Berliner Zeitung  30.03.2004

Die Wilderer schlagen wieder zu

Torsten Wahl
 

Wilderer lauern im Dunkeln und schlagen überraschend zu. Die Band namens Die Wilderer ist nur drei Jahre lang aufgetreten, von 1989 bis 1992. Aber dann und wann finden sich die längst versprengten Musiker noch mal zusammen - zum Beispiel heute Abend in der Wabe in Prenzlauer Berg. Die Rocker um Gitarrist Jörg Wilkendorf und Keyboarder Jörg Mischke hatten sich damals vor allem als Begleitgruppe von zwei einzigartigen deutschen Songpoeten einen Namen gemacht: Gerhard Gundermann und Rio Reiser, später beide jung gestorben, ließen sich von den Wilderern begleiten.

Besonders interessant die Beziehung zu Gundermann. Mit den Wilderern im Rücken wurde der frühere Liedermacher rockiger, wütender und direkter. Ihr gemeinsames Idol wurde Bruce Springsteen, dessen "Badlands" sie zum deutschen "Steinland" machten. Das Album "Werkstücke II - Gundermann & Die Wilderer", dieser Tage im Label Buschfunk erschienen, zeigt, wie der Lausitzer Utopist anno 1990 auf die Wende und die Hinwendung gen Westen reagierte: hoffnungsvoll und verbittert zugleich. Zitat: "Die Letzten werden die Ersten sein, in den Momenten, wo die Blätter sich wenden. Aber dann, aber dann, werden sie wieder die Letzten sein." Ihre Version von "The Night They Drove Old Dixie Down" endete mit einer Strophe der "Internationale" - eine kühne Kombination. Tiefe Wut über den Ausgang der Wahlen 1990 spricht aus der Ode "Dem deutschen Volk": "Die Führer komm , die Führer gehn, aber das deutsche Volk bleibt - doof."

 

Trennung nach zwei Jahren

 

Solche Songs spielte Gundermann später nicht mehr. Andere Lieder aus der Wilderer-Zeit aber wurden zu Klassikern, wie "Einsame Spitze" oder "Sehnsucht nach dem Rattenfänger". Nach zwei wilden Jahren trennte sich Gundermann von seinen allzu lauten und streitlustigen Begleitern. Zusammen mit dem Wilderer-Gitarristen Mario Ferraro gründete Gundermann 1993 die Combo Die Seilschaft, die ihm dann bis zu seinem Tod 1998 die Treue hielt.

Die Wilderer treten heute Abend im Rahmen der Reihe "Utopie Nr. 3" mit Songs von Reiser und Gundermann um 20 Uhr in der Wabe, Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg, auf.