Melodie & Rhythmus 1 / 1990

 
     
 

Kurt Demmler – und die Wende der Liedermacherei

 
 

Roswitha Baumert

 
   

Lieber Kurt !

Am 5. November `89 erlebte ich dich an ungewohnter Stelle, vor Hunderttausenden auf dem Alex, vor einigen Millionen aus Ost und West auf dem Bildschirm. Ist dies das krönende Ende oder der eigentliche Anfang der Liedermacherei ?

 

Diese Frage ( und ein paar andere ) stellte mir Roswitha Baumert kurz nach dem Ereignis …

Huuu, an solche großen Töne muss man sich erst mal herantasten. Also, vor Tausenden ist man schon aufgetreten. Open Airs, Theater, Paläste, große Hörsäle, auch Fernsehen ist nicht grundsätzlich Neues. Als optimistischer Singespatz sah man sich monatlich da, ein bisschen später sogar auch noch in großen Unterhaltungssendungen.

Mit der wachsenden Konkretheit seiner Lieder aber driftete man ab in kaum noch zur Kenntnis genommene Chansonsendungen, zuletzt war noch Kinderfernsehen und Sendeschluss. Ähnlichen Abgang machte die zentral gesteuerte Live-Szene in den letzten Jahren. Waren wir früher noch die vieldiskutierten Stars unserer Politliedfestivals, so mussten wir uns in den letzten Jahren glücklich heißen, wenn man mit einer Beobachterkarte versorgt wurde.

Mein Politliedprogramm „Gute Macht, Freunde!“ aufzuführen, war mein Privatvergnügen, und das fand zur Festivalzeit wie auch zu anderen Zeiten schon im „Friedrichshof“, einem Edelnachtklub am Rande von Berlin statt ( so ändern sich die Zeiten ). Auch zum Pfingsttreffen standen uns längst nicht mehr die großen Freilichtbühnen zur Verfügung, sondern irgendwie abseits, an Stellen, die keiner fand, wollte man uns noch haben oder wenigstens so tun als ob. Fand aber doch mal das Protokoll daran vorbei, mussten unsere Texte schweigen und was Instrumentales her.

Kein Wunder das da die Liedermacher verzagten und ihre Sektion zur Kleinkunst machten, der ich allerdings nicht nur deshalb nicht angehöre.  Dabei können Lider so viel. Nehmen wir das „Grandola“, das in Portugal die Revolution einleitete, die Lieder der Bürgerrechtsbewegung in den USA, auf die wir in unsren Demos noch zurückgreifen, oder … Nehmen wir auch die Sommerhappenings mit „Gerhard Schöne“, von denen wir viel mehr brauchen, weil sie die Menschen schön machen. Denn kaum haben sie den aufrechten Gang gelernt und das Toleriertwerden, beginnen sie boshaft abzurechnen, neidisch zu denunzieren, sprich: wieder andere zu beugen und nicht zu dulden. Dies neue Unrecht zu verhindern, muss auch die Kunst her, ja auch die Lieder. Lieder, die nicht Kleinkunst bleiben, sondern öffentlich werden, öffentlich aufgenommen werden.

Nehmen wir Gerhards „Mit dem Gesicht zum Volke“, ursprünglich ein Begriff aus dem nikaraguanischen Demokratieverständnis, dann ein Lied und schließlich ein Begriff unserer Volksbewegung. Ich hatte es vor zwei Jahren im Berliner Haus der Jungen Talente vernommen, und es passte wie die Faust aufs Auge in mein „Gute Macht, Freunde!“! Auf meine Bitte hin schickte mir Gerhard unverzüglich Text und Melodie und erlaubte mir die Eigenaufführung. ( Es war bisher das erste und einzige Mal, dass ich öffentlich das Lied eines anderen sang, aber ich wusste ja, das es unser aller Lied werden könnte, ja musste ).

Das war es, was ich an Schöne so liebte, er singt positiv. Er fällt nicht gnadenlos über das Schlechte her, sondern verherrlicht das Bessere. Wie anders ich mit vielen Liedern, zum Beispiel mit meinem „Irgendeiner ist immer dabei“ am 4. November auf dem Alex. Die Arbeit vieler Menschen in diesem Lande, , darunter vieler ehrlich das Gute wollenden, ich spreche von den Mitarbeitern der Staatssicherheit, wurde in diesem Lied nicht nur schlecht und unnütz genannt, sondern lächerlich, wurde sarkastisch heruntergemacht. Das war 15 Jahre gut ( so alt ist das Lied ), als ich damit antrat gegen Bespitzler und Verarscher, meine Erpresser und Feudalherrn.

Nun aber standen sie, längst von den Ereignissen an die Wand gedrängt, ziemlich hilflos und allein. Nun brauchte man eigentlich ein positives Lied, das nicht Gleiches mit Gleichem vergilt, das nicht, wie einige Sicherheitskräfte im Oktober auf dem Boden Liegende noch einschlägt. Aber einerseits hatte ich kein passendes von dieser Art und andererseits war es die letzte Gelegenheit, dieses Stasi-Lied öffentlich zu machen ( meinem Konzertpublikum wurde es allerdings schon drei Jahre lang geboten, mit Verbotspause für das Programm noch die letzten fünf Wochen vor der Wende ).

Man hängt ja an seinen „Kartoffelliedern“. Außerdem stand es so günstig zwischen dem bericht von den Ausschreitungen einiger Sicherheitsunmenschen und deren exstellvertretendem Minister Markus Wolf. Hinzu kommt, man hatte seine jahrzehntelangen Erfahrungen, als Schüler schon, als ich ein Lied gegen Kriegsspielzeug in meiner Kleinstadt aufführte. Dann, als Student, ich wurde mehrfach früh um fünf aus dem Bett geholt, verbrachte tage in ihren Büros, wurde eingeschüchtert bis zum Gehtnichtmehr mit Prozessandrohung und anderem. Dabei hatte ich nur Lieder gesungen, als Pausenfüller im Jazzkeller und bei einer Kunstpreisüberreichung ans „Fürnberg-Ensemble“ der Uni.

Ich war Musikstudent, und meine Exmatrikulierung wurde nur verhindert durch die Solidarität einiger Ensemblemitglieder und mein Versprechen, außerhalb des Ensembles nicht mehr aufzutreten ( was nicht leicht war, denn ich hatte just meine ersten Fernsehangebote.)

Dabei hätte es ganz andere Möglichkeiten gegeben. Ich hätte nur für die Stasi arbeiten brauchen. Das Angebot stand. Schließlich war man ja auf allen Feten geladen und vertrauenswürdig in der Szene. Trotz aller Angst, ich hatte auch Hippokrates und lehnte ab und stand nun da. Auftrittsverbot überall. Bei „Fürnbergs“ aber musste ich. So wurde ich auch zwangsverpflichtet, an einem bezirksoffenen Chansonwettbewerb, von der Uni ausgerichtet, teilzunehmen. Als mir danach eine Redakteurin von „Jugendradio DT 64“ zum Sieg gratulieren wollte, ja schon der Siegerinterview mit mir machte, teilte die Jury Sieger und Platzierte mit, und ich war nicht dabei. ( Ein Herr von der Partei hatte die Jury umgestimmt. Inzwischen wissen wir das so etwas öfter vorgekommen ist und an entscheidenderen Stellen. )

Ich habe nie wieder an einem gesanglichen Wettstreit teilgenommen. Von „Biermann“ hörte ich später ein Lied, in dem auch erwähnt wurde, dass seine Bewacher regelmäßig seine Freundin über seine Seitensprünge unterrichteten. Ich hatte es damals als dichterische Überhörung genommen. Inzwischen weiß ich auch davon.

Und doch ging erst mal alles ganz anders weiter. Ausgehend von der Bekanntschaft mit jener Rundfunkredakteurin. Die „nun erst recht“ sagte und mich nach Berlin einlud. Mit Gisela Steineckert und dem Berliner „Hootenanny-Club“ bekannt machte, dem späteren „Oktoberklub“, oktoberte es auch in mir. In Opposition zum Sozialismus dieser Art von vornherein erzogen, hatte ich die andere Seite nie kennen gelernt. ( Der Staatsbürgerkundelehrer war einfach nicht glaubhaft. )

Nun sah ich, auch da standen Menschen, Menschen mit Wahrhaftigkeit, Persönlichkeit und Kompetenz. Vor allen Theorien, das war es, was saß. Die mussten es wissen ( ich vergaß, was ich wusste ) ich glaubte ihnen. Heute weiß ich, das auch sie nur anderen geglaubt haben und sofort. Ich jubelte los mit „Was machen wir zu Pfingsten“, „Lied aus dem fahrenden Zug singen“ und „Lied vom Vaterland“. Letzteres druckte man 23 Jahre danach in der Liedbeilage der „Jungen Welt“ zum 40. Jahrestag der DDR noch einmal ab. Versuch einer Kronzeugenschaft gegen mein heutiges Liedgut, Versuch einer Vereinnahmung durch Leute, die in dieser zeit stehen geblieben sind. Ich bin da nicht stehen geblieben, wurde schon nach einem halben Jahr aus dem „Oktoberklub“ ausgeschlossen, etliche Male Auftrittsverbote und einer der ersten Selbstständigen in der Liederszene des Landes, die ich wie kaum ein anderer miterlebt und mit begleitet, ja hoffentlich auch ein bisschen mit nach vorne geschubst habe. Mal von der einen, mal von der anderen Seite.

Nun kenne ich sie jedenfalls beide, weiß, das auf beiden Seiten Menschen stehen in Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, nach Lebenserfüllung, nach Glück. Nur was darunter zu verstehen ist, darüber können sie sich nicht einigen, streiten und schimpfen und machen es sich schwer. Hier, wie anderswo. Wir sehen es. Die Grenzen sind offen. Seitdem sind wir Weltbürger, bleiben hier, denn anderswo ist es nicht anders. Nur im Detail, das wir hier besser kennen, das wir entschlossen haben für unser Leben, ganz konkret, für unsere Arbeit, ob sie nun Straßenfegen heißt oder Liedermachen.

Und nun diese Wende, fürwahr revolutionäre, denn das Volk erringt jetzt erst die Macht, auch über die Produktionsmittel. Wende auch für den Überbau, für die Kunst. Zwar war die viel mehr schon eine des Volkes, aber auch zu oft nur eine missbrauchte. Musste sie ihm doch dienen in Funktionen, die ihr nicht eigen waren, sich zur Tages –und Unterhaltungskunst herabwürdigen lassen, stellvertretend für die fehlende Unterhaltung ( Dialog ) im öffentlichen Bereich, für die nicht vorhandene Diskussion der Tagesaufgaben. Da blieb viel Kunst als das Abstrahierende und Verallgemeinernde, Größere und Tiefere, Wahrere und Menschlichere auf der Strecke.

Nun kann es anders werden. Die Tabus sind gebrochen. Die Medien erfüllen ihre Aufgaben. Der Staat wird öffentlich. Die Kunst besinnt sich auf das Ihre. Auch der Liedermacher als Zeitungsersatz entfällt. Die weiteren Umbrüche werden in den Gremien vorbereitet. Da braucht es nicht mehr des Liedermachers Wühlarbeit. Bäume pflanzen ist angesagt. Bäume, die über das Jahrhundert reichen, nicht nur bis in den nächsten Tag. Nichts ist so schnell wiederholt wie die Nachricht vom Tage.

Niemand wünsche ich so einen Einbruch, wie ihn mein „Gute Macht, Freunde!“ Mitte November im Prenzelbergszeneklub „Erich Franz“ erlebte. Jahrelang hatte diese Programm bis zu standing ovations emporgerissen – und nun die blanke Langeweile. Ich wäre erschlagen, wäre ich mir nicht schon längst theoretisch darüber klar gewesen, dass es nicht mehr geht, und ich bekam nur die praktische Bestätigung, die mir das Publikum der Vortage versagt hatte, weil es mich schon länger kannte und zu sehr achtete. Aber für die jungen peoples im Franzklub war ich nur einer im verdächtigen Alter, waren meine Lieder sicherlich erst seit der Wende in meinem Mund, ja, war ich wendehalsverdächtig.

Briefe zum Beispiel, die ich nach meinem Demoauftritt massenhaft erhalten habe, zeigten mir, das die Mitmenschen davon ausgingen, ich hätte dieses Lied extra für diesen Anlass geschrieben. Kaum einer wusste, wie lange ich es schon öffentlich sang, konnte sich so was gar nicht vorstellen. Einige schrieben mir auch ihre Enttäuschung über diesen meinen Beitrag und verglichen ihn mit einem Schlag unter die Gürtellinie. Wahrscheinlich gingen sie auch davon aus, das ich erst diese Gesetz –und regellose Zeit abgewartet habe, ihn zu verabreichen.

Was die Zeit davor betrifft, gehörten solche Schläge wohl zum beiderseitigen Repertoire. Nun aber, wissen wir, muss alles anders werden. Und die Liedermacherei? Dieser Art ja. Und wenn ihre Art, warum nicht auch ihr Name. Wolf Biermann war `s, der seine Tätigkeit als Erster so bezeichnete. Ganz in der Schule Brechts verstand er sich schlicht und einfach dem produzierenden Volk zugehörig, produzierte er Lieder zur Beförderung des aufrechten Gangs.

Den, als das Notwendige und Voraussetzung für alles andere, haben wir nun erreicht mit unserer „Novemberrevolution“, und unsere Liedermacher hatten Anteile daran, nicht nur mit ihren Liedern, nein, auch mit ihrer Resolution, eine der ersten ihrer Art ( was später einfach Mode wurde ).

So zersägten sie auch den Ast ihres eigenen Broterwerbs. Die Liedermacherei stürzte tief. Aber sie wird sich erholen, einen anderen Ast besetzen, einen höheren mit Sicherheit, einen grüneren und schöneren ( sagen wir anders, schönen ). Jürgen Eger nennt sich Dichtersänger. Vielleicht ist es das, was ich meine.

Kurt Demmler 29.11.1989