Melodie und Rhythmus 2 / 1990

Wachheit und Fieber - Die Wilderer

Marion Brasch

Der Berliner Klub JOJO am 18. März 1989: Hier hat man Stil und hat sich satt. Die Szene klebt in dunklen Ecken, man drinkt sich cool aneinander vorbei und verströmt maskiertes Charisma. Ein Schlachtfeld wird besichtigt aus mäßiger Distanz. Ein schwarzer Vorhang trennt die Trends – dahinter: Sieben Jungs, ein paar Bierflaschen und ein haufenweise Instrumentarium.

Das erste Konzert = Nervosität hoch sieben. „Wo ist Wilkie?“, fragt einer. „Noch mal` nach hause, andere Hosen anziehen.“ Grinsen: „War eh klar.“ Noch eine Bierflasche an die anderen. „Is voll?“ Spähen, Achselzucken, Riffs üben, Witze machen, Plektren suchen; Bierflasche an die andere.

Der D.J. dumpert sich durch die Räume. „Wilkie noch nicht da?“ Wilkie kommt, frischverhost und mit verstricktem Blick. Noch eine Bierflasche an die andere. Es ist noch zu früh für den Angriff. Aber dann … der D.J. mikrofrönt: „Die Wilderer!“

Sieben Jungs kerben sich aus dem Vorhang, die Bühne wird umstellt ( aus mäßiger Distanz ). Die Szene klebt noch immer, die Blicke streunen durch beschlagene Gläser.

Spot: Sieben auf der Bühne, und einer allein. „Ich bin ein einsamer Wanderer, vom Weg abgekommen“. Eine Gitarre durchfetzt den Dunst. Das ist Wilkie, ganz Wanderer, ganz Wilderer …

Die erste Strophe gibt die Bühne frei: Vier Gitarrenhälse und ein barfüßiger bass pfeilen in dieselbe Richtung, ein Keyboard kolportiert den Abgrund, ein Schlagzeug löst den Atem … der bleibt bis zum letzten Ton, ist laut und sinnlich, manchmal gerät er ins Stocken und setzt sogar aus.

Die Songs beklagen Verluste ohne Pathos, fragen nach der zeit ohne Prophezeiungen, verteufeln die Einsamkeit und wollen ganz alleine sein, beschwören die Sucht, die aus der Seele kommt, nehmen sich alles was sie brauchen: Wachheit und Fieber.

Neun Monate später:

Der Studentenklub der Humboldt-Universität am 5. November 1989: Die Szene ist austauschbar, die Nervosität hat andere Vorzeichen. Eine Kommission wird erwartet. Die wildernde Interessengemeinschaft hat schon längst ihr Publikum und ihre Legimitation, aber nach wie vor fehlt der Schein ( die Pappe ), die formelle Geburt, die das Wildern „Rechtens“ macht, auf das es sich auszahlen kann – die Einstufung. Die Kommission kommt und guckt schon wieder auf die Uhr ( man hat ja schließlich noch was andres vor! ). Nein, es ist noch zu früh für den Angriff.

Garderobe: Sieben Köpfe werden zusammengesteckt, die Fäuste aneinander gepresst, nach oben gejagt, Schrei hoch sieben – das ist die „Rakete“, die Ventile öffnet für den Überdruck, der rüber soll.

Die Bühne ist schon längst umstellt, drei bekannte Gesichter mittendrin: Tamara Danz, Uwe Haßbecker, Jürgen Ehle ( Co-Produzent der ersten Wilderer Rundfunkproduktion ) – Rocker als „Einstufer“ verkleidet … die anderen „Honoratioren“ halten sich bedeckt im Hintergrund. Die Gitarren werden durchgeladen, fertig zum Angriff. Atem bis zum letzten Ton und länger.

Garderobe ( drei Stunden später ): Sieben Jungs und drei bekannte Gesichter, die nichts anderes mehr vorhaben. Ob Pappe oder nicht ist jetzt schon völlig egal. Man trinkt und quatscht über die Einlassmethoden des Klubs, über dieses Land und Gott und die Welt – die Nacht beginnt …