Dirk Michaelis im Interview

 

Thomas Behlert

 

Januar 2010

 
     

„Bei arroganten Plattenbossen keine Klinken putzen“

Dirk Michaelis kam als Sohn einer Künstlerfamilie in Karl Marx Stadt zur Welt. Schon früh hatte er kleine Filmrollen (z.B. mit Gojko Mitic) und begann Musik zu machen. Wurde dann bald zum besten Nachwuchskünstler der DDR gekürt.

Nun hat er sein eigenes Label ROCKchanSONG. Da steckt alles drin, was Dirk Michaelis ausmacht: Rocker, Chansonnier und Liedermacher. Der Mann, der als Sänger der DDR-Rockband Karussell die Hitparaden beherrschte, kommt endlich wieder nach Thüringen. Hingehauchte Balladen, wie das unverwüstliche „Als ich fortging“ werden immer fest mit Michaelis verbunden sein. Zu all diesen Dingen befragte ihn unser Mitarbeiter Thomas Behlert.

Sie sind Botschafter der Deutschen Josè Carreras Leukämiestiftung. Wie Sie sind dazu gekommen und wie bringen Sie sich ein?

DM: Ich hatte die ganz große Ehre mit Jose Carreras das Lied „Als ich fortging“ im Duett zu singen, im Rahmen seiner jährlichen Gala. Das war für das Lied wie ein Ritterschlag. In der folgenden Zeit hielt er mich immer auf dem Laufenden über die Stiftung. Irgendwann konnte ich mich mehr in die Öffentlichkeitsarbeit einbringen. Vor einigen Wochen ereilte unserer Band ein Schicksalsschlag, den keiner braucht: Mein Freund, Gitarrist und Produzent Thomas Maser ist an Leukämie erkrankt. Da die Krankheit vor niemanden halt macht, ist solch eine Stiftung sehr wichtig. Im Moment haben die Chemo-Therapien bei Thomas angeschlagen und er kann mit nach Gotha kommen. Unser Album „Halleluja“ bieten wir preisgünstiger an und stellen die Einnahmen der Stiftung zur Verfügung. 

Ihr eigenes Label „ROCKchanSONGS“ gibt es nun schon eine Weile. Wollten Sie unabhängiger sein? Aber ist es jetzt nicht ungemein schwieriger mit seiner Musik in die großen Verkaufsmärkte vorzudringen?

DM: Ich wollte wirklich mit dem Label unabhängig sein und nicht bei arroganten Plattenbossen Klinken putzen und erzählen müssen, wer ich bin und wie mein bekanntestes Lied heißt. Die Krise in der Musikbranche macht deutlich, dass man lieber „kleine Brötchen“ backen sollte, aber die stetig. Ich will gerne ein populärer Geheimtipp sein, als irgendwann in einem Katalog einer großen Firma gestrichen zu werden.  

Immer wird ihr Name im Zusammenhang mit dem DDR-Lied „Als ich fortging“ genannt. Ist dieser Hit immer noch Segen, oder mittlerweile schon Fluch?

DM: „Als ich fortging“ ist mein „Yesterday“. Paul McCartney wird sein Lied bestimmt auch nicht als Fluch empfinden. Ich bin froh, dieses Lied geschaffen zu haben und singen zu dürfen, zumal es zeitlos ist und einfach von allen Generationen gehört wird. Mit dem Text von Gisela Steineckert werden sich noch viele Generationen identifizieren können. Es gibt im Leben genügend Künstler, die solch einem Lied ewig hinterher rennen. 

Es existieren mittlerweile jede Menge Coverversionen, sogar auf Spanisch und Griechisch. Kennen Sie alle und welche ist die schönste Version? Und welche sollte verboten werden?

DM: Oh, es sind mittlerweile über 20 Coverversionen, die ich aber nicht alle kenne und nicht beurteilen will. Ich bin immer wieder überrascht, was für neue Cover auftauchen. Udo Jürgens hat mich mal gefragt, ob „Als ich fortging“ ein Volkslied sei. Darauf antwortete ich, dass ich mich freuen würde, wenn es zum Volkslied wird, aber komponiert habe ich es. Einige Varianten gehen ans Herz und an andere muss man sich gewöhnen. Ich finde es großartig, wenn das Lied auch bei der jungen Generation ankommt. Die neueste Version ist übrigens seit Wochen in den Charts, nämlich auf dem zweiten Album von „Adoro“.  

Singen Sie das Original auch auf den Thüringer Bühnen? Was kann der Zuschauer erwarten?

DM: Na logisch, sonst komme ich bestimmt nicht von der Bühne. An Thüringen habe ich gute Erinnerungen, da ich als junger Liedermacher öfters hier gastierte. Es wird Lieder aus meiner Karussell-Zeit geben, aber vor allem Songs von meinen Soloalben. 

Ihr letztes Album liegt doch schon eine kleine Weile zurück. Wird es bald etwas Neues geben? und können wir das eventuell schon hören?

DM: Das neue Album „Glaube Liebe Hoffnung“ bringen wir mit nach Gotha. Aber wie gesagt, die Erkrankung von Thomas hat alles Musikalische in den Hintergrund gerückt. Er sollte erst einmal gesund werden, damit wir jetzt wieder angreifen können.  

Wer ihre Karriere genauer beobachtet, merkt, dass sie auf ihren Alben immer mehr eigene Texte verwenden, zumindest seit dem Werk „Solo“. Was war dafür der Auslöser?

DM: Man wird im Laufe der Karriere mutiger und selbstbewusster und beginnt eigene Ideen zu verarbeiten. Früher hatte ich eine Schere im Kopf und traute mich nicht eigene Dinge beim Namen zu nennen und in einem Song zu verarbeiten. Diese Scheu ist mir nun abhanden gekommen. Ich möchte eben einfach Sachen singen, die ich selbst erlebt habe, die mir erzählt worden sind. 

Hast du schon mal überlegt englische Lieder zu singen?

DM: Daran denke ich öfters. Ab und zu singe ich englische Lieder, die mir gefallen und zu mir passen. Ich habe großes Interesse daran, deutsche anspruchsvolle Songs zu schreiben. Gute englische Songs gibt es genug, aber deutsche noch nicht zu sehr. 

Wie entwickelst Du deine Lieder? Ist zuerst der Text da oder erst die Melodie?

DM: Oft ist es so, dass mich ein Song regelrecht anspringt. Oder eine Zeile fällt mir ein, die dann gleich am Klavier weiter verarbeitet wird. Es gibt keine feste Zeit ein Lied zu entwickeln, wenn die Idee halt mitten in der Nacht kommt, wird sie eben mitten in der Nacht bearbeitet. 

Info: 12.3. Erfurt, 19.3. Jena, 26.3. Gotha