Melodie & Rhythmus  10 / 1975

 
 

Peter Sandkaulen im Gespräch

 
   

  Wer mit "Keule" spricht, muss sich zunächst an seine hektische Art gewöhnen. Was sich auf der Bühne zu kraftvoll - rhythmischem Spiel verdichtet, getragen von einem imponierenden Musizierwillen, das bleibt im Gespräch eine Fülle sich überschlagender Gedanken, Fakten, Ideen, Überlegungen.

Geboren wurde ich am 26.April 1948 in Allendorf, Kreis Marburg an der Lahn. Wie in einer Marburger Zeitung zu lesen stand, war ich bereits als Viereinhalbjähriger so etwas wie ein Akkordeon - spielendes - Wunderkind. Erinnern kann ich mich noch, das mich Kraftwagenfahrer gern als Alleinunterhalter ein Stück des Weges mitnahmen. 1960 zogen meine Eltern in die DDR. Die erste Station war Oberdorf, die zweite ein mecklenburgisches Dorf, wo mein Vater als Traktorist sein Bestes gab. Nach Abschluss der zehnten Klasse lernte ich Rinderzüchter.

Das war die Zeit der aufkommenden Beatmusik, und es blieb nicht aus, das auch ich erste Griffe auf einer Gitarre übte. Die Kenntnisse genügten, um in Mecklenburger Amateurbands mitzuwirken.

Um Mitglied der Gruppen ELECTRA und "Lift" zu werden, bedarf es hoher musikalischer Fertigkeiten. Wann und wo haben Sie diese erworben ?

Nach dem Tode meines Vaters zogen wir nach Guben. Mein Bruder arbeitete dort in einer Gaststätte. Als bei einer gastierenden CSSR - Band der Gitarrist ausfiel, stieg ich aushilfsweise ein; hauptberuflich war ich noch Büfettier. Während meiner Armeezeit ( 1967 - 1969 ) ergab sich dann die Möglichkeit, im Standort - Musikkorps als Schlagzeuger mitzuwirken. Anschließend musizierte ich in diversen Dresdner Kapellen als Bassgitarrist. Die große Wende kam, als mich Bernd Aust im Cafe Prag hörte und einlud, bei der Gruppe ELECTRA mitzuspielen. Anfangs war ich mir recht unsicher, da ich bislang nur Tanzmusik ausgeübt hatte. Aber man machte mir Mut - und es ging. Gewiss hat mir auch der Besuch der Cottbuser Musikschule ( 1970 - 71 ) geholfen, den Anschluss an das ELECTRA - Niveau rascher zu finden.

Stimmt es, das Sie 1973 an der Dresdner Musikhochschule ein Abendstudium aufgenommen haben, das 1977 mit dem Staatsexamen enden wird ?

Das ist richtig ! Das Fach Tonsatz habe ich bereits abgeschlossen. Die Fächer Klavier und Gitarre ( bei Wolfgang Wirsig ) werden später folgen.

Wann entstanden ihre ersten Kompositionen ?

Erst durch die Mitarbeit bei ELECTRA wurde ich angeregt, eigene Emotionen in Musik umzusetzen. Der erste Titel hieß "Menschliche Augen" ( Text Demmler ). Heute würde ich sagen, es war nicht mehr als ein Versuch. Die große Chance bot sich auch mir beim Erarbeiten der ELECTRA - LP. Es wurden von mir "Die Erde ist `ne Kugel" und "Der Hahn mit dem roten Kamm" ( beide nach Texten Demmler ) aufgenommen. Den zuletzt genannten Titel halte ich für meinen bisher besten. Seine rockige Art entspricht meinem Musizierstil. Die Nummer lief damals ausgezeichnet in der Tippararde. Später schrieb ich das Chile Lied "Weil nicht nur die Erde blutet" ( Plath ) und zum Wettbewerb "Singt das Lied der Republik" entstand "Weiter, weiter". Diesen Titel konnten wir in der Tipparade und der "rund" Sendung vorstellen.

Sie haben einige Vokaltitel geschrieben, u.a. für Gisela Dreßler, nach Texten von Ingeborg Branoner. Sicher werden Sie künftig auch das Repertoire der Gruppe "Lift" bereichern, die durch Ihr Mitwirken nunmehr wieder mit Gitarre arbeitet ?

Gewiss werde ich auch für "Lift" schreiben. Doch zunächst muss ich mich mit dem Sound und den Möglichkeiten dieser Gruppe vertraut machen.

Ihre Spezialität sind rock orientierte Titel, doch gibt es dabei beträchtliche Varianten. Zu welcher tendieren Sie ?

Liedhafte Titel im engeren Sinne habe ich noch keine komponiert. Mir liegen rhythmisch betonte Nummern. Wobei ich Wert darauf lege, das der Hörer zumindest vom sogenannten Refrain etwas im Ohr behält und vielleicht sogar nachpfeifen kann. Von Hard - Rock Aufnahmen, die nur am Ohr vorbei rauschen, halte ich nichts. Auch Chorusse sollten so dosiert sein, das noch etwas von der konzipierten Musik übrig bleibt.

Über die Zeit des Kopierens sind Sie seit Jahren hinausgewachsen, dennoch gibt es bestimmte Musizierrichtungen, die Ihnen Anregungen vermitteln ?

Als Gitarrist imponieren mir die Virtuosität und der Einfallsreichtum von Jan Ackermann ( Mitglied er holländischen Gruppe "Focus" ) und John McLaughlin. An Gruppen wären vielleicht noch Jethro Tull, Chicago und einige anderen zu nennen. Doch irgendwann muss sich ja jeder von den Vorbildern, selbst wenn sie unerreichbar sind, lösen, um eigene Wege zu finden.

Was glauben Sie, wie es mit dem Beat weitergehen wird ?

Wie ich die Lage einschätze, gehört es zum wichtigsten, das unsere Gruppen noch souveränere Titel schreiben und interpretieren, in denen sich die Gedanken und Gefühle unserer Menschen, unserer Lebenshaltung und Umwelt widerspiegeln. Das Umsetzen dessen, was uns bewegt, in niveauvolle und massenwirksame Titel, das dürfte eine der Hauptaufgaben sein; und dort scheint mir auch die Zukunft der weiteren Entwicklung zu liegen.