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Melodie & Rhythmus 3 / 1988 |
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Aufbruch |
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Waltraud Heinze |
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Zurückliegende Begegnungen
mit DATZU fanden in besonderen Situationen für die Band statt. 1985 -
Aufbruchstimmung, die Gruppe hatte sich gerade formiert. 1986 -
Umbruchstimmung, "Bimbo", Peter Rasym war als neuer Bassist, Anett mit dem
noch frischem Staatsexamen in der Tasche als neue Sängerin dazu - und Ingo
von der Armee zurückgekommen. Und im Januar `88, als vorm Zimmerfenster
des Oleak - Studios gerade zu aller Freude der erste Schnee diesen Winters
in dicken, nassen Flocken fällt, hängt so etwas wie Aufbruchstimmung in
dem kleinen Raum. Keine hektische, mehr so eine gelassene, die aus der
Harmonie gemeinsam gewachsener Möglichkeiten, aus produktivem neuen Ansatz
kommt. Neu für mich im DATZU Kreis - ein bärtiger Typ - der Texter Michael Sellin. |
Er hat viel damit zu tun, das die Band bei der Vorbereitung einer ersten DATZU - LP nachdenkt über neue Ansprüche. Sie sind auch an jenem Tag derart im Zentrum des Interesses und Gesprächs, das ich sie vom Standpunkt der Sängerin, des Komponisten und des Texters aufzeichnete:
Anett Kölplin:
Ich habe das Gefühl, als wäre erst jetzt der richtige Anfang. Das hat mit der Freude auf eine mögliche LP zu tun, was meinen Ehrgeiz sehr viel mehr anstachelt. Aber auch mit dem Drang, sich persönlich darzustellen. Für mich ist das neu, weil ich es bisher nicht vermochte, mich so ganz aufzumachen. Nach anderthalb Jahren passiert plötzlich dieser Sprung, das ich mich einfach für wichtig halte und mich akzeptieren kann, auch mit all meinen Fehlern. Ich habe große Hoffnung, das Michael Sellin mich gut ausdrücken kann in meinem Denken und Fühlen, und ich möchte den Mut aufbringen, dies auch von der Bühne zu den Leuten zu bringen. Denn eigentlich ist ja nicht wichtig, ob du da oben in der kehle ein paar schöne Töne hast. Was zählt, ist das stimmliche Material mit Persönlichkeit zu koppeln - individuell zu sein.
Michael Sellin:
Ich bin froh, DATZU kennen gelernt zu haben, denn bis hin zum Tonmann und Org.- Leiter Rolf Henning spürst du, das da erwachsene Leute ihre ganz individuellen Erfahrungen und Gedanken zum Leben haben und sie reflektieren möchten.
Rainer Oleak:
Komischerweise ist es ja so: Wenn man sich selbst ausdrückt, kommen Probleme zur Sprache, die viele bewegen. Lieder von City oder Silly sind auch aus eigenem Anspruch heraus geschrieben und gerade deshalb so originell, von Interesse ...
Michael Sellin:
Dieser Anspruch ist nicht nur eine Entscheidung für den Texter, sondern auch für Ole als Komponisten. Er, der sein Talent vielfach unter beweis stellte, der unter so vielen Möglichkeiten und Ideen wählen kann, muss sich entschließen, ob er den gierigen Musiker in sich auslebt, der es bis zum Perfektionismus treibt, oder ob er seine Seele zum Ausgangspunkt macht.
Rainer Oleak:
Ich habe tatsächlich bei jedem Titel Probleme mit den Zutaten und fechte utopische Kämpfe darum, ob ich mal das Schlagzeug oder anderes weglasse. Denn verzichtet man auf bestimmte Stereotype, läuft man Gefahr, außerhalb des Zeitgeschmacks zu liegen und durch die Roste zu fallen. Wir befinden uns insofern in der Veränderung, als wir innerhalb der DDR-Musikszene nichts Nutzloses machen wollen und von daher die Textaussagen stärker diskutieren. Allerdings ohne uns von der Überzeugung zu lösen, nach der du als Künstler heute, da der Mensch an so viele Reize gewöhnt ist, nur die Chance hast gehört zu werden, wenn du verschiedene Dinge collageartig zusammenfügst; sei es Bewegung, Licht, Inhalt, Ausdruck, Show oder der Schuss Selbstironie mit dem du Privates relevant machst für andere. Es widerstrebt auch meinem kompositorischen Gefühl, eine traurige Melodie zu einem traurigen Text zu machen. Das ist, als schaute ich in eine Richtung und sähe genau das, was ich dort erwarte.
Jede ungewohnte Zusammenführung von Altbekanntem aber bringt neue Wirkungen, auch bei der von Text und Musik. Also ernst zu nehmende Texte bedeuten auf keinen Fall einen Verzicht auf Spaß, den Musik macht, auf das spielerische Moment ...
Michael Sellin:
Wir können, soll DDR - Rockmusik auch eine solche sein, nicht länger unter der Gesellschaft hinwegleben, wie Werner Karma das formulierte. Ein Beispiel, die unsere Konzeption vielleicht deutlich macht: Jeder bemerkt in einer kritischen Situation - beispielsweise einer gefährdeten Freundschaft - wie schwer es fällt, sich in einem Brief perfekt auszudrücken. Aber weil nicht die Perfektion, sondern die Verständigung der Sinn ist, tut man es, naiv vielleicht und ohne Lösungen parat zu haben, einfach, um den anderen und sich zu ermutigen. Ähnliche Wirkungen könnten die Lieder haben, die Ole und ich schreiben und die DATZU anbieten will. Ich will nicht länger über Unfertiges reden, aber soviel steht fest: Die Texte werden stark an Anetts Erfahrungswelt gekoppelt sein und dennoch viel von meinem Anspruch beinhalten, gesellschaftliche Bezüge an Hand individueller Schicksale herzustellen.
Rainer Oleak:
Wir glauben, um das realisieren zu können, ist ,sehr entscheidend, mit welchen Musikern man zusammenarbeitet. Ich kann viele meiner Vorstellungen nur durch die Mitarbeit der Kollegen verwirklichen; und da muss man einfach alle nennen:
Peter Rasym ( Bass ), Peter Lorenz ( Saxophon, Gesang ), Ingo Politz ( Schlagzeug ) und Stefan Schirrmacher ( Gitarre ).
Durch die Teile, die jeder einzelne zuliefert, bekommt ein Lied eine ganz andere Dimension. Das sollte, wenn wir hier über DATZU `s Zukunft reden, nicht unter `n Tisch fallen.