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„Engerling,
weichhäutige, weißliche Larve der Blatthornkäfer …“. Mit dieser
Definition aus Meyers neuem Lexikon kann der Plattensammler kaum etwas
anfangen, wen er versucht vom, vom Titel einer neuen Amiga LP –
nämlich „Engerling“ – auf deren Inhalt zu schließen.
Indes: Dem Kenner
ist klar, das es hier nicht um zoologische, sondern bluesige Töne
geht.
Ende 1974 scharten
sich interessierte Berliner Musikanten um den Pianisten und Sänger,
Texter und Komponisten Wolfram Bodag und gaben sich den Namen
Engerling. Wer weiß, welch hintergründiger Sinn der Namensgebung
zugrunde lag. Doch wie dem auch sei, bald waren sie auch außerhalb der
Hauptstadt bekannt. Auftritte und erste Rundfunk-Mitschnitte ließen
sie beim jugendlichen Publikum zum Begriff werden. Bei den zentralen
Leistungsvergleichen unserer besten Amateurgruppen erhielten sie den
Titel „Hervorragendes Amateurtanzorchester der DDR“ zugesprochen.
Damit fand und
findet ihre zielstrebige Arbeit gebührende Anerkennung. Gleichzeitig
ein Dankeschön an die Amiga Produzenten, die mit dieser LP wieder
einmal eine Amateurformation vorstellen. Von Anbeginn hat sich die
Gruppe Engerling dem Blues verschrieben. Doch Blues bedeutet für sie
keine Einengung, kein starres Schema, sondern in erster Linie
lebendiges Musizieren unter Nutzung bewährter Traditionslinien und
modischer, aktueller Einflüsse. Es liegt auf der Hand, das sie sich
ebenso mit den klassischen wie mit den zeitgenössischen
Bluespersönlichkeiten und ihrem Schaffen auseinandersetzt. Das spürt
man in der Musik, aber auch in den Texten.
Offensichtlich wird
dieser Prozess in den Titeln „ Mama Wilson“ und „Schwester Bessies
Boogie“. „Mama Wilson“, einer der erfolgreichsten Engerling – Titel,
auch bereits als Single erschienen, ist ein fiktives Gespräch mit der
Mutter des 1970 auf tragische Weise ums Leben gekommenen Alan ( Al)
Wilson. Wilson, Jahrgang 1943, spezialisierte sich nach seinem
Musikstudium al Bluesforscher und gilt als Mitbegründer der in Los
Angeles beheimateten Blues – Rockband Canned Heat. Er war ein
bedeutender Vertreter des „weißen“ Blues und Vorbild für die
nachfolgende Generation – kein Wunder also, wenn ihm von den Berliner
Musikanten ein klingendes Denkmal gesetzt wird, denn Bodag bekennt: „
Den Boogie blies er in uns rein!“
Während Wolfram
Bodag zu „Mama Wilson“ einen einfühlsamen, treffenden
charakterisierenden Text schrieb, wendet er in „Schwester Bessie`s
Boogie“ ein anderes Prinzip an. Schwester Bessie verkörpert die
berühmte Bluessängerin Bessie Smith. Ihr widmet Bodag einen typischen,
erfrischenden Klavier_Boogie-Woogie: ostinante Bassfiguren in der
linken Hand, stereotype melodische Wendungen in der rechten Hand. Die
Musik hat eindeutig das Primat, der Text erschöpft sich in (fast
belanglosen) Ausrufen, unterstützt die Spielfreude – auch das
Anknüpfen an bewährte Traditionen.
Zu den älteren
Engerling-Titeln dieser LP zählt auch der „Blues vom roten Hahn“.
Bodag erzählt die Story vom Wiederaufbau des abgebrannten Bluesklubs,
von der Solidarität der Bluesmusikanten, die für ihre Freunde Geld
einspielen: „ Hier habt ihr die Moneten. Legt sie gut an, fangt an
aufzubaun und lasst euch nicht noch mal vom Roten Hahn dort unterm
Dach den alten Blues versau `n „.
Neu eingespielt
wurde „Die dünne Haut“. Bodag glaubt „die Haut, die ist zu dünn für
diese Welt“ – und wünscht sich das dicke Fell eines Grizzlybären – was
ihm aber auch so alles widerfährt, dem sensiblen Musiker. Klar in
Verse und Refrain gegliedert, treten in dieser Komposition wohltuend
markante metrische Akzente hervor (z.B die wiederholt vorgezogene Eins
im Vers), die den Ablauf interessant machen.
Die Platte beginnt
mit einem neuen Titel: „Sechs tage auf dem Rad“, einem anfeuerndem
Durchhaltelied für die Berliner Winterbahnfans. Ob es auch für
Engerling ein Renner wird? Mir scheint die Substanz ( Text wie Musik )
dafür etwas zu mager; gelungen dabei die Korrespondenz von Gitarre und
Klavier. Recht originell dagegen finde ich einen weiteren Neuling –
„Gleichschritt“. Boldag schildert anhand zahlreicher aus dem leben
gegriffenen Beispiele wie sie „hü“ sagt, wenn er „hott“ meint,
trotzdem ( oder gerade deshalb ) kennen beide keine Langweile und
finden sich nett – auch ein Rezept. Der differenzierte Einsatz der
Mundharmonika verleiht als Gegenpol zum Gesang diesem Titel das
Kolorit.
Eine weitere Novität
stellt der „Moll Blues“ dar. Moll bezieht sich in diesem fall nicht
nur auf das Tongeschlecht, sondern symbolisiert eine Person, auf der
das Vergangene lastet. Die Einsamkeit wird zur Gefahr: „Gib auf dich
acht, sonst erstickst du in der Erinnerung.“ Ein typischer Blues,
schwer, in langsamen Zeitmass ( 6/8 Takt ), mit Solochorussen von
Gitarre und Saxophon, im Mittelpunkt der unverkennbare Gesang Wolfram
Bodags.
Den Abschluß der
Engerling LP bildet das Instrumental „Montgolflere“, eine Reminiszenz
an den ersten Heißluftballon bzw. an seine Konstrukteure, die
französischen Gebrüder Montgolfier. Trotz mehrmaligem Hören fand ich
keine rechte Beziehung zur Überschrift ( oder soll die beabsichtigte
musikalische Monotonie das Dahinschweben des Ballons widerspiegeln ?
). Wenn auch stellenweise in der Interpretation Bluesfeeling
erkennbar ist, so scheint mir doch der Titel auf der Platte isoliert (
hart gesagt: deplaziert ) zu stehen. Er eignet sich wohl besser für
ein Konzertprogramm, mit Raum für ausgeprägtes Solospiel.
Engerlings
musikalische Konzeption ist klar erkennbar: geradlinige, urwüchsige
Blues – und Boogiemusik, vielgestaltig und abwechslungsreich.
Als Spiritus rector
des Unternehmens fungiert Wolfram Bodag, der die Texte zu seinen
Bluesliedern mit Können und Einfallsgabe selbst schreibt, der als
Sänger und Keyboardspieler vieles selbst über die Rampe bringt. In ihm
verkörpert sich die oft beschworene Einheit von Text, Musik und
Interpretation in einer originellen Synthese. Ihm zur Seite stehen die
Gitarristen Heiner Witte und Bernd Kühnert, Saxophon bläst Gottfried
Klier. Für einen unauffälligen, aber marschierenden Rhythmus sorgen
Rainer Lojewski ( dr ) und in jüngster Zeit Jens Saleh (b ), auf
einigen Produktionen von Mischa Arnold und Erhard Klauschenz
vertreten.
Die LP „Engerling“ sollte aber nicht nur den Bluesfreund
interessieren, sondern sich auch auf den Plattentellern unserer
Diskotheken drehen, denn Blues ist ja zur Zeit wieder einmal landauf,
landab „in“ . |