|
Auch
wer sich in Rock – und Popmusikgefilden eher informiert fühlt als in
der kinematographischen Branche, ist mit dem Thema des Titelsongs
dieser nunmehr sechsten CITY – LP garantiert schon in Berührung
gekommen. Es gab da vor kürzerer Zeit mal eine gleichnamige Disko
Nummer, Nik Kershaw hat ein Lied darauf geschrieben, und natürlich gab
es da die Adaption einer ganzen Filmszene, wie sie 1979 Udo Lindenberg
für seine „Detektiv“ – LP eingespielt hat. Irgendwo hat man diese
Filmszene, dieses Bild, wie es bei CITY beschrieben wird, bestimmt
schon gesehen:
Humphrey Bogart, den Hut ins Gesicht geschoben, mit der zu diesem
Gesicht gehörenden Zigarette im Mundwinkel … Die fast kulthafte
Inszenierung eines nie enden wollenden Abschiedes, der Tragik
menschlicher Leidenschaften schlechthin, eine Harmonie der
Erscheinung, die aus der unerträglichen Größe vorgeführter Sehnsucht
erwächst …
Sehnsucht – sie scheint mir ein Eckpfeiler in den Texten der neun
Lieder dieser Platte zu sein. Sehnsucht nach Großzügigkeit im Gefühl,
nach Vollkommenheit, nach geistiger Weite im menschlichen Miteinander.
Neben
dem Aufhänger „Casablanca“ kommen teilweise spielerisch noch andere
große Filme ins Gespräch ( „Jenseits von Eden“, „Die Kraniche ziehen“,
„Vom Winde verweht“ ). Kino und Filme als zweite thematische Ebene,
und, wie könnte es anders sein, natürlich ist für CITY auch Berlin ein
Thema, direkt angesprochen, aber auch in den angeschnittenen Problemen
benannt.
„Cinema
Hall“ heißt die Einstiegsnummer, und nach den ersten Tönen schon wird
die produktionstechnische Qualität und Sorgfalt hörbar, mit der die
Platte realisiert worden ist. Den Musikern stand offenbar modernstes
technisches Gerät zur Verfügung, das von den Produzenten sehr souverän
und äußerst liebevoll eingesetzt worden ist ( man höre in diesem
Zusammenhang mal gezielt auf die Gitarren ). Für diesen Bereich rundum
große Anerkennung.
„Cinema
Hall“ erinnert von der thematischen Anlage her an die nostalgische
Geschichte des alten Chicagoer Revuetheaters „Paradise Theatre“, wie
sie 1980 von der Gruppe „Styx“ als Konzept – LP veröffentlicht worden
ist. Bei CITY sind es die zahllosen Kinos, wie es sie einmal in den
20er und 30er Jahren gegeben hat.
An
„Cinema Hall“ schließt sich der Titelsong an. „Casablanca“ ist sehr
originell aufgemacht mit eingestreuten englischsprachigen Textzitaten
und einer Original Ton-Collage aus dem Film. Für den Hit dieser Platte
halte ich dieses Lied dennoch nicht.
Ebenfalls originell in der Anlage, jedoch auf einer völlig anderen
Ebene, ist das letzte Stück der A-Seite. Man fasst es kaum: „Wo die
Palmen sich verneigen, wo die Purpursonne weint, will sie in die
Gondel steigen und will ganz woanders sein.“ Und genauso auch die
Melodie dazu im Refrain. Hier wird in der Schilderung des Süßigkeiten
verkaufenden Mädchens im Kino Foyer und ihrer sehnsuchtsvollen Träume,
wenn der Hauptfilm läuft, bewusst oder unbewusst eine Tradition
aufgegriffen. Ich fühle mich an den Gestus dieser alten Küchenlieder
erinnert, über die sich vorschnell erhaben zu lächeln leider
eingebürgert hat. Kitsch wird seine Wirkung nie verlieren, sowenig er
eindeutig zu definieren ist. Ich glaube das aus dieser Überhöhung in
der phantastisch doppelbödigen Eindeutigkeit der Interpretation durch
Toni Krahl eine starke Wirkung von diesem Lied ausgeht.
Ebenfalls von Sehnsüchten erzählt „Nachts in meinen Träumen“, er ist
mein persönlicher Favorit auf dieser LP. Dieses Lied, das von
unerfüllter Sehnsucht und ihrer Erfüllung im Traum singt, ist von
durchgehender dramatischer Spannung beherrscht, in der trotzdem eine
rhythmische Linie gewahrt bleibt.
Ich
spreche damit einen Punkt an, der bei anderen Stücken, obwohl nach
meiner Auffassung sinnvoll, nicht durchgesetzt worden ist. „Wand an
Wand“ hätte es gehabt, einfach mehr zu metern: Das Timing stimmt, die
Textidee („mein Bett steht 20cm neben deinem“, die Wandstärke eben )
hätte es vertragen, die Songstruktur hätte es verlangt. Tanzbarkeit
ist kein Konzept, aber dieses Stück hätte die Tanznummer der Platte
sein können.
Sehr
ernst, ironisch bissig und auch etwas bitter die Stücke „Noch `n Bier“
( materieller Wohlstand kontra geistiger Substanz, Schauplatz der
Handlung von mir nicht eindeutig identifiziert ), „Halb und Halb“ (
ein beklemmender text gegen die fahle Halbherzigkeit ) und schließlich
der große Antihit „Gute Gründe“ am Ende der Platte. Die
Gitarrenbegleitung zu diesem Anti-Spießer-Lied ist ein Kleinod an
arrangement-, sound – und textbezogener Arbeit.
„Casablanca“ ist eine Platte, die von sehr persönlich Bedeutungsvollem
erzählt, also nicht von Belanglosigkeiten ( wer Titti Flanell und Kuno
Kleinfeldt auch immer sein mögen … ). CITY hat mit dieser Platte
deutlich eine Weiterentwicklung dokumentiert. Dies wurde unter anderem
auch möglich durch die Art der Zusammenführung künstlerischer Substanz
mit den heute für die populäre Musik unverzichtbaren modernsten
technischen Möglichkeiten …
Ich bin
gespannt auf die Umsetzung des Materials in der Live – Präsentation. |