren für Dieter Wiesjahn & Co. kein Grund, sich auf den erreichten
Lorbeeren auszuruhen. Die Publikumsgunst wurde genutzt und erneut hart
getourt. Hinzu kam die Arbeit an einem neuen Live – Programm, das für
kommendes Frühjahr geplant ist, mit neuem Out-Fit, neuen Titeln; mit
einer hydraulischen Bühne und neuer Lichtkonzeption.
Den Babylon – Fans aber bleibt die kleine Hoffnung, das Meister
Wiesjahn diesmal nicht die Musiker, sondern nur sein Out-Fit wechselt,
um so seinen neuen Eindrücken und Einsichten musikalischen Ausdruck zu
verleihen oder, wie er es selbst nennt, seinem aktuellen Lebensgefühl,
dem Rock `n` Roll. |