Rezension aus Melodie und Rhythmus 2/1988

Wolfgang Lange

     

Auf dieser seiner ersten Solo - LP tritt uns Michael Barakowski in Personalunion als Sänger, Komponist und Textautor gegenüber. Sprechen wir nicht sogleich von Mut, wenn jemand so etwas tut, nennen wir es immerhin risikobereit. Aber Barakowski lässt ja auch noch andere Autoren zu Wort kommen – z.B. Henning Protzmann ( Komposition, Texte ) oder Michael Otter ( Komposition ), der in der Begleitband die Gitarre spielt.

Da kein anderes Lied dieser LP solche inhaltliche Geschlossenheit und interpretatorische Überzeugungskraft – als Einheit – erreicht wie das schon 1985 mit Perl DDR-weit bekannt gewordene und geschätzte „Zeit die nie vergeht“ (M.B.) – ein unschwülstiges Sehnsuchtslied – ist es relativ leicht, den Grad der künstlerischen Wertigkeiten zu fassen:Der Sänger Michael Barakowski fesselt mich am meisten ! Weniger schon der Komponist M.B: - und bei den Texten drängen sich Fragen auf. Der Reihe nach.

Da haben wir nun wieder eine Stimme, die Stimmphysiologen flackernde Alpträume beschert: Heiser und rau ist sie, trocken und resonanzlos. Aber eine Stimme, die dampfender Gefühligkeit entgegentritt, eine Stimme, die nicht nur von bohrender Expressivität sein kann, sondern dem leisen einen Farbwert schenkt, der weit mehr als nur das Dynamische meint. Allerdings muss angemerkt werden, das auch so eine eindringliche Stimme wie die Barakowski es kaum schafft, blasse Inhalte ins Positive zu transformieren. Wie sollte sie auch?

Also die Texte und die blassen Inhalte. Rockmusiker haben – auch aus Gründen, die mit dem Mangel an guten Textautoren zusammenhängen – recht häufig selbst zur Feder gegriffen, damit aber oftmals einen Schritt zurück getan. Immer dann, wenn sie vom Pfade einer Rock-Tugend, nämlich auf den sozialen Gestus der Inhalte zu dringen, abwichen und sich dem oft pappigen Sprach-geschlappe der Popmusik näherten. Hier also: Allgemein blumige Vokabular, mehr oder weniger Traum umschlungen oder mit poetischen Honigfallen arbeitend ( angezogen von der dunstigen Süße fällt der Hörer hinein ); ich nenne „Fliege mit mir“ ( Musik Uwe Karsten, Ingo Griese/ Text M.B. ), „Einmal geboren“ (M.B., Protzmann/ M.B. ), „Liebesnacht ( Protzmann ). Manches ist gar textlich plakativ – „Meine Lieder“ ( M.B., Olter/ M.B., Protzmann )oder versucht, altbekannte Weisheiten mit erschlafften Formulierungsstandards den Anstrich neuer Sicht zu geben ( „Sehnsucht im Wind“ – Protzmann/M.B., Protzmann ). Zumal in der Rockmusik bin ich allergisch angesichts von Sätzen wie „weißt du noch, wie es im Sommer begann, der Mohn hat so rot geblüht“ und „ uns beiden war klar, das die Sonne nicht heißer glüht“ oder „halt die Zeit nicht an, bleib niemals stehn, Uhren müssen weitergehen“. Bilder, Metaphern – abgewetzt, verschlissen vom dauernden Zugriff. Mehr Sorgfalt im und mehr Verantwortung fürs Detail, die sind vonnöten. Darauf muss sich die neue Qualität unserer Rockmusik gründen, die wir nach Phasen der Stagnation wieder erreichen möchten. Schön, wenn uns gelegentlich der genialische Aus-einem-Guß Song ereilt, aber warten wir nicht auf ihn, sondern ehren wir das künstlerische Handwerk, indem wir es trainieren. Souveränität und Brillanz des Details sind die Bausteine des künstlerischen Entwurfs. Alldem müssen wir, scheint mir, wieder bedeutenderes Augenmerk schenken, mithin ein wacheres Bewusstsein für inhaltliche Sensibilität , Originalität und soziale Prägnanz gleichermaßen, für formale Strenge bei – selbstverständlich, ich sag `s dennoch – gleichzeitiger größtmöglicher Phantasienetfaltung.

Bleiben die Kompositionen, außer dem schon gelobten „Zeit die nie vergeht“. Sie erheben sich mitunter, und gerade durch ihre unprätentiöse Einfachheit, über manches Text-Gewölk – „Fliege mit mir“, „Einmal geboren“, und trotz einer fast inbrünstigen Übersteigerungstendenz – „Liebesnacht“ ( ein Duett mit Katrin Lindner, das leider eine spaltende Beziehungslosigkeit der Stimmen offenbart ). Aber es gibt auch melodisch-braves  und langweiliges, wie „Was Kinder fragen“ ( Olter/M.B.) wo eigentlich nur das instrumental-kompakte Nachspiel Interesse beansprucht. Und wieder ein ausgedehntes Instrumental-Finale im „Rampenlicht“ ( M.B., Drechsler/ M.B. ). Es handelt von einem Rockmusiker, der auf dem Weg nach oben, unbändig vollzogen, Liebe und Glück ließ, Frau und Freunde verlor, weil er nur die Strassen und die Band sah. „Helle Augen ( seines Publikums ) zu sehen, davon hat er geträumt“. Doch selbst die Wendung „Das Leben der anderen wurde ihm fremd“ verhindert nicht das der Titel auch musikalisch die märtyrerhafte Heroisierung eines Musikerschicksals vollzieht.

Michael Barakowski ist ein begabter Musiker, wer es noch nicht wusste, erfährt es durch diese LP. Das ist schon viel, ohne Zweifel. Doch bleibt ein wenig Verdruss zurück, weil einem das Geringfügige an textlich-musikalischer Leistung da und dort vermeidbar schien.