Melodie & Rhythmus  2 / 2004

 
 

 

 

Electra - Jubiläum

Uli Grunert

     

 

Man schrieb das Jahr 1969, als hinter den Ab­solventen der Dresdner Musikhochschule „Carl Maria von Weber" die schwere Eichentür ins Schloss fiel und das Studentendasein ein Ende hatte. Die ehemaligen Kommilitonen der Tanzmusikklasse Peter Ludewig (dr, voc), Bernd Aust (sax, fl, kevb), Karl-Heinz Ringel (keyb), Ekkehard Berger (git, voc) und Wolfgang Riedel (bg) gründeten die Gruppe Electra.

In ihrer Früh­phase sorgten die frischgebackenen Musik-Profis Mit den Tanzsälen von Dresden und Umgebung für Stimmung „Wir coverten damals fleißig die Hits der großen Acht von Radio Luxemburg, wobei wir die Beatles- und Beach Boys-Fraktion bevorzugten. Und ein bisschen Jimi Hendrix", erinnert sich Bandleader Bernd Aust.

     

Das Nachspiel des damals überaus beliebten, superlangen Jethro Tull-Stückes „Thick Is A Brick" etablierte Electra schließlich bei der ostdeutschen Art Rock-Fans. Doch viel wichtiger war der Band da schon die Kreation eigener Werke. Nach zwei, drei Studio-Sessions im Rundfunk, bei denen die Musiker sich ausprobieren konnten, gelang mit der Vertonung des Kurt Demmler-Textes „Tritt ein in den Dom" ein frühes Meisterstück.

Bernd Aust blickt zurück: „Es gab ja in der OHR keine Rockmusik damals, aber in Polen und in Ungarn. Und da haben wir uns sehr für Czeslaw Niemen interessiert, für seine Art mit der Orgel umzugehen, für den Chorgesang, das Sakrale in seiner Musik. Wegen des Faibles für Niemen war das Lied sehr hoch angelegt, so dass Stephan Trepte, der gerade als Sänger eingestiegen war, sagte, ich wolle ihn zum Tenor machen." Das Verbot, den Song weiterhin im Rundfunk zu spielen, nachdem er den ersten Platz in der Hörergunst erreicht hatte, sorgte für einen zusätzlichen Popularitätsschub. Von der Wasserkante bis rum Fichtelberg wartete man bei Live-Konzerten gespannt auf diesen Song, der bis heute einer der wichtigsten Electra-Songs geblieben ist. „Bei „Tritt ein in den Dom“ hat keiner mehr getanzt. Die Leute sind wirklich ergriffen gewesen, guckten uns an. Seitdem haben auch wir zum Konzert gespielt."

Warum der Song verboten wurde? Das ist heute schwer zu erklären. Vermutlich hatten die Kulturfunktionäre in Berlin Angst, die kirchlichen Gemeinden hätten durch das Lied noch mehr Zulauf als ohnehin. Bernd Aust erinnert sich: ,,Der Text ist ja eher unverfänglich. Er meint ja eigentlich: Tritt ein in ein Kulturdenkmal. Die Kulturoberen fanden den Song durchaus nicht witzig, verbannten ihn aus den Sendeanstalten. Das ist auch der Grund, warum der Dom nicht auf der ersten, im Jahr 1974 veröffentlichten Electra-LP zu finden ist."

Mit der Bearbeitung bekannter und weniger bekannter klassischer Kompositionen von Bach, Mozart und Borodin nach dem Vorbild westlicher Art-Rock-Helden wie Emerson, Lake & Palmerund Ekseption bekam die Band schließlich die Einladung, für AMIGA eine zweite Langspielplatte einzuspielen. Die „Adaptionen" verkaufte sich wenig später im Osten wie geschnitten Brot. Als der Klassik-Rock-Boom verebbte, wurde an einem Konzeptalbum gearbeitet, welches Geschichte schreiben sollte.

Mit Manuel von Senden stieg 1978 ein neuer Sänger ein, mit dem die Gruppe 1980 das von Kritik und Publikum gleichermaßen bejubelte Konzeptalbum „Die Sixtinische Madonna" einspielte. Mit über 150.000 verkauften Exemplaren wurde die Platte eine der erfolgreichsten AMIGA-Produktionen. In den 80er Jahren machte die Gruppe weiterhin alle Höhen und Tiefen der DDR-Kulturpolitik mit, produzierte bis 1987 insgesamt sieben Alben. Auch wenn Electra zum Ende der 80er Jahre hin Federn lassen musste, die Band nährte sich redlich. Selbst wenn sie zuweilen eher nach Schlagerstudio als nach Art-Rock klangen.

Über das Auf und Ab in der Bandgeschichte, die Ursachen der Umbesetzungen und der heute mit Electra unter dem Logo „Sachsendreier" auftretenden Gruppen Stern Combo Meißen und Lift hat Jürgen Balitzki unter dem Titel „Geschichten vom Sachsendreier" im Berliner Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag ein lesenswertes, über 400 Seiten dickes Buch veröffentlicht. Ein Schmöker, der jeden Electra-Fan aus erster Hand mit all den unglaublichen Geschichten versorgt, die bis zur Veröffentlichung des Buches nur als Gerüchte die Runde machten.

Mit ihren von klassischer Kompositionsweise angeregten Eigenkompositionen „Tritt ein in den Dom", ,,Der grüne Esel" und „Das kommt, weil deine Seele brennt" errang die Band eine große, bis heute andauernde Popularität.

1996 veröffentlichte BMG den Sampler „Electra - Die Hits",1999 konnte man Electra gemeinsam mit Lift und der Stern Combo Meißen auf dem von Buschfunk veröffentlichten Sachsendreier ­Live-Album hören. Die eher magere Veröffentlichung von Tonträgern hat dank des Jubiläums jetzt ein Ende: AM1GA plant ein Raritäten-Album und zusätzlich eine 8-CD-Box mit den sieben im Zeitraum zwischen 1974 und 1989 veröffentlichten Alben sowie der sagenumwobenen, bisher nicht veröffentlichten Electra-Produktion „Der aufrechte Gang“.

Bernd Aust dazu: ,,Wir waren in unserem Studio gerade dabei, die achte LP fertig zu stellen, da ging die Mauer auf und die einzige ostdeutsche Plattenfirma ging unter. In der Wendezeit kam die geplante Veröffentlichung der Platte nicht mehr zustande. Die Leute hatten das Interesse an unserer Musik erst einmal verloren."

14 Jahre sind seitdem vergangen und Electra gibt es immer noch. Nach anfänglich zaghaften Ausflügen ins Konzertgeschäft, steht die Band im Osten wieder regelmäßig auf den Bühnen, zieht (nicht nur) bei Sachsendreier­ Open-Airs wieder Zehntausende Fans in ihren Bann. Die Rückbesinnung auf alte Starken kommt an beim Publikum. Das geplante Electra-Jubiläums-Konzert am 23. Oktober im Alten Schlachthof in Dresden verspricht einige besondere musikalische Hö­hepunkte: Neben den zwei legendären Sängern Stephan Trepte und„ Mampe" Peter Ludewig, die seit längerem wieder als feste Größen bei Electra agieren, werden mit Conny Bauer und Reinhard Lakomy zwei alte Freunde aus der Studienzeit dabei sein.