20 Jahre Electra

 
     
 

von Luise Mirsch aus Melodie und Rhythmus 07/1989

 
   

 

Hallo ELECTRA ,

zu eurem Zwanzigsten gratuliere ich sehr herzlich. Meine eigene Jugend steckt mit drin in den durchproduzierten Nächten Anfang der 70`er Jahre im Leipziger Senderstudio, in das wir offiziell erst ab 2 Uhr nachts hineinkamen, weil vorher die sogenannten „festen“ Orchester und Ensembles des Senders Leipzig ihren Dienst absolvierten.

Bereits eine Stunde vor Mitternacht saßen wir in den Startlöchern, um ja so früh wie möglich anfangen zu können. Wir, die aus Dresden angereisten ELECTRA - Musikanten, die Kollegen Tonregisseur Rodger und Toningenieur Krüger vom Orte und meine Wenigkeit als Greenhorn-Produzent aus Berlin.

Unvergesslich wird mir jener Frühlingsmorgen bleiben, der mit Sonnengewalt durch die Fenster des Abhörraumes brach und dessen Vogelgezwitscher sich mit den –zigfachen Synchronen der Chorstellen von „Tritt ein in den Dom“ mischte, den unsere Ton-Crew mit List und Tücke und viel Know-how gegen die damaligen technischen Möglichkeiten zu so passabler Power brachte, das wir uns auch heute noch nicht schämen müssen, wenn dieser DDR-Rock Oldie erklingt, ganz abgesehen von der suggestiv zupackenden Interpretation der noch ganz ungebrochenen Superstimme Stefan Treptes.

Aus diesen Anfangszeiten fallen mir allerdings auch Verklemmungen ein, die keiner so schnell vergessen konnte: Ich meine das Konzert im legendären Eisenbahner-Klubhaus mit ABC und Halina Franckowiak aus der VR Polen, die eine wahnsinnig expressive Rockmusik boten – Halina bluteten am Schluss die Finger, so heftig hatte sie das Tambourin geschlagen – das dagegen ihr Electra -Musikanten – erstmalig in Berlin und in internationaler Konfrontation – wie die verschämten Pennäler auf der Bühne herumstandet und mehr schlecht als recht eurer Programm an den Mann brachtet.

Heutzutage kocht jeder Saal, wenn Rattenfänger Aust mit seiner Flöte zum „Türkischen Marsch“ bläst, und wenn Manuel von Senden zum Schluss zu großer Scat - Arie anhebt. So ändern sich die Zeiten! Apropos, so manche Änderung in der ELECTRA - Konzeption und Besetzung hat nicht nur dem Bandleader Bernd Aust, sondern auch mir lebhafte und nachhaltige Kopfschmerzen bereitet. Immerhin wäre ohne die Hinwendung zum Classic - Rock so manch eindrucksvolle Adaption nicht entstanden, sicherlich nicht auch solche Versuche, geschlossene Werke wie die „Sixtinische Madonna“ für die Rock Szene praktikabel und erfolgreich zu machen, und es würde eines der wichtigsten Kabinettstückchen der DDR-Rockmusik fehlen: „Der grüne Esel“, nach einer Gellert-Fabel.

Das konnte nur so ein skurriler philosophischer Geist wie „Mampe“ sich ausgedacht haben, echt sophisticated, in der Wahl theatralischer Mittel späteren Entwicklungen internationaler Rockmusik weit vorgreifend.

So weit vorne weg, das ich als Produzent, und auf das Stück heiß, alle Überredungskünste und Zuhilfenahme der mir zur Verfügung stehenden Register meines auf den Gebieten Musikwissenschaft, Theatergeschichte und Literatur studierten Geistes aufwenden musste, um meine damalige Produktionsabteilung Tanzmusik zu überzeugen, wenigstens den Versuch einer Produktion zu wagen. Noch heute bin ich stolz auf das grüne Licht, das wir schließlich bekamen !

Ja, und als die Trennung der ELECTRA - Band von ihrem Mitbegründer Peter „Mampe“ Ludewig ins Haus stand fürchtete ich echt um den geistigen Bestand der Band, weil da ein Mann ging, der rastlos Ideen produzierte, machbare und gänzlich unmachbare, der mit burleskem sächsischen Witz Widerhaken in der schönen ELECTRA - Musik schlug und nicht zuletzt durch sein Stimmcharisma den Widererkennungseffekt der ELECTRA - Präsentation mitgeprägt hat.

Genauso beschäftigte mich als Produzent die Beendigung von so intensiver und erfolgsträchtiger Zusammenarbeit mit Textern wie Kurt Demmler und später Werner Karma, dessen „Scheidungstag“ – von Gisbert gesungen – überhaupt sein erstes Rocklied war.

Noch heute bewundere ich die gedankliche Schlagkraft des Songs „ Vier Milliarden „; und schmunzeln muss ich bei der Erinnerung an die Produktion des Karma/von Senden Hits „Nie zuvor“: Die gerückten Akkorde des Vocal - Backrounds wollten und wollten nicht stimmen, bis ich mich als alter Chor-Hase zu den anderen an die Mikros stellte und die Mittelstimme eine Oktave tiefer, als meine eigentliche Lage ist, mitsang. Das war aber eine ausgesprochene Ausnahme bei Electra, weil gerade die Musikanten nicht nur ihre Instrumente halten können, sondern auch ihre Stimmen bis hin zu Orlando di Lasso beherrschen, Handwerk hat eben doch goldenen Boden, das haben mit die Jubiläumskonzerte im Dresdner Kulturpalast wieder einmal voll bestätigt.

Und doch: as Salz in der Jubiläumssuppe, abgesehen von den fabelhaften Backround - Mädchen Martina Mai, Katrin Lipske und … den engagierten Hochschul-Big-Band Bläsern, waren die alten Gäste Trepte und Mampe, die dem ELECTRA - Rock erneut Stoßkraft und Attraktivität beim Publikum verschafften. Pläne erneuter Zusammenarbeit wären da nur zu begrüßen !

Das dann noch die gloriose Fusion zwischen allen Interpreten und dem Bassentertainer Gunter Emmerlich ( ein Bravo seiner gepfefferten Laudatio ) durch das Publikum zum absoluten Highlight des Konzertes wurde, das hätte vor 20 Jahren auch noch keiner an der ELECTRA - Wiege gesungen.

Jungs, ihr habt euch frei geschwommen, nutzt die nächsten 20 für eine kluge und attraktive Musik, die ihre Fühler überall dahin ausstreckt, wo `s interessant und vergnüglich für die Leute ist.

Ja keine Langeweile, das wünscht euch eure Altproduzentin Luise Mirsch.