Neues Leben 1975

 
 

Ingeborg Dittmann

 
     

Den Worten einen Klang geben

 Wie die Worte und der Name eines Menschen klingen, das kommt darauf an, wie groß oder klein er in seinen Taten ist.

Jene, die das nach einem Text von Kurt Demmler in einem ihrer neuesten Lieder sagen, haben ihrem Namen und ihren Worten ein Gesicht gegeben: das der Gruppe Electra, einer unserer musikalisch interessantesten und experimentierfreudigsten Beatgruppen, jüngst beim III. Interpretenwettbewerb der Unterhaltungskunst mit „Silber“ bedacht.

In den knapp zehn Jahren ihres Bestehens hat diese Dresdener Gruppe durch die Einbeziehung von Elementen der Folklore, des Jazz und der Klassik unsere Beatmusik um etliche Klangfarben bereichert. Rund 60 eigene Titel, zu denen die meisten Texte von Kurt Demmler stammen, haben die Musikanten um Bernd Aust bereits produziert ( 1974 erschien ihre erste LP, in diesem Monat die zweite mit Adaptionen klassischer Themen ).

Und solche erfolgreichen Titel wie „Die Kraniche fliegen im Keil“, „Beschreibung eines Zimmers“, „Der Trassen – Rock“, „Weiter weiter“, „Kam ein Lied übers Meer“ und ihre Klassik – Adaptionen beweisen, das die Electras ihrem Grundprinzip in all den Jahren treu geblieben sind: eine anspruchsvolle und engagierte Musik zu machen. „Neues Leben“ begleitete kürzlich die Gruppe „Electra“ auf einer ihrer Tourneen.

Mitternacht war längst vorbei, als sie endlich im Hotel ankamen. Und nun, ein paar Stunden später nur, sitzen sie am Frühstückstisch, reden laut durcheinander, reißen ihre Witze, lachen, sprechen über die gestrigen Konzerte. Seit einigen tagen sind sie unterwegs, zu einer Konzertournee im Mecklenburgischen.

Da ist von den Anstrengungen der vergangenen Tage nichts zu spüren in dieser Runde der acht „Electras“. Als da sind: Putz oder auch Bernd Aust ( Flöte, Saxophon, Gesang und musikalischer Chef ), Mampe, ansonsten Peter Ludewig ( Schlagzeug, Sologesang ), Rainer Uebel ( Orgel, Piano, Synthesizer ), Kuddel alias Wolfgang Riedel ( Bassgitarre, Gesang ) und Gisi ( oder der Ordnung halber ) Gisbert Koreng ( Gitarre, Sologesang ). Dazu kommen Techniker Hansi Reichelt und zwei, die sich für Beleuchtung, Transport und Organisationsfragen zuständig fühlen: Steffen Boden und Gunther Grebler.

Steffen und Hansi fahren gleich nach dem Frühstück los. Eine reichliche Wegstunde liegt vor ihnen, und ehe die Anlage am Spielort ausgeladen ist – das braucht so seine Zeit. Auch dann bleibt für die anderen noch genug zu tun, vor dem Konzert, das am Abend beginnt.

Mittags fahren die Musikanten, bis dahin ist noch ein wenig Zeit. Wofür ? Zum Lesen, für einen Stadtbummel, zum Üben und natürlich für die Musik.

Bernd und Peter blättern im Zimmer in ihren dicken Notenmappen. Zu den Arbeiterfestspielen soll ein neues Konzertprogramm stehen. Da muss Material durchforstet werden für neue Titel. Was schon mal skizzenhaft aufs Papier geworfen wurde, muss zu Ende gedacht werden; Ideen, die irgendwann in den letzten Tagen von einem der fünf ausgesprochen wurden, müssen festgehalten werden, dürfen nicht verloren gehen. Dafür sorgen Bernd und Peter, die so etwas wie der Kopf der Band sind, die Senioren, denn vor rund zehn Jahren gründeten sie während ihres Studiums an der Musikhochschule Dresden die damalige „Electra – Combo“.

Bernd erinnert sich an die ersten erfolgreichen Titel: „Sie liebten sich beide“, „Eine Strähne deines Haares“, „Wie sich Mühlen drehen im Wind“. Danach standen bald schon Funkproduktionen und Fernsehauftritte ins Haus.

So einfach, wie sich das im nachhinein anhört, war `s allerdings nicht. Trainingsfleiß, Ausdauer, Jahre kontinuierlicher Arbeit schlagen da zu Buche. Und neben den Erfolgen standen mindestens ebenso oft Enttäuschungen, die jedoch nie zur Resignation sondern dazu führten, das sie sich noch höhere Maßstäbe setzten.

Jahre waren das, in denen sich eine Gruppe von fünf, zeitweise sechs Musikanten profilierte und aus ihnen die „Electras“ wurden.

Eine große Aktie daran hat Mampe, der nicht nur einen Teil der „Electra“ Titel komponiert hat, sondern überdies ständig auf der Suche nach geeigneten Texten ist. Auch hier, während der Tournee, schleppt er stets einen Packen Bücher mit sich herum, versorgt die ganze Truppe damit und liest in jeder freien Minute. Romane, philosophische Aufsätze, vor allem aber Lyrikbände. Und so profitiert die ganze Gruppe von seinem Hobby. Denn beim Kramen in alten und neuen Büchern ist er schon oft auf Textvorlagen für ihre Musik gestoßen.

Bei Heine zum Beispiel oder kürzlich erst in Gellertschen Fabeln auf die vom „Grünen Esel“ , welche, vertont, Bestandteil einer neuen Suite geworden sind. Auf gedankentiefe, gehaltvolle Texte legen sie großen Wert, denn, so Bernd:

Text und Musik müssen eine Einheit bilden, die musikalische Umsetzung der Textaussage entsprechen und umgekehrt“.

Bernd und Peter blättern weiter in ihren Noten. Im Nebenzimmer läuft das Tonbandgerät. Dazu übt Gisi auf der Gitarre. Er ist, so erzählt er mir, seit einem Jahr dabei und auch sonst der Jüngste. Trotz abgeschlossener Ausbildung an der Musikhochschule nimmt er auch jetzt noch Gitarrenunterricht in Dresden. „Weshalb? In dieser Truppe ist immer alles in Bewegung, da lernt doch jeder weiter.“ Sagt `s und ist schon wieder in sein Spiel vertieft.

Zu diesen sich von selbst verstehenden Dingen gehört zum Beispiel auch, das sich nicht nur die drei „Electra“ Komponisten Bernd, Peter und Rainer, sondern alle fünf mit dem Musikerbe und dem zeitgenössischen Musikleben, Werken von Eisler oder Schönberg etwa, beschäftigen.

„Das ist einfach notwendig“ meint Gisi, „weil wir neben populärem tanzbarem Beat künftig auch umfangreiche musikalische Stücke produzieren wollen.“

Nachdem alles in den beiden PKW verstaut ist, fahren wir los. Es soll noch genug Zeit zum Proben bleiben. „ Zu Hause proben wir in der Woche zweimal“, sagt Mampe, „ und drei, vier Wochen hintereinander, wenn ein neues Programm erarbeitet wird.“

Irgendwann sind wir dann im Gespräch an einem Punkt angelangt, wo Mampe anfängt zu spinnen; den Faden nämlich für den Stoff eines Beatmusicals oder einer Beatoper. Und was er da für Ideen äußert, das hat gar nicht so viel mit Phantasterei zu tun.

Experimentierfreudig, wie die Band ist, wird auch das eine Tages Wirklichkeit.

Am Spielort angekommen, wird zunächst der Saal in Augenschein genommen. Der ist zum Glück größer als der gestrige Mini – Kinosaal, und hinter der Bühne sind Räume, wo Putz und Gisi noch mal in Ruhe ihre Flöten – und Gitarrensoli durchgehen können.

Die letzten Verstärker werden angeschlossen, Gunther hantiert mit der Lichtanlage, und Mampe richtet sich sein Schlagzeug ein.

Rainer verschanzt sich hinter seiner Orgel, lässt den Synthesizer aufheulen, und dann ist jeder erst mal längere Zeit mit dem Stimmen seiner Instrumente beschäftigt. Danach Durchlaufprobe, mit Licht. Das klappt doch schon ganz gut. Meine ich. Aber die Jungs finden immer irgend etwas, was nicht stimmt, eine ungünstige Scheinwerfereinstellung, der Bass kommt zu leise, und …

Ich setz ` mich zu Hansi, der in der letzten Reihe hinter seinen Reglern hockt. Er ist erst seit kurzem dabei, hat vorher selbst jahrelang Musik gemacht in einer Amateurband. Juckt es da nicht manchmal in den Fingern, wenn die anderen spielen ? Schon, sagt er, aber wichtiger sei, das einer an den Anlagen sitze, der nicht nur allein von der Technik was verstehe, sondern sich auch in der Musik auskenne, das richtige Gefühl für die Töne habe.

90 Minuten dauert so ein Konzert, in dem sie auch einige der Adaptionen bringen, z.B. „Borodin – Suite“, eine Bearbeitung von Themen aus der 2. h-Moll-Sinfonie und den Polowetzer Tänzen. Oder Bearbeitungen von Bach, Grieg, Offenbach.

Daneben stehen eigene, bereits bekannte Titel. Zu solch einem Programm gehört vieles. Es erfordert eine Dramaturgie, und auch die Bewegung auf der Bühne will gelernt sei, denn eine Bühnenshow nur um der Show willen, die sich verselbstständigt, lehnen sie ab.

Das sind 90 Minuten harte Arbeit, höchste Konzentration, körperlicher Anstrengung, Disziplin. Danach kommen die fünf ziemlich abgekämpft, aber zufrieden in die Garderobe. Doch ihre Arbeit ist noch nicht zu Ende, wenn die Zuschauer nach Hause gehen. Alles muss abgebaut und sorgfältig in … zig Kisten verstaut werden. Was sich für mich auf der Bühne als heilloses Durcheinander darstellt, hat für sie eine ganz bestimmte Ordnung. – Gewohnter Alltag.

Auf dem Heimweg wird resümiert: Wie hat das Publikum reagiert ? Waren die Texte zu verstehen? Wie war das Licht? – Seit ein paar Wochen haben sie endlich eine ordentliche Lichtanlage. So ist man noch am Ausprobieren der Möglichkeiten.

„Da ist noch manches rauszuholen“, meint Knuddel, und: „ Das gehört nun mal beim Konzert dazu. Man muss auch was für `s  Auge bieten.“

Die Adaptionen sind beim Publikum gut angekommen. „Aber weshalb spielen gerade die Bearbeitungen klassischer Themen bei euch eine so große Rolle?“

Bernd: „ Da sind wir uns einig. Sich an Werke eine Mozart oder Bach heranzuwagen und diese entsprechend heutigen Soundauffassungen auf eigene Art zu interpretieren, das verlangt schon hohes handwerkliches Können, Verantwortungsbewusstsein. Wir haben alle fünf an der Dresdener Hochschule eine Klassikausbildung absolviert. Und bevor wir an die Bearbeitung eines klassischen Themas gehen, informieren wir uns mittels Platten, Büchern, Noten ausführlich über Leben und Werk des entsprechenden Komponisten und seiner Zeit. Uns machen die Adaptionen Spaß, und vielleicht können wir auf diese Weise dazu beitragen, manche an die Originalwerke heranzuführen, Hörgewohnheiten zu entwickeln, die ihrerseits wieder neue Bedürfnisse wecken.“

Gegen Mitternacht kommen wir im Hotel an. Genau vor 12 Stunden sind die Jungs hier weggefahren. 12 Stunden auf Achse für ein oder zwei Konzerte, das ist die Regel. Sie sind das ganze Jahr über im Lande unterwegs. Und zwischendurch wird geprobt., stehen Funkaufnahmen im Terminkalender, werden neue Titel erarbeitet. Musikant ist ein hartes Brot, aber es macht Spaß, wenn man zu solch einer eingeschworenen Truppe gehört, in der jeder ernst genommen und immer wieder neu gefordert wird.

Das sind welche, die sich nie zufrieden geben, die nirgendwo ruhig am Tisch sitzen und sich auf ihren Erfolgen ausruhen können. Das kommt, weil sie mit dem nötigen künstlerischen Ernst an ihre Aufgaben herangehen, mit einer Disziplin, die sie sich selbst auferlegen, jeden Tag neu und ohne die sie nichts geworden wären, was sie heute sind: eine Gruppe, deren Name und Worte einen Klang haben.