Rezension aus Neues Leben  6 / 1987

Dr. Lothar Dungs

Auch wer sich in Rock – und Popmusikgefilden eher informiert fühlt als in der kinematographischen Branche, ist mit dem Thema des Titelsongs dieser nunmehr sechsten CITY – LP garantiert schon in Berührung gekommen. Es gab da vor kürzerer Zeit mal eine gleichnamige Disko Nummer, Nik Kershaw hat ein Lied darauf geschrieben, und natürlich gab es da die Adaption einer ganzen Filmszene, wie sie 1979 Udo Lindenberg für seine „Detektiv“ – LP eingespielt hat. Irgendwo hat man diese Filmszene, dieses Bild, wie es bei CITY beschrieben wird, bestimmt schon gesehen:

Humphrey Bogart, den Hut ins Gesicht geschoben, mit der zu diesem Gesicht gehörenden Zigarette im Mundwinkel … Die fast kulthafte Inszenierung eines nie enden wollenden Abschiedes, der Tragik menschlicher Leidenschaften schlechthin, eine Harmonie der Erscheinung, die aus der unerträglichen Größe vorgeführter Sehnsucht erwächst …

Sehnsucht – sie scheint mir ein Eckpfeiler in den Texten der neun Lieder dieser Platte zu sein. Sehnsucht nach Großzügigkeit im Gefühl, nach Vollkommenheit, nach geistiger Weite im menschlichen Miteinander.

Neben dem Aufhänger „Casablanca“ kommen teilweise spielerisch noch andere große Filme ins Gespräch ( „Jenseits von Eden“, „Die Kraniche ziehen“, „Vom Winde verweht“ ). Kino und Filme als zweite thematische Ebene, und, wie könnte es anders sein, natürlich ist für CITY auch Berlin ein Thema, direkt angesprochen, aber auch in den angeschnittenen Problemen benannt.

„Cinema Hall“ heißt die Einstiegsnummer, und nach den ersten Tönen schon wird die produktionstechnische Qualität und Sorgfalt hörbar, mit der die Platte realisiert worden ist. Den Musikern stand offenbar modernstes technisches Gerät zur Verfügung, das von den Produzenten sehr souverän und äußerst liebevoll eingesetzt worden ist ( man höre in diesem Zusammenhang mal gezielt auf die Gitarren ). Für diesen Bereich rundum große Anerkennung.

„Cinema Hall“ erinnert von der thematischen Anlage her an die nostalgische Geschichte des alten Chicagoer Revuetheaters „Paradise Theatre“, wie sie 1980 von der Gruppe „Styx“ als Konzept – LP veröffentlicht worden ist. Bei CITY sind es die zahllosen Kinos, wie es sie einmal in den 20er und 30er Jahren gegeben hat.

An „Cinema Hall“ schließt sich der Titelsong an. „Casablanca“ ist sehr originell aufgemacht mit eingestreuten englischsprachigen Textzitaten und einer Original Ton-Collage aus dem Film. Für den Hit dieser Platte halte ich dieses Lied dennoch nicht.

Ebenfalls originell in der Anlage, jedoch auf einer völlig anderen Ebene, ist das letzte Stück der A-Seite. Man fasst es kaum: „Wo die Palmen sich verneigen, wo die Purpursonne weint, will sie in die Gondel steigen und will ganz woanders sein.“ Und genauso auch die Melodie dazu im Refrain. Hier wird in der Schilderung des Süßigkeiten verkaufenden Mädchens im Kino Foyer und ihrer sehnsuchtsvollen Träume, wenn der Hauptfilm läuft, bewusst oder unbewusst eine Tradition aufgegriffen. Ich fühle mich an den Gestus dieser alten Küchenlieder erinnert, über die sich vorschnell erhaben zu lächeln leider eingebürgert hat. Kitsch wird seine Wirkung nie verlieren, sowenig er eindeutig zu definieren ist. Ich glaube das aus dieser Überhöhung in der phantastisch doppelbödigen Eindeutigkeit der Interpretation durch Toni Krahl eine starke Wirkung von diesem Lied ausgeht.

Ebenfalls von Sehnsüchten erzählt „Nachts in meinen Träumen“, er ist mein persönlicher Favorit auf dieser LP. Dieses Lied, das von unerfüllter Sehnsucht und ihrer Erfüllung im Traum singt, ist von durchgehender dramatischer Spannung beherrscht, in der trotzdem eine rhythmische Linie gewahrt bleibt.

Ich spreche damit einen Punkt an, der bei anderen Stücken, obwohl nach meiner Auffassung sinnvoll, nicht durchgesetzt worden ist. „Wand an Wand“ hätte es gehabt, einfach mehr zu metern: Das Timing stimmt, die Textidee („mein Bett steht 20cm neben deinem“, die Wandstärke eben ) hätte es vertragen, die Songstruktur hätte es verlangt. Tanzbarkeit ist kein Konzept, aber dieses Stück hätte die Tanznummer der Platte sein können.

Sehr ernst, ironisch bissig und auch etwas bitter die Stücke „Noch `n Bier“ ( materieller Wohlstand kontra geistiger Substanz, Schauplatz der Handlung von mir nicht eindeutig identifiziert ), „Halb und Halb“ ( ein beklemmender text gegen die fahle Halbherzigkeit ) und schließlich der große Antihit „Gute Gründe“ am Ende der Platte. Die Gitarrenbegleitung zu diesem Anti-Spießer-Lied ist ein Kleinod an arrangement-, sound – und textbezogener Arbeit.

„Casablanca“ ist eine Platte, die von sehr persönlich Bedeutungsvollem erzählt, also nicht von Belanglosigkeiten ( wer Titti Flanell und Kuno Kleinfeldt auch immer sein mögen … ). CITY hat mit dieser Platte deutlich eine Weiterentwicklung dokumentiert. Dies wurde unter anderem auch möglich durch die Art der Zusammenführung künstlerischer Substanz mit den heute für die populäre Musik unverzichtbaren modernsten technischen Möglichkeiten …

Ich bin gespannt auf die Umsetzung des Materials in der Live – Präsentation.