Pop - Magazin 1984

 
 

 

 

Mit ELECTRA durch die SU

Bern Aust

Eine Konzerttournee unterscheidet sich natürlich wesentlich von einer Urlaubsreise, und mir entlockt es immer ein wehmütiges Lächeln, wenn ich von reibungslosen Gastspielen lese, bei denen ein Erfolg den anderen ablöste. Ich möchte in meinem Bericht Eindrücke vermitteln, Probleme darstellen, die immer dann auftreten, wenn man unter veränderten Bedingungen, also auf Tournee im Ausland Gleiches leisten will wie zu Hause. Das beginnt bereits bei der Zusammenstellung der Saalbeschallungsanlage, die, ob man es will oder nicht, den Dimensionen eines Flugzeugs angepasst werden muss.

Wir schränkten uns ein, waren aber nicht recht glücklich dabei, denn wir kennen die Säle und Freilichtbühnen in der SU, die fast alle sehr groß sind und Platz für zwei- bis viertausend Zuschauer haben. Wir mussten auch daran denken, das auf einer so langen Tournee etwas durch den Transport beschädigt werden kann, und nahmen also genügend Ersatz mit. Die Route war uns bekannt. Gespannt waren wir allerdings, wer und was uns in Moskau erwarten würde: Haben die Instrumente die Flugreise gut überstanden, wer wird Dolmetscher und Reisebegleiter sein, wie werden wir uns verstehen? Als wir aus dem Flugzeug stiegen, erwarteten uns Tamara und Wolodja. Wie sich später herausstellte, sind sie erfahrene Kollegen, die schon oft mit Künstlern aus unserem Land durch die UdSSR gereist sind und die unsere Mentalität kennen und akzeptieren. Natürlich ließen sie keine Gelegenheit aus, uns mit der Lebensart der Menschen (essen, trinken, Wohlfühlen) in den jeweiligen Republiken bekannt zu machen.

Unsere Techniker beaufsichtigten auf dem Flugplatz das Verladen der Instrumente, und schon da wurde der erste Schicksalsschlag offenbar: Die gesamte Lichtanlage fehlte und einige Boxen waren stark beschädigt. Das war ein großer Schreck. Aber wir hofften, alles wieder Instandsetzen zu können. Und vielleicht traf unsere Lichtanlage mit dem nächsten Flugzeug ein!

Am folgenden Tag verfassten wir die Worte, mit denen uns die Ansa­gerin Natascha dem Publikum vorstellen sollte. Und dann war es auch schon soweit: Das erste Konzert begann und damit unsere dritte Tournee durch die SU, die 35 Tage dauern sollte. Das Programm hatten wir den örtlichen Gegebenheiten angepasst. Wir konnten uns hier nicht auf Erfolgstitel verlassen, wir mussten alle Register unseres Könnens ziehen, um Farbigkeit zu erzielen und dem Publikum immer neue musikalische Eindrücke zu vermitteln. Die Rechnung ging auf - die Stimmung war großartig.

Nach drei Konzerten in Moskau flogen wir nach Ordshonikidse in den Nordkaukasus. Wir wohnten in einem Motel außerhalb der Stadt, umgeben von riesigen Bergen. Da wir drei Konzerte im gleichen Haus gaben, hatten wir tagsüber Zeit, uns die herrliche Gegend anzusehen. Doch die Berge waren zu Fuß unerreichbar... Welche Freude, als uns die Leitung der Philharmonie (sie entspricht etwa unserer KGD) zu einem Ausflug nach Schloß „Tamara" einlud. Das heißt, am Anfang waren wir nicht so recht begeistert, denn wir dachten an endlose, ermüdende Schlossbesichtigungen der Vergangenheit. Außerdem ging es wieder mal zwanzig Minuten später los als vereinbart (wir können uns noch im­mer nicht mit den zeitlichen Großzügigkeiten bei Verabredungen abfinden). Doch der Ausflug wurde zum Erlebnis. Wir fuhren im Tal des Flusses Terek auf der Heerstraße nach Tbilissi. Die Berge rechts und links von uns wurden von Kilometer zu Kilometer immer höher, bis wir endlich am Ziel waren. Die Ruine eines aus groben Steinen erbauten Schlosses stand auf einer Anhöhe, steil ging es abwärts bis zum reißenden Fluss, zu beiden Seiten senkrecht aufragend riesige Felsen, in der Ferne der schneebedeckte Gipfel des 5047 Meter hohen Kasbek.

Das war sie, die rauhe, reizvolle Landschaft des Kaukasus. Wenn die Sonne nicht alles in strahlendes Licht getaucht hätte, wäre es uns sicher etwas unheimlich geworden. Doch so wanderten wir jeder auf einen anderen Punkt zu, der, wie wir meinten, unbedingt erreicht werden müsste. Nach einer Stunde trafen wir uns wieder, total geschafft, aber begeistert.

In der Zwischenzeit hatten unsere Be­gleiter für uns in der Schlossruine unter freiem Himmel ein Mittagessen vorbereitet. So haben wir sie wieder einmal erlebt, die vielge­rühmte Gastfreundschaft! Von Ordshonikidse führte die Tour weiter über Grosny nach Naltschik. Von der Stadt blickt man auf den höchsten Berg des Kaukasus, den Elbrus. Wir lernten eine sehr gut spielende Band und ein großartiges Publikum kennen. An drei Abenden traten wir auf einer Freilichtbühne auf, und immer goss es in Strömen! Die Bühne war zwar überdacht, doch die Zuschauer saßen im Regen. Das beeinträchtigte aber ihre Stimmung nicht im geringsten - sie tanzten und klatschten mit. Drei Tage Sonnenschein, drei Abende Regen, und doch gehören diese Konzerte zu den eindrucksvollsten der Tournee.

Die nächsten Stationen waren Tscherkessk und Stawropol. Es folgten, von uns lang ersehnt, zehn Tage Sotschi. Von der Schönheit und dem Reiz dieses Ortes zu schwärmen, hieße Eulen nach Athen tragen. Doch über den Eindruck, den die Menschen diesmal bei uns hinterließen, muß ich sprechen. Uns war die Atmosphäre hiesiger Konzerte von 1979 her in Erinnerung. Damals meinten wir vor trägen Urlaubern zu spielen, die nur aus Langeweile in ein Konzert gingen. Dieses Jahr fanden wir ein begeisterungsfähiges Publikum vor. Die Menschen hatten sich gewandelt. Das fiel uns nicht nur in den Konzerten auf. Überall wirkten sie aufgeschlossener, weltoffener.

Unser Abschluß-Gastspiel in Krasnodar brachte nicht nur ein Wiedersehen mit einer uns bekannten Stadt, sondern auch eine Begegnung mit Studenten aus der DDR, die hier studieren und auf bekannte Art in den Konzerten für Stimmung sorgten. Dann endlich Rückflug nach Moskau. Fünfeinhalb Wochen fern von der Familie, das ist doch eine ganz schön lange Zeit! Da hat man manchmal Sehnsucht nach zu Hause.

Moskau. Der letzte Tag. Noch einmal ein Abendessen mit Natascha, der Ansagerin, Tamara, der Dolmetscherin, und Wolodja, dem Organisator. Wir waren nicht immer einer Meinung, und doch hatten wir uns schätzen gelernt. Und beim letzten Trinkspruch würgte es ganz schön im Hals.

Dann war es soweit, die Maschine heulte auf, bewegte sich in Richtung Startbahn, zog an - blieb stehen, wendete und fuhr an ihren Ausgangspunkt zurück. „Wir bitten die Fluggäste um Verständnis, aus

technischen Gründen müssen wir den Flug bis auf weiteres verschie­ben, wir bitten Sie, sich in den Transitraum zu begeben", so lautete die lakonische Mitteilung, die uns über Lautsprecher erreichte. Also wieder zurück zu Tschai mit Kognak. Zum Glück hatte der Pilot den Defekt noch vor dem Start bemerkt... Nach einer Zeit, die uns wie die Ewigkeit vorkam, hieß es erneut einsteigen. Noch ein Blick zurück und dann ab in Richtung Heimat.

Mit 90 Minuten Verspätung landeten wir in Dresden; nur die Blumen, die wir für unsere Frauen gekauft hatten, ließen die Köpfe hängen. Und wenn ich jetzt meine Zeilen durchlese, möchte ich eigentlich noch mal von vorn anfangen, denn da gibt es noch so viele Begegnungen, Situationen, Stimmungen und Gespräche, vieles, was eine Tournee zum Erlebnis werden lässt und einiges, worüber man sich geärgert hat, was aber dazugehört, wenn man mit 2 t Gepäck und 13 Leuten unterschiedlicher Mentalität auf Tour ist, ob in der SU oder anderswo.

Nach einem Monat traf dann auch unsere Lichtanlage in Dresden ein! Wir hatten viel gesehen, unsere Lichtanlage sicher noch mehr. Auf einem Anhänger standen Grüße aus Laos und Vietnam...