|
|
Junge Welt 10.09.1988 |
| Im Rampenlicht unverwechselbar sein |
| Waltraud Heinze |
| Im Gespräch mit Michael Barakowski - Erfahrungen und Sichten aus seiner Arbeit als Rockmusiker |
|
Er hat einige Kritik einstecken müssen für seine erste Langspielplatte "Rampenlicht". Aber Michael Barakowski ist keiner, der sich dann schmollend in die Ecke setzt. Im Gegenteil, er sucht das Gespräch, prüft andere Haltungen, wohl wissend aus langer Musikerpraxis, daß Selbstzufriedenheit das Ende von Kreativität, das Ende vom Lied im wahrsten Wortsinn wäre. Nun fällt einem nicht jeden Tag ein Hit ein wie "Zeit, die nie vergeht", aber wenn's passiert, dann wird man daran gemessen. Hat euch dieser Erfolgsdruck beschwert bei der Arbeit an der LP? Nein. Aber vor jeder Band, die zum ersten Mal ein Plattenstudio betritt, steht eine andere Hürde: Nämlich, sich die Ursprünglichkeit, Sicherheit und Ausstrahlung von Liv-Auftritten auch in der ungewohnten, nüchternen Atmosphäre eines Aufnahme-Studios zu erhalten. Also, selbst wenn ich fünfmal ein und dasselbe Lied hintereinander singen muß, weil ein Ton nicht ganz stimmte oder ein technischer Parameter, möchte es vital und seelenvoll klingen wie beim ersten Mal. Mit "Rampenlicht" hat der Lernprozeß für uns erst begonnen.. . Live-Erfahrungen hast du dafür um so mehr. Vom Kraftfahrer bei Karat über Tontechniker bei Express zum Sänger von Perl - nach fast sechs Jahren landetest du mit dieser Amateurband den Treffer des Jahres 1985 ,,Zeit, die nie vergeht". Inzwischen im dritten Jahr Berufsmusiker, was hat sich grundlegend geändert für dich? In die Arbeit ist mehr Stabilität, Ruhe eingezogen. Für das Klima ist ja nicht unwesentlich, daß eine Band keine existentiellen Sorgen hat, daß eine gute Anlage um die sich Techniker - wie jetzt die unseren - zuverlässig kümmern. Denn so paradox das klingt, Rockmusik will organisiert sein. In einer Amateurband lastet in der Regel der alltägliche Kram, wie Konzerte besorgen, Telefonate führen, Verträge schreiben, Anlage und Fahrzeuge warten und und und zusätzlich auf den Schultern der Musiker. Insgesamt verändert haben sich, glaube ich, die Erwartungen des Publikums. Es ist durch internationale Vergleiche, jetzt besonders durch die Live Erlebnisse mit großen Rockstars, kritischer geworden, weniger tolerant. Ob Berufs- oder Amateurbands, wir müssen heute mehr darum kämpfen, daß man uns zuhört. Der Druck, etwas Unverwechselbares auf die Beine zu stellen, ist stärker. Unverwechselbar sind deine Stimme, dein lmage - du bist für die Zuhörer der Bezugspunkt im Konzert. Du stellst auch die Nähe her zwischen Bühne und Saal, indem du ganz persönliche Ansagen machst - welche Rolle kommt der Band zu? Wenn du mit lmage meinst, daß ich, was ich bin, mein Wesen. ausdrücke, ausspiele, veräußere, dann habe ich eines, obwohl ich das Wort nicht mag. Aber wenn ich zwischen den Titeln erzähle. dann allein deshalb, weil es mir Spaß macht, ich den Kontakt brauche, um mich dann wohl zu fühlen beim Singen. Ein Messias bin ich nicht. Die Band ist viel mehr als eine Begleitband. Wir - Michael Otter (Gitarre), Uwe Karsten (Boß), Karsten Lipsius (Schlagzeug) und Andre Kunze (Keyboards) sowie ich - sind ein Team, an den Instrumenten, beim Komponieren, unterwegs über längere Zeit. Wenn wir uns "Michael Barokowski und Freunde" nennen, dann ist das nicht nur eine Floskel, dann stimmt das einfach. Freundlichkeit geht von dir aus, und so entspricht es dir sicher, daß auch deine Texte so sind. Reicht dir der Anspruch, mit deiner Musik, deinen Worten harmonisierend auf die Menschen zu wirken? Wenn man das schafft, ist es nicht wenig. Finde ich jedenfalls. Es war schon immer so, daß ich nur Sachen aufschreiben, singen kann, die mir selbst passieren, die ich persönlich fühle. Zur Zeit geht mir vieles durch den Kopf. "Das nächste Mal", sagt man so oft und wiederholt doch die alten Fehler. Was macht man aus Erfahrungen? Diese Frage könnte vielleicht als Thema über meinen neuen Liedern stehen. Oder wie hütet man sich vor Sattheit, Trägheit, erhält sich den Blick für die Nöte anderer ... Aber Zeit, Material zu sortieren, war bisher nicht. Bis Ende Oktober fahren wir in die Sowjetunion. Man wollte uns gern wiedersehen, nachdem wir dort im Sommer mit vier anderen DDR-Gruppen viele Konzerte in großen Stadien unter dem Motto „Rock für den Frieden" gaben. Aber im Herbst, wenn es zeitiger dunkelt und man sowieso mehr 'Muße hat, setz' ich mich ran. |