Neues Leben  11 / 1986

   
 

Thomas Fuchs

 

Begonnen hat alles 1984. Da fanden vier Musiker ( der Keyboarder kam erst später hinzu ) einen Nenner und einen Namen. Chicoree – das beschreibt den Inhalt der Lieder, leicht bitter, aber gesund, und hat außerdem ein bisschen internationalen Flair. („Für den Fall, das Chicoree eine Weltkarriere schafft, können sich auch diejenigen den Namen merken, die bisher noch Chick Corea und Chicago kannten“.)

Ganz schön „unbescheiden“. Aber die fünf machten von Anfang an kein Geheimnis daraus, das sie später mal ganz vorne in unserer Rockszene mitmischen wollten.

Nach vier intensiven Probemonaten sollte die erste Einstufung gleich „Sonderstufe“ bringen. Neben dem Titel „Hervorragendes Amateurtanzorchester der DDR“ ( Chicoree ist es inzwischen ) ist dies die höchste Stufe, die eine Amateurband erreichen kann. Doch erstmal gab `s Oberstufe, was die vier „Chicoree-sen“ sehr wurmte, denn ehrgeizig waren sie schon immer.

Beim zweiten Anlauf klappte es mit der „Sonderstufe“. Nun wurden einige Leute der Fachszene hellhörig. Eine neue, noch ganz junge Band, die ausschließlich mit eigenen Titeln auftritt und dabei noch bei jungen Leuten ankommt – das findet man nicht oft.

Die Auftritte häuften sich; ein Höhepunkt war das Chicorees Teilnahme am „Rock für den Frieden“ im Januar im Palast der Republik. In Berlin war die Band zu diesem Zeitpunkt schon so was wie eine lokale Attraktion.

Es ist ungewöhnlich, wenn eine so junge, relativ unbekannte Gruppe ausschließlich eigene Lieder spielt. Chicoree tut `s und kommt an. Vielleicht weil sie auch nicht viel älter sind als ihr Publikum, dessen Fragen, Gedanken, Gefühle die ihren sind ? Da geht es in ihren Songs um Typen, die ihre Fahne nach dem Wind drehen ( „Kalle Chamäleon“ ), um die Einengung der eigenen Gefühlswelt ( „Ausbruch“ ) um die Angst vor Alltagsallerlei ( „Trott“ ), um Partnerbeziehungen ( „Was du verlangst“ ), oder um die konkrete Tat des Einzelnen, die nötig ist, um weiter zu leben ( „ Elli im Wunderland“ ).

Dirk Zöllner, der Sänger, schreibt sich die Texte auf den Leib. Man spürt im Konzert, das er hinter jedem Satz steht, auch die Band. As macht die Sache glaubhaft, selbst wenn dies und das noch nicht so ausgefeilt ist. Die Ideen, sagt Dirk, kommen ihm spontan. Zum Beispiel habe ihn Elem Klimows Film „Geh und sieh“ stark beeindruckt. Vielleicht ein Impuls für einen neuen Song.

Auch Liebeslieder gehören zu ihrem Repertoire. Einige klingen ein wenig schnulzig, ehrlich gemeint sind sie alle. Sie sind Amateure, und das bedeutet unter anderem, das neben der Erarbeitung neuer Lieder auch noch viele andere Dinge in Eigenregie zu bewältigen sind. So der ganze organisatorische Kram, die Technik. Zum Glück hat Chicoree da hilfreiche Partner: die Bezirksleitung der FDJ, das Berliner Haus für Kulturarbeit.

Der Fördervertrag mit der FDJ ermöglichte ihnen zum Beispiel Unterricht an der Musikschule Friedrichshain. Für Autodidakten, die sie allesamt waren, besonders wichtig.

Wer Chicoree musikalisch in eine Schublade stecken will, hat es nicht leicht. Stilistisch orientieren sich die fünf am Funky, doch jeder von ihnen bringt zudem seinen eigenen Musikgeschmack ein:

Der Sänger Dirk Zöllner steht auf Soul, der Bassist Frank Bennecke mag angefunkte Sachen wie zum Beispiel „Level 42“ ( die nicht nur Hits wie „Lessons In Love“ spielen ). Die beiden bestimmen hauptsächlich den Sound von Chicoree, aber Heavy-Metal-Fan Garret Matzko ( Gitarre ), Pop Stratege Andre Kuntze ( Keyboards ) und der familär jazzig vorbelastete Achim Schulze ( Schlagzeug ) können ihre Vorlieben auch nicht verleugnen. Da wird jeder ernst genommen, ist gleichberechtigt.

Die fünf Musiker sind auch fünf Freunde ( deshalb sie auch bislang allen verlockenden Angeboten renommierter Bands widerstanden ). Um Team gehören zwei Techniker, die für die Band viel Zeit ans Bein binden.: Marco Hoffmann kümmert sich um den Ton. Und dafür, das alles im rechten Licht erscheint, sorgt Reyk Zöllner.

Wie läuft bei euch so eine Woche ab ? fragen immer wieder Fans.

So ziemlich normal, sagen die Musiker. Wir arbeiten alle, Achim schloss vor kurzem erst seine Lehre ab; ein Grund, weshalb wir in der ersten Jahreshälfte vor allem in Berlin spielten.

Nach der Arbeit proben sie ( immer noch fehlt ein geeigneter Probenraum, da muss oft improvisiert werden ), oder sie fahren zur Mugge, oder – was nach nicht so häufig ist – sie produzieren im Studio, im Rundfunk oder bei der Platte.

Die Chicoree – Mannen versuchen das vorzuleben, was sie auch in ihren Songs vermitteln wollen: Natürlichkeit. Und das sie noch keine gesetzten Herrschaften sind, kommt dazu noch ein gehöriges Maß an Verrücktheit.

Für die Zukunft hat Chicoree viel vor. Natürlich kämpft die Band um Erfolg, aber sie rennt deswegen nicht jedem neuen Trend hinterher. Chicoree will mit eigenen Ideen bei den Leuten bestehen.

Als wir uns trafen, bereiteten sie sich gerade auf die FDJ – Werkstatt Jugendtanzmusik vor, die vor ein paar Tagen in Suhl zu Ende ging. Außerdem ist eine Kleeblatt – LP bei Amiga geplant. Und natürlich stehen in diesem Jahr noch eine Reihe Live – Auftritte an. Die beste Möglichkeit, die eigenen Maßstäbe auf ihre Wirksamkeit zu testen.