Rezension aus Neues Leben  5/1987

Wolfgang Martin

 Ganz klar die Nummer 1 in diesem Monat - und ich denke, sehr lange noch: die neue City - LP "Casablanca".

Für mich das Beste, was ich seit geraumer Zeit an deutschsprachigem Rock gehört habe. Zwei Jahre haben sich die vier Berliner Musiker Zeit für diese Platte genommen ... und es hat sich gelohnt. Auch wenn sie eigene Traditionslinien - vor allem in der Musik - nicht total verleugnen, finden sich doch jede Menge neue Ansatzpunkte. Gabe es an ihren beiden Vorgänger - Scheiben "Feuer im Eis" sowie "Unter der Haut" im Nachhinein, auch aus selbstkritischer Sicht der Musiker, Abstriche an der Komplexität des künstlerischen Produkts zu machen, legen sie nun mit "Casablanca" ein Konzeptalbum vor, das diesen Titel zurecht verdient.

Kintopp, Leinwandhelden und Filmerlebnisse gehören zum Leben von jedem von uns ... Und gibt es mal wieder einen Anstoß dazu, treten diese Schlüsselerlebnisse aus Kindheit und Jugend sehr nachhaltig in das Bewusstsein unserer Erinnerungen ... machen wehmütig und traurig, entlocken hier und da ein verschmitztes Lächeln. City gibt diesen Anstoß. Und immer wieder. Ich habe die Platte mit den 9 Songs gerade zum vierten Mal gehört.

Bei dieser LP stimmt einfach alles, von der Idee bis zur Umsetzung. Kino - tausendfach dem Fernsehen geopfert und immer wieder auferstanden. Hoffentlich kommt ein solcher Film-Klassiker wie "Casablanca" ( mit jener Musik "As Time Goes By" ) zum Wiedereinsatz in die Lichtspielhäuser... Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann ... dazu heute die Musik von City. Die Arrangements und Sounds sind gerade so sparsam oder aufwendig, das sie jeweils die Wirkung der einzelnen Songs erhöhen. Details muss sich jeder selbst erschließen. Ich habe mich jedenfalls sehr darüber gefreut, mit welcher Konsequenz - im Sinne des gemeinsamen Anliegens - jeder Musiker sein profiliertes Spiel einbringt, Toni Krahl mit seinem ganz eigenen Charisma zu einem noch überzeugenderen Sänger geworden ist.

Führt uns der Titelsong auch weit weg, nach Casablanca, spielen die Geschichten der anderen Songs zwischen "Cinema Hall" und Biertisch nicht gerade unterm "Pfefferminzhimmel", aber in einer Realität und Gegenwart, die nun schon wieder 26 Jahre Geschichte hat.