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Die
Altmeister lassen nicht locker. Tina, seit 34 Jahren auf den Bühnen,
die Stones im 28., Status Quo, Nazareth und all die anderen touren auf
Grabstein komm raus. Die Puhdys schleppten sich in ihrer Agonie bis
zum 20., und Karat scheint mit ähnlichem zu drohen. Reunions,
Comebacks und Revivals züchten Jubiläen und Feiern am Fließband. Die
Medien schlagen dankbar Purzelbäume.
Da
feiert jemand fernab der Music cities fünftes Bandjubiläum. Unbemerkt
fast. Insgesamt aus beiden deutschen Staaten keine zehn Fotografen,
Journalisten und Fernsehleute. Dabei gehört DEKAdance zum
Interessantesten der momentan deutschen Rockszene. Kraftstrotzender
Bläserrock, Anti -Texte, stilvoll ohne stilistische Festlegungen.
Über Mühen, Erfahrungen und Erfolge eines halben Jahrzehnts Musik
sprach „m + r" mit Bandchef Bert Stephan.
Gratulation zum fünfjährigen Bestehen. Wie ernsthaft seid ihr bei der
Gründung von DEKAdance an die Zukunft gegangen?
Halb
geplant und halb spontan fand sich die Urbesetzung bei meinem 24.
Geburtstag am 31. Mai 1985 erstmals zusammen. Wir musizierten ein
bisschen rum, und haben dann gemeint, wir sollten mal was zusammen
machen. Etwas Gewaltiges, etwas anderes, etwas Viehisches auf gut
Dresdnerisch. Ohne konkrete Vorstellungen hab' ich dann irgendwelche
Harmonien aneinandergereiht, Lieder geschrieben, und wir probten und
tranken zwei Jahre nur. Also eigentlich mehr tranken. Ende '87/Anfang
'88 hatten wir uns dann einen gewissen Stand erspielt.
In
DEKAdance fanden sich Leute sehr verschiedener musikalischer Herkunft.
Wir
waren damals alle Studenten, sind's zum Teil heute noch. Ich möchte
aber betonen, das die Hochschule für Musik hier in Dresden eine total
lahme Schule ist und nichts mit unserem - nennen wir es ruhig - Erfolg
zu tun hat. Ja, Hansi Noack, unser Geiger als eingefleischter
Free-Jazz-Fan, spielte damals in allen möglichen Kapellen mit. Ich
hab' Dixieland gemacht. Für die anderen war DEKAdance - das Wortspiel
hab' ich mal an irgendeiner Mauer gelesen und mich sofort verliebt -
wohl die erste Band.
Es
gab zwischenzeitlich neben euch bis zu sechs Splitterbands, habe ich
gelesen?
Heute
existiert faktisch nur noch eine, das New Fantastic Art Orchestra of
North. Da spielen wir alle mit, verstärkt mit einem Haufen Bläsern.
Dann gibt's Code M. D. und Panik im Dschungel, die nur noch sporadisch
zusammenkommen. Für alle Bands ohne großen Namen wird's in Zukunft ja
eh schwerer. Diese Projekte dienten hauptsächlich anderen
musikalischen Ambitionen einzelner von uns. Als wir merkten, das wir
damit auch Geld verdienen, haben wir das natürlich weiterverfolgt.
Welche musikalischen Lücken hat denn DEKAdance, die man anderswo
verfolgen muss?
Code M.
D. ist eine Miles-Davis-Geschichte, totale Improvisation, also ganz
anders als DEKAdance. Und Panik ist viel härter. Es gab ja auch mal
die sehr rockigen Väter. Wenn wir all unsere Gedanken in DEKAdance
gesteckt hätten, wären wir vielleicht schon eine ganze Spur weiter.
Aber das bereut, glaube ich, niemand.
Eure
neue Coca-Cola-Hymne ist hart kommerziell, das überrascht doch sehr.
Wie beschreibst du euer musikalisches Konzept? Passt der Titel da
rein?
Ich
beschreibe unsere Musik überhaupt nicht. Wir versuchen (ich sage das
heute als Wertung mit dem Blick zurück, das ist also so nie geplant
gewesen!) eine ziemlich gelungene Gratwanderung zwischen Kommerz und
Kunst, Art, etwas Besonderes eben. Richtig ist: Wir machen keine Hits.
Wir wollen als Gesamtkonzept ankommen oder gar nicht. Wobei auch dem
einen oder anderen mal ein einzelner Titel gefallen kann. Ich hab'
nichts gegen Kommerz, aber die Hitparade, die wir stürmen, möchte ich
erst mal hören.
Wie
seid ihr mit eurem früher nicht sehr opportunen Bandnamen, mit euren
schwer greifbaren englischen Texten zurechtgekommen? Oder
vielmehr, wie sind andere Institutionen mit euch zurechtgekommen?
Offiziell hatten wir nie Nachteile. Wir konnten als erste der jungen
Bands eine LP machen, hatten vor dem 9. November Pass und Westkonzert.
Als es in Dresden im Oktober/November losging ... na, Steine haben wir
nicht geworfen, aber wir waren dabei. Doch wir sind vordergründig eine
total unpolitische Band. Statements liegen mir fern. Ich fühle mich
nicht berufen, anderen meinen Standpunkt erklären zu müssen. Unsere
Musik, unser Auftreten, unsere Gags sind für viele auslegbar. Mancher
erkennt, was auch er fühlt, viele verstehen' s gar nicht, viele
amüsieren sich einfach. Wir versuchten, uns so fern wie möglich zu
halten, uns nicht mehr einzufügen als nötig. Ist das nun politisch?
Wir hatten 's eigentlich gut, man hat uns machen lassen. Wohl, weil
man nie wusste, wo man uns packen soll.
Wie
lief für euch die „allgegenwärtige" FDJ-Förderung?
Da hat
sich fast gar nichts gedreht. Wir haben mal den „Profil" -Preis
gewonnen. Den Geldpreis zur Finanzierung einer Studioproduktion haben
wir gleich in der Tasche behalten. Hat auch später kein Hahn danach
gekräht. Sicher hat das nationale PR gebracht, in Suhl mal ganz vorn
zu sein.
Zum
Beispiel auch die Aufmerksamkeit von AMIGA?
Im
Februar 1989 bot uns AMIGA eine Single an. Ich schrieb: Wir haben
keine kurzen Titel. Sie antworteten: Schickt zwei lange. Da hab' ich
zwei lange geschickt, und plötzlich hieß es: Ihr könnt 'ne LP machen.
Im Mai war sie fertig.
Ist
so ein starker Live-Act wie DEKAdance glücklich mit einer Studio -LP?
Man
kann da ruhiger arbeiten. Wir haben bei „Happy Birthday" unsere
Möglichkeiten überhaupt nicht ausgeschöpft. Halt die Debüt -LP einer
unerfahrenen Band. Sie ist einfach nicht optimal abgemischt, zum Teil
nicht mal so eingespielt, wie ich es schon vier Wochen später gemacht
hätte. Wenn ich wieder eine Platte mache (und ich kann verraten, das
es Angebote gibt), will ich mit viel mehr Background und Percussion
arbeiten.
Also
ein hoher künstlerisch-handwerklicher Anspruch im Gegensatz zu den
schrägen „genialen Dilletanten "?
Unsere
Musik ist doch mit Feeling B und anderen „schrägen" überhaupt nicht zu
vergleichen, ist doch - ohne damit Noten zu verteilen - viel
filigraner.
Die
DDR-Kritiker katapultierten „Happy Birthday" immerhin sofort auf Platz
zwei der Jahreswertung 1989.
Das hat
mich damals schon nicht interessiert. Hatte doch keinen Wert, und
jetzt sowieso nicht mehr.
Seid
ihr also nicht vom Erfolg korrumpierbar?
Ich
glaube kaum. Wenn die Leute unten toben, bin ich happy, macht mich das
stolz. Aber kaum bin ich von der Bühne runter, mach ich mir schon
Gedanken, wie's beim nächsten Mal wird. Ich kann unseren ganzen
Entwicklungsweg überhaupt nicht vergleichen mit den Etablierten. Wir
hatten nie Geld und waren trotzdem oft besoffen, verstehste? Im
übrigen würde ich lieber wieder arbeiten gehen, als mir irgendwo was
aufdrücken zu lassen. Sicher nicht als Tischler, was ich gelernt habe,
aber als Taxifahrer, Kellner, was weiß ich.
Wie
hat sich DEKAdance in den fünf Jahren verändert?
Textlich hat sich nichts verschoben. Musikalisch sind wir rockiger,
waren früher verspielter, swingender, jazziger, obwohl wir dazu das
Handwerkszeug gar nicht hatten. Ich hab' noch Aufnahmen von unserer
Einstufung im November '85 hier in der „Tonne". Wie wir da musikalisch
bestehen konnten, ist mir ein Rätsel. Aber die Kommission hatte wohl
noch nie so gelacht - da haben wir 'ne Oberstufe gekriegt.
Wie
sieht DEKAdance zum zehnten oder 20. Jubiläum aus?
Also,
das zehnte kann ich mir noch vorstellen, ein 20. nicht. Ich hab' im
Moment Probleme mit der Stimme, muss im Sommer erst mal aussetzen.
Dann kommt's darauf an, wie wir mit der Marktwirtschaft klarkommen.
Die Westberlin-Konzerte laufen ganz positiv, wir spielen als einzige
DDR-Band jetzt das dritte Mal in einem halben Jahr im „Quasimodo".
Eventuell haben wir Chancen, weil wir doch noch immer so ziemlich
einmalig sind. Wir werden immer mal mit Zappa in Verbindung gebracht,
was ja nicht das Schlechteste ist. Ich denke nicht, das sich DEKAdance
groß verändern wird. |