Melodie & Rhythmus  8 / 1990

   

Fünf Jahre DEKAdance

Ralph Stolle

 

Die Altmeister lassen nicht locker. Tina, seit 34 Jahren auf den Bühnen, die Stones im 28., Status Quo, Nazareth und all die anderen touren auf Grabstein komm raus. Die Puhdys schleppten sich in ihrer Agonie bis zum 20., und Karat scheint mit ähnlichem zu drohen. Reunions, Comebacks und Re­vivals züchten Jubiläen und Feiern am Fließband. Die Medien schlagen dankbar Purzelbäume.

Da feiert jemand fernab der Music cities fünftes Bandjubiläum. Unbemerkt fast. Insgesamt aus beiden deutschen Staaten keine zehn Fotografen, Journalisten und Fernsehleute. Dabei gehört DEKAdance zum Interessantesten der momentan deutschen Rockszene. Kraftstrotzender Bläserrock, Anti -­Texte, stilvoll ohne stilistische Festlegungen. Über Mühen, Erfahrungen und Erfolge eines halben Jahrzehnts Musik sprach „m + r" mit Bandchef Bert Stephan.

Gratulation zum fünfjährigen Bestehen. Wie ernsthaft seid ihr bei der Gründung von DEKAdance an die Zukunft gegangen?

Halb geplant und halb spontan fand sich die Urbesetzung bei meinem 24. Geburtstag am 31. Mai 1985 erstmals zusammen. Wir musizier­ten ein bisschen rum, und haben dann gemeint, wir sollten mal was zusammen machen. Etwas Gewaltiges, etwas anderes, etwas Viehisches auf gut Dresdnerisch. Ohne konkrete Vorstellungen hab' ich dann irgendwelche Harmonien an­einandergereiht, Lieder geschrieben, und wir probten und tranken zwei Jahre nur. Also eigentlich mehr tranken. Ende '87/Anfang '88 hatten wir uns dann einen gewissen Stand erspielt.

In DEKAdance fanden sich Leute sehr verschiedener musikalischer Herkunft.

Wir waren damals alle Studenten, sind's zum Teil heute noch. Ich möchte aber betonen, das die Hochschule für Musik hier in Dresden eine total lahme Schule ist und nichts mit unserem - nennen wir es ruhig - Erfolg zu tun hat. Ja, Hansi Noack, unser Geiger als eingefleischter Free-Jazz-Fan, spielte damals in allen möglichen Kapellen mit. Ich hab' Dixieland gemacht. Für die anderen war DEKAdance - das Wortspiel hab' ich mal an irgendeiner Mauer gelesen und mich sofort verliebt - wohl die erste Band.

Es gab zwischenzeitlich neben euch bis zu sechs Splitterbands, habe ich gelesen?

Heute existiert faktisch nur noch eine, das New Fantastic Art Orche­stra of North. Da spielen wir alle mit, verstärkt mit einem Haufen Bläsern. Dann gibt's Code M. D. und Panik im Dschungel, die nur noch sporadisch zusammenkommen. Für alle Bands ohne großen Namen wird's in Zukunft ja eh schwerer. Diese Projekte dienten hauptsächlich anderen musikalischen Ambitionen einzelner von uns. Als wir merkten, das wir damit auch Geld verdienen, haben wir das natürlich weiterverfolgt.

Welche musikalischen Lücken hat denn DEKAdance, die man anderswo verfolgen muss?

Code M. D. ist eine Miles-Davis-Geschichte, totale Improvisation, also ganz anders als DEKAdance. Und Panik ist viel härter. Es gab ja auch mal die sehr rockigen Väter. Wenn wir all unsere Gedanken in DEKA­dance gesteckt hätten, wären wir vielleicht schon eine ganze Spur weiter. Aber das bereut, glaube ich, niemand.

Eure neue Coca-Cola-Hymne ist hart kommerziell, das überrascht doch sehr. Wie beschreibst du euer musikalisches Konzept? Passt der Titel da rein?

Ich beschreibe unsere Musik überhaupt nicht. Wir versuchen (ich sage das heute als Wertung mit dem Blick zurück, das ist also so nie geplant gewesen!) eine ziemlich gelungene Gratwanderung zwischen Kommerz und Kunst, Art, etwas Besonderes eben. Richtig ist: Wir machen keine Hits. Wir wollen als Gesamtkonzept ankommen oder gar nicht. Wobei auch dem einen oder anderen mal ein einzelner Titel gefallen kann. Ich hab' nichts gegen Kommerz, aber die Hitparade, die wir stürmen, möchte ich erst mal hören.

Wie seid ihr mit eurem früher nicht sehr opportunen Bandnamen, mit euren schwer greifbaren englischen Texten zurechtgekommen? Oder vielmehr, wie sind andere Institutionen mit euch zurechtgekommen?

Offiziell hatten wir nie Nachteile. Wir konnten als erste der jungen Bands eine LP machen, hatten vor dem 9. November Pass und Westkonzert. Als es in Dresden im Oktober/November losging ... na, Steine haben wir nicht geworfen, aber wir waren dabei. Doch wir sind vordergründig eine total unpolitische Band. Statements liegen mir fern. Ich fühle mich nicht berufen, anderen meinen Standpunkt erklären zu müssen. Unsere Musik, unser Auftreten, unsere Gags sind für viele auslegbar. Mancher erkennt, was auch er fühlt, viele verstehen' s gar nicht, viele amüsieren sich einfach. Wir versuchten, uns so fern wie möglich zu halten, uns nicht mehr einzufügen als nötig. Ist das nun politisch? Wir hatten 's eigentlich gut, man hat uns machen lassen. Wohl, weil man nie wusste, wo man uns packen soll.

Wie lief für euch die „allgegenwärtige" FDJ-Förderung?

Da hat sich fast gar nichts gedreht. Wir haben mal den „Profil" -Preis gewonnen. Den Geldpreis zur Finan­zierung einer Studioproduktion haben wir gleich in der Tasche behalten. Hat auch später kein Hahn danach gekräht. Sicher hat das nationale PR gebracht, in Suhl mal ganz vorn zu sein.

Zum Beispiel auch die Aufmerksamkeit von AMIGA?

Im Februar 1989 bot uns AMIGA eine Single an. Ich schrieb: Wir haben keine kurzen Titel. Sie antworteten: Schickt zwei lange. Da hab' ich zwei lange geschickt, und plötzlich hieß es: Ihr könnt 'ne LP machen. Im Mai war sie fertig.

Ist so ein starker Live-Act wie DEKA­dance glücklich mit einer Studio -LP?

Man kann da ruhiger arbeiten. Wir haben bei „Happy Birthday" unsere Möglichkeiten überhaupt nicht ausgeschöpft. Halt die Debüt -LP einer unerfahrenen Band. Sie ist einfach nicht optimal abgemischt, zum Teil nicht mal so eingespielt, wie ich es schon vier Wochen später gemacht hätte. Wenn ich wieder eine Platte mache (und ich kann verraten, das es Angebote gibt), will ich mit viel mehr Background und Percussion arbeiten.

Also ein hoher künstlerisch-handwerklicher Anspruch im Gegensatz zu den schrägen „genialen Dilletanten "?

Unsere Musik ist doch mit Feeling B und anderen „schrägen" überhaupt nicht zu vergleichen, ist doch - ohne damit Noten zu verteilen - viel filigraner.

Die DDR-Kritiker katapultierten „Happy Birthday" immerhin sofort auf Platz zwei der Jahreswertung 1989.

Das hat mich damals schon nicht interessiert. Hatte doch keinen Wert, und jetzt sowieso nicht mehr.

Seid ihr also nicht vom Erfolg korrumpierbar?

Ich glaube kaum. Wenn die Leute unten toben, bin ich happy, macht mich das stolz. Aber kaum bin ich von der Bühne runter, mach ich mir schon Gedanken, wie's beim nächsten Mal wird. Ich kann unseren ganzen Entwicklungsweg überhaupt nicht vergleichen mit den Etablierten. Wir hatten nie Geld und waren trotzdem oft besoffen, verstehste? Im übrigen würde ich lieber wieder arbeiten gehen, als mir irgendwo was aufdrücken zu lassen. Sicher nicht als Tischler, was ich gelernt habe, aber als Taxifahrer, Kellner, was weiß ich.

Wie hat sich DEKAdance in den fünf Jahren verändert?

Textlich hat sich nichts verschoben. Musikalisch sind wir rockiger, waren früher verspielter, swingender, jazziger, obwohl wir dazu das Handwerkszeug gar nicht hatten. Ich hab' noch Aufnahmen von unserer Einstufung im November '85 hier in der „Tonne". Wie wir da musikalisch bestehen konnten, ist mir ein Rätsel. Aber die Kommission hatte wohl noch nie so gelacht - da haben wir 'ne Oberstufe gekriegt.

Wie sieht DEKAdance zum zehnten oder 20. Jubiläum aus?

Also, das zehnte kann ich mir noch vorstellen, ein 20. nicht. Ich hab' im Moment Probleme mit der Stimme, muss im Sommer erst mal aussetzen. Dann kommt's darauf an, wie wir mit der Marktwirtschaft klarkom­men. Die Westberlin-Konzerte laufen ganz positiv, wir spielen als einzige DDR-Band jetzt das dritte Mal in einem halben Jahr im „Quasimodo". Eventuell haben wir Chan­cen, weil wir doch noch immer so ziemlich einmalig sind. Wir werden immer mal mit Zappa in Verbindung gebracht, was ja nicht das Schlechteste ist. Ich denke nicht, das sich DEKAdance groß verändern wird.