Melodie & Rhythmus  4 / 1986

   

CHICOREE – leicht bitter und gesund

Lilian Teuschler

Es ist schon irgendwie erstaunlich. Da finden sich ein paar junge Menschen zusammen, die vorher so gut wie nie ein Instrument in der Hand hatten und wollen Musik machen. Schaffen es wahrlich in etwas mehr als einem Jahr, als Rockband der Sonderstufe handfest in die Berliner Amateurszene einzugreifen. Und das reicht ihnen noch nicht:

„Wie war das doch - Rockhaus will die Puhdys ablösen? Wir lösen Rockhaus ab!"

Überhebliche Spinner? Sie machen kein Hehl daraus, berühmt werden zu wollen. Mit dem nötigen Ehrgeiz, fast schon verbissen. Anfangs wurde nur geprobt. Monatelang, im stillen Kämmerlein und ohne Bestätigung durch ein Publikum. Ausschließlich eigene Titel entstanden, wissend um das Risiko, vielleicht keine Muggen zu bekommen, weil man halt nichts international Bekanntes zum besten gibt und für Selbstgemachtes noch nicht bekannt genug ist.

Nur: Sie haben das Gespür dafür, sich musikalisch von der Masse abzuheben, ohne gänzlich am „Kommerz" vorbeizuspielen. Mit etwas Wave, Jazz, Soul, mit Funky-Bass und dennoch Rockmusik, überschaubar in ihrer Struktur. Im Januar 1985 hatten sie ihren ersten öffentlichen Auftritt.

Anfang 1986 habe ich CHICOREE im Klub der Berliner Bauarbeiterjugend erlebt. „Rock vom Bau" nennt sich eine der Veranstaltungsreihen, in der junge Amateurgruppen vorgestellt werden. Ein intimer, für eine Rockband recht kleiner Rahmen. Allerdings schien mir dieses „Hautnahe" bei CHICOREE trotz aller Einengung und technischer Kompromisse sowohl der Band als auch dem Publikum zugute zu kommen. Meine: das direkte, unmittelbare Erleben ihrer Sensibilität in Musik und Texten. Texten, die sich der Sänger Dirk Zöllner selbst auf den Leib schreibt. Oft bildhaft, meist kritisch, aber keine Meckertexte. Kleine Geschichten aus der jugendlichen Gefühlswelt, um die Angst, dem Alltagseinerlei nicht entrinnen zu können („Trott"), um den Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben und dem Dazu-tun-müssen jedes einzelnen („Elli im Wunderland"), um zu hohe Ansprüche an den Partner in einer Liebesbeziehung („Was du verlangst"). Dirks Stimme ist wandlungsfähig. Kann gefühlvoll sein oder aggressiv, wie zum Beispiel bei dem hervorragend interpretierten Titel „Der Ausbruch".

CHICOREE -Musik ist vielschichtig. Bedingt sicher auch dadurch, das für die Kompositionen alle verantwortlich zeichnen, jeder seine Vorstellungen in puncto Arrangement einbringt.

Sie können noch keine lange Litanei von Funk- und Fernsehproduktionen vorzeigen. Ihre Live-Konzerte aber ließen aufhorchen, ob ihres Bemühens um Frische und Originalität, ob ihrer sichtbaren Spielfreude. Ein Fördervertrag mit der FDJ ­Bezirksleitung Berlin ermöglicht der Gruppe eine Studio-Zusammenarbeit mit Gunther Wosylus; der erste Titel wurde bereits produziert. „STOP! Rock" ist im Gespräch, ebenso Produktionen für eine „Kleeblatt"- LP. Seit September vergangenen Jahres erhalten die bisherigen Autodidakten Unterricht an der Musikschule Berlin-Friedrichshain. Gamet Matzko, der Gitarrist, übt täglich bis zu sechs Stunden auf seinem Instrument. Der bislang professionellste ist der Keyboarder. Andre Kuntze, seit Januar '86 bei CHICOREE, studiert an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler" in Berlin.

Zu CHICOREE gehören weiter: Frank Brennecke (b), Achim Schulze (dr), Dirk Zöllner (voc) sowie die beiden Techniker Reyk Zöllner und Marcel Hoffmann. Und warum gerade CHICOREE? „Das klingt so ähnlich wie Scirocco, Chicago, Gigolo ..., also irgendwie bekannt, wie schon mal gehört. Außerdem verbirgt sich in CHICOREE unser Anspruch an die Texte: leicht bitter und gesund!"