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Der Blues im Blut Steffen Könau in Mitteldeutsche Zeitung am 13.12.2003 |
Er war der
bekannteste Bluesmusiker Deutschlands, ein Hallenfüller. Dann aber legte Stefan
Diestelmann die Gitarre beiseite.
Draußen auf dem See ist es ganz still. Kein Telefon, keine Termine. Stefan
Diestelmann wirft den Anker aus und lehnt sich zurück in seinem kleinen Boot.
"Wenn mich Leute fragen, warum ich nicht mehr auftrete", sagt er, "dann zeige
ich ihnen bloß diese Idylle."
Hier am Ammersee, tief in Bayern, hat der berühmteste Bluesmusiker deutscher Zunge zur Ruhe gefunden. Kein Blues mehr und kein Applaus. Diestelmann hat die Gitarre beiseite gelegt, weil "die Funktion, die wir Musiker früher hatten, verschwunden ist." Nur ab und an fragt ein Tourist vorsichtig: "Sind Sie nicht der Diestelmann?" Nur ab und zu spielt er noch für Freunde seine alten Lieder: "Der Alte und die Kneipe" oder den "Reichsbahn-Blues", dieses Mundharmonika-Inferno, das in den 80er Jahren jeder DDR-Tramper nachzublasen versuchte. Der Großmeister des deutschen Blues, er hat sich ein neues Leben erfunden, abseits der Musik, die er zu sehr liebt, "als dass ich sie als schnöden Broterwerb betreiben will". Das Handwerkszeug des Mannes mit dem Drei-Tage-Bart ist neuerdings eine Digitalkamera: Mit seiner Firma Diestelfilm produziert der 56-Jährige Präsentationsfilme für Hotels aus aller Welt, Fotoserien und Dokumentarstreifen. "Heute Ägypten, morgen Marokko", sagt er über seine zweite Karriere. Die erste, die ihn einst zum Idol einer Generation werden ließ, ist weit weg - ein Mythos nur, der so gar nicht zu dem fröhlichen Mann passen will, der Storys aus seiner großen Zeit mit verstellter Stimme und krachendem Lachen erzählt.
Da ist er wieder, der Bühnenmagier, der stets mehr charismatischer Bandleader als instrumentaler Virtuose war. Aber eben zur rechten Zeit am richtigen Ort. Diestelmann ist zwölf und wohnt bei seiner Oma in Darmstadt, als sein Vater Jochen, seit 1956 Schauspieler bei der DEFA, durch den Mauerbau abgeschnitten wird von seiner Familie. "Die Genossen sagten dann, im Westen wohnen und im Osten arbeiten ist nicht." Diestelmanns müssen gehen. Oder in der DDR bleiben. "Und so hieß es eines Tages zack, ab in den Osten."
Plötzlich sitzt der kleine Bayer in einer Schule in Babelsberg, von den Lehrern beargwöhnt als kleiner Klassenfeind, von den Mitschülern verprügelt wegen seines Dialektes. "Dann kam ich nach Hause, die Klamotten waren kaputt - also setzte es sofort die nächste Tracht."
Stefan Diestelmann wird zum Außenseiter. Er müht sich, zu berlinern. Und bleibt doch ein Einzelgänger: "Wenn die Lehrer behaupteten, dass die Arbeiter im Westen sich keine Butter leisten können, wusste ich, das ist gelogen." Die Eltern, nach außen Muster-DDR-Bürger, verfluchen den Wechsel in den Osten längst. "Wir Kinder spürten das", sagt Diestelmann, "wenn der Topf anbrannte, war das natürlich gleich ein Scheiß-Ulbricht-Topf." Vielleicht deshalb habe er sich in den Blues verliebt, sagt er heute. In der Musik von Muddy Waters und BB King habe er "ein Echo meines eigenen Kummers gehört". Diestelmann lernt Mundharmonika, spielt Gitarre, singt in Eigenbau-Englisch. "Es war der Rhythmus im Blues, der mich angemacht hat", sagt er, "das Primitive, in dem alles steckt, was man braucht."
Bald spielt Diestelmann in Amateurbands. Und ebenso bald gerät er mit der DDR-Staatsmacht aneinander. "Ich wollte raus", sagt er, "zurück nach Bayern." Fluchtpläne, die ihn vor Gericht bringen. Der Vorwurf lautet auf Staatsverleumdung, drei Jahre das Urteil.
Jahre, die dem Mann mit der weichen Stimme tiefe Wunden zugefügt haben. Stets steht Diestelmann zwischen eigenem Anspruch und den Kompromissen, die ihm die Kulturbürokratie abfordert. Sein Leben als Blueser ist das eine, sein Privatleben das andere. Diestelmanns DDR ist bald eine geheime Bluesrepublik: Er jammt` mit Größen wie Phil Everly, hockt nächtelang mit Stars wie Harmonica Phil Wiggins und Louisiana Red zusammen, geht auf Tourneen durch Polen und Ungarn.
Und hat gleichzeitig in sieben Bezirken Auftrittsverbot, weil er "feindliche Elemente" anziehe, wie das Kulturministerium warnt. Ein Doppelleben, das Diestelmann nicht schlecht gefallen hat, wie er zugibt. Einerseits greifen ihn Genossen an, "weil sie meinen, Leute wie in ,Der Alte und die Kneipe´ gibt es bei uns nicht." Andererseits wird das Lied der Hit des Jahres.
Diestelmann aber tanzt auf einem dünnen Seil. Er beziehe "eine bedenkliche Stellung zu Fragen des Lebens in der DDR", glaubt das Ministerium für Kultur. So habe Diestelmann bei einem Auftritt gesagt, die DDR sei ein "Scheiß-Staat" und so" seine Wirksamkeit zur schädlichen Beeinflussung der Jugendlichen missbraucht".
Der erste Schritt zum Todesurteil, wie der Delinquent es heute sieht. Es gibt keine Rundfunkeinsätze mehr, keine Fernsehauftritte. Konzerte werden abgesagt. Diestelmann fühlt sich von der Polizei schikaniert. Im Frühsommer 1984, die dritte LP ist gerade eingespielt, sieht Stefan Diestelmann keine Perspektive mehr in der DDR. "Ich wusste, was ich verliere", sagt er, "aber es ging nicht mehr."
Nach
einem Konzert in Hildesheim kehrt der damals 35-Jährige nicht mehr in die DDR
zurück. Seine Karriere als Musiker kommt im Westen nie wieder richtig in Gang.
Heute schaut Diestelmann über den See, der in der Sonne liegt, und sagt: "Aber
auch das war es wert."