Melodie & Rhythmus  10 / 1983

   
 

Gib Gas und komm - BABYLON

 

Waltraud Heinze

 

Seitdem Dieter Wiesjahn vor nunmehr schon acht Jahren die Berliner Rockband BABYLON gründete, hat er mit ihr so manches Auf und Ab erlebt. Vier Jahre Amateurstatus, was ja stets Doppelbelastung durch normalen Beruf und Hobby bedeutet, ab 1979 dann Aufnahme in die Gilde der Berufsbands, eingehend mit dem nun ungleich stärkeren Zwang, erfolgreich zu sein, Unverwechselbares zu leisten, sich zu profilieren.

Daraus erwuchs 1981 die Notwendigkeit eines Musikerwechsels bei BABYLON, und mit dem sicheren Gespür für die richtigen Leute holte sich Bassgitarrist und Komponist Dieter Wiesjahn, Michael Hein (g), Christian Weise (keyb), Detlef Volquardsen (voc) und Rainer Butschke (dr) zusammen. Michael spielte z.B. bei „Metropol“, BABYLONS Stimmungskanone Christian „Krille“ drückte einst bei „Regenbogen“ die Tasten, Rainer trommelte bei „Jahrgang 49“, und der talentierte Sänger Detlef wurde in Potsdam bei einer Kapelle namens „Erna Schmidt“ entdeckt. Das Team wird ergänzt durch den Organisator Lothar Heinrich sowie die unentbehrlichen Techniker Gerald Hinneburg (Ton) und Lutz Ewert (Licht).

BABYLON durchlebt, so fühlt Dieter, gerade so was wie den zweiten Frühling, wenn Titel wie „Dsigitische Legende“, „Gib Gas und komm“ oder „In der S-Bahn“ die Hitparadenleitern erklettern. Dieter Wiesjahn ist durch und durch ein Gefühlsmensch. Denn schenkt man ihm Glauben, lenkt ihn bei allem, was er mit und für BABYLON tut, das Gefühl. Und tatsächlich hat man bei Musik und Texten, bei Konzerten mit BABYLON den Eindruck, hier kleiden Leute vor allem Gefühle in Noten und Worte, wollen ausdrücken, ausleben, vermitteln, Widerhall spüren.

Dieters Kompositionen sind melodische Rocktitel, zum heavy metal tendierend, einprägsam, fast freundlich zu nennen. Wie schnell sie dadurch Zugang finden beim Publikum, erlebte ich nachhaltig während der BABYLON Konzerte in Ungarn anlässlich des diesjährigen „Kultursommers der FDJ“. Durch den kommunikativen Gestus ihrer Musik kam eine Verständigungsbarriere durch die fremde Sprache erst gar nicht auf, zumal sich Sänger Detlef mitunter eifrig im Ungarischen übte.

Detlef und Dieter schreiben gemeinsam die Texte. Aus der Not eines geeigneten Autoren wurde die Tugend geboren, und die Texte stimmen einfach zur Musik, zu den Musikern. In schlichten Worten wird Alltägliches erzählt, vom unvermeidlichen Gedränge „In der S-Bahn“, vom Miteinanderfeiern  „Gib Gas und komm“ von „Evi“, einem Mädchen zwischen Kind und Erwachsensein. Geht es um Probleme, wie das der alten Frau Schrullig von nebenan, der die Musik ihres Nachbarn stets zu laut ist, dann wird’s auf BABYLON – Weise behutsam, freundlich-ironisch angefasst. BABYLON ist darauf aus, dass die Zuhörer Spaß haben, Freude an der Musik, Lust am Nachsinnen.

Wann BABYLONS Geheimwaffe – die Bassgitarre mit Strahlern – in der Show eingesetzt wird, wann nicht, Dieter hat das ebenso im Gefühl wie die richtige Lautstärke, sie ist ihnen wichtig, damit der Gesang stets gut zu verstehen ist. Auch wie das Programm geschickt gebaut wird aus internationalem und eigenem Repertoire gibt ihm sein Gefühl ein – so wie vieles andere mehr. Sagt Dieter.

Ich denke, da spielt bei allem eine gehörige Portion seiner Erfahrungen, menschlicher wie musikalischer mit hinein, spielen auch Souveränität und reichlich Verstand und Verständnis eine Rolle, summieren sich Überzeugungen, Wissen, Wollen und viel Können des ganzen gut funktionierenden und harmonisierenden Kollektivs BABYLON.