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Rezension aus Melodie & Rhythmus 5 / 1986 |
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Detlef Plog |
80 Manuskriptzeilen gegen ( bzw. für ) 39 Lieder – da besteht von vornherein kaum Chancengleichheit, keine Chance für eine auch nur annähernd werkgerechte Bewertung. Noch dazu, wenn es sich um Bewertungszeilen für – und zwar ausschließlich für – 39 DEMMLER Lieder handelt, die auch Lieder eines Kleinen Prinzen sind.
39 von insgesamt 60, ausgewählt und aufgenommen für das Amiga Doppelalbum „Die Lieder des kleinen Prinzen“.
Unsere, meine Generation, die der heute 40jährigen, ist die erste, die seit ihrer Kindheit von Antoine de Saint – Exuperys lebensgrundtief wahrhaftiger wie wesentlicher Mär vom Kleinen Prinzen begleitet wird. Denn das mittlerweile leicht eselsbeohrte Buch hat nicht nur vor knapp 30 Jahren meine wichtigsten Wert – und Moralnormen mitgeprägt, es hat im Verlaufe dieser 30 Jahre dann auch alle sporadischen Überprüfungen auf die Lebenstauglichkeit seiner Mitteilungen bestanden, immer besser bestanden. Selbst da, wo mir seine Wert – und Moralbenennungen zwischenzeitlich aus dem Zentrum des Gesichtskreises geraten waren. Und diese Erfahrung teile ich mit vielen anderen Kindern, die heute Abteilungsleiter, Bäcker, Hauptreferenten oder sonst etwas Nützliches sind.
Wobei, die massengeheimbündlerische Übereinstimmung hat sich nicht bei jeder Begegnung mit dem Kleinen Prinzen hergestellt. Besonders in seinen bühnen – und filmdramatischen Metamorphosen blieb er mir seltsam fremd und bedeutungslos. Die Schauspielerei ist seine Ausdrucksform wohl nicht. In den Demmlerschen Liedermetamorphosen hingegen ist der Kleine Prinz ganz er selbst, ohne sich auf eine Liedillustration seiner selbst beschränken zu müssen. Er darf sein unsichtbares Erdendasein vielmehr über die literarische Festschreibung Saint – Exuperys hinaus nicht nur in der individuellen Phantasie und geistigen Erfahrungswiderspiegelung seiner heutigen Leser führen.#
Auf liedkünstlerisch bewegende Weise bewegt er sich zwischen uns Erdenmenschen der mitachtziger Jahre, hinterfragt er unsere Lebenshochwichtigkeiten kindernaiv konkret auf ihre Wesentlichkeit, provoziert er sanft aber nachdrücklich zu Nachdenklichkeit, zum Nachdenken über die eigene Verantwortung für den anderen, die anderen, für das Ganze, befördert er Vertrauen, Selbstvertrauen und Zukunftszuversicht.
Prinzensprecher – Sänger DEMMLER übermittelt dies alles nun keineswegs als sendungsbeflissene Proklamation. Die Botschaft entsteht vielmehr unmerklich aus sich selbst heraus, aus Reflexionen des Liedermachers und Exupery – Sinnesverwandten über dessen Prinzengeschichte genau wie über den DDR – Alltag und über alles das dazwischen.
In den glücklichsten Fällen spürt man die Wahrhaftigkeit von Liedern schon bei der ersten Begegnung mit ihnen beinahe körperlich. Die dafür unabdingbare Kunstleistung tritt zurück in eine Mittlerrolle.
Die Begegnung mit KURT DEMMLERs Prinzenliedern war von jener glücklichen Art. 1983 stellte er das gerade aus der Seele geschriebene und noch unfertige Teilwerk den Besuchern der Frankfurter Chansontage vor. Mit der bereits beschriebenen Wirkung, die einen Saal von Fachleuten und – freunden auf eine Art mitgehen und – singen ließ, die ich ergriffen nennen würde, wäre der Begriff nicht so sentimentsnegativ bedeutungsbeschwert.
Der 85er Konzertmitschnitt tondokumentiert ganz die gleiche Wirkung des nunmehr ausgefeilten und dramaturgisch geordneten Liedwerkes, und auch bei der ersten Doppel – LP – Konfrontation hat sich der, von geistigem wie gefühlsmäßigem Erkenntniszuwachs geprägte Liedkunstgenuss für mich erneut reproduziert.
Die Elektronik macht ein Kunstwerk wiederhol – und die Kunstmittel so leichter analysierbar. Die Prinzenlieder wurden dadurch nicht entzaubert. Es gehört aus meiner Sicht zu den bemerkenswertesten liedpoetischen Leistungen jüngster zeit, wie es KURT DEMMLER verstanden und bewältigt hat, sich einer bereits vorhandenen und literarisch ausformulierten Idee unterzuordnen und trotzdem das Seine zu sagen. Illustrationen, Hauptanmerkungen, Randnotizen und Mitteilungen von Wichtigkeit stehen didaktisch unbeschwert und formal scheinbar gleichwertig nebeneinander, erhalten im geistigen Gesamtklima des Zyklus durch den Zuhörer dann noch die ihnen gemäße Gewichtung.
„Sterne“ möchte ich als eines der Eck Lieder nennen und „Hexe“, „Einmal“ und natürlich das genialisch – menschliche „Sichvertrautmachen“, die „Schlange“ und, und, und …
Viele Lieder wären noch zu nennen und viel über diese Schallplattenedition zu sagen. Darüber, wie sprachliche Bilder, Brücken und Brüche so zwingend werden können, dass sie eine langwierige Argumentenkette mit drei überzeugenden Tönen ersetzen. Über den Interpreten DEMMLER wäre zu reden, der mit Stimmnuancierungen inhaltliche Dimensionen zu vermitteln weiß, die im Text gar nicht vorgeschrieben sind, über dem Komponisten DEMMLER sowieso, seine musikalischen Mitstreiter, die grafisch einfühlsame Covergestaltung …
80 Manuskriptzeilen für eine ganze Liederwelt. Aber da sind ja die Platten, da ist die millionenfach verschiedene Phantasie, in der der Kleine Prinz seine Leben lebt. Erdverbundenes Phantasieleben auch in Liedern.