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Bekanntlich hat der
populäre Engerling-Chef Wolfram Bodag just in dem Moment das Personal
ausgetauscht, als sich abzeichnete das seine Berufsauffassung und die
einiger „Engerlinge“ auf unterschiedlich verdichteter Fundamenten
ruhten. Von den Musikern in denen Bodag 1978 die erste LP einspielte,
verblieb nur noch der Gitarrist Heinrich Witte. Hinzu kamen als neue
Instrumentalisten der neuen LP „Tagtraum“ Peter Lucht (dr), Günther
Krex (b) und als Gast der im Rock – und Jazzmusizieren gleichermaßen
versierte Saxophonist Helmut Forsthoff. Also auch hier wieder Bodags
Vorliebe für das Saxophon, die er schon auf der ersten LP ( Gottfried
Klier ) kundtat.
Das frische,
unverbildete Blues – intensive Musizieren der ersten LP ist mir in
lebhafter Erinnerung geblieben. Glaube, ich werde ähnliches einst auch
von der zweiten LP sagen, obgleich sie stilistische Ausweitung
dokumentiert. Zwar dröhnt die alte ungebrochene Blues-Leidenschaft
Wolfram Bodags, der wiederum für Kompositionen, Texte und
Arrangements zeichnet, besonders in Titeln wie „Knüppel aus dem Sack“
und „Engerlings Blues“ mächtig auf. Insgesamt präsentiert sich die
Platte stilistisch vielfarbiger und harmonisch farbkräftiger. Ich
meine durchaus, das Bodag in der Handhabung der Mittel gereift ist.
Das betrifft auch die musikalische Materialökonomie. Bodags
Arrangements und Musizierweise sind auf Entschlackung aus. Dieses
gewiss nicht schön, aber kennzeichnende Wort meint hier Eliminierung
des Überflüssigen, Reduzierung musikalischen Ballastes wie
unverständliche Mittelstimmen, sich verselbstständigende
Instrumentaleffekte, unscharf gebündelte Akkordik.
Indem Bodag sich
auf das Notwendigste konzentriert, auf das, was die inhaltliche
Aussage stützt und nicht verstellt, gewinnt seine Musik lakonische
Prägnanz und Schlagkraft. Fast immer erweckt diese Musik den Eindruck
als erfolge der Einsatz der musikalischen Mittel nach deutbaren
funktionalen Prinzipien. Beispielweise in „Tommy Simpson“. Dieser
Tommy Simpson, eine ebenso fiktive wie reale Figur, ist
Radweltmeister der Profis und wird in der „Tour de France“
erbarmungslos von seinen Managern verheizt. Mit Aufputschmitteln
versuchen sie, seine gefährdete Spitzenposition zu retten. Simpson
wird das Opfer ihrer Gewinnsucht. „Im Staub liegt Tommy Simpson, das
Leichentuch im Gesicht“ . Einer der hier wichtigsten musikalischen
Figuren, die auch zum Teil die melodische Substanz speist, eine ein im
Bassregister ( keyb, b ) ostinat kreisendes Terzen-Motiv vorwiegend
auf c-es-d-b ( überhaupt hat Bodag eine innige Beziehung, die aus
seinem Blues-Verständnis erklärlich ist, zum Terz Intervall ). Diesem
Motiv ist mehrfache Bedeutung zuzuordnen – in seinem motorischen
Gleichmass scheint es nicht nur Härte, Qual, Dynamik des mörderischen
Rennens, sondern auch die Unerbittlichkeit, die Sklaven-Existenz des
Profi-Daseins zu charakterisieren. Im Verlauf des Titels wird dieses
Motiv, ohne dass ein Grundgestus aufgegeben wird, verändert: Er löst
sich auf in vibrierende Repitionstöne und erscheint in neuer
rhythmischer Gestalt. Noch andere Beispiele ließen sich anführen, die
für Bodags Fähigkeit sprechen, musikalische Mittel funktional
konsequent zu realisieren.
Sieben Titel auf der
zweiten LP. Nur einen vermag ich nicht zu favorisieren – den einzigen
instrumentalen nämlich, der sich „21 Uhr 55“ nennt und damit unserer
Neugier neues Martyrium auflädt: Welches Ereignis, Erlebnis verbindet
sich wohl mit dieser Uhrzeit ? Dieser mittelmäßig temperierte, ganz
auf das leuchten der Gitarren-Melodie ( nicht immer intonationsrein )
setzende Titel ist von geringer Erfindungskraft, ziemlich
spannungsarm, eintönig und zudem vordergründig.
Dagegen sind die
Vokal Titel von ungleich wesentlicherer Substanz. Einen Titel, den
meisten bekannt, möchte ich auf `s Podest stellen: „ Knüppel aus dem
sack“ . Bodag attackiert hier in hartnäckigen Triolen-Ketten und mit
interpretatorisch beißendem Spott, willfähriges Anpassertum,
Moralverluste, Verkehrung des Lebenssinns, den geradezu sportlich –
ehrgeizigen Wettkampf der Saturierten um Reichtum. Der Textautor Bodag
macht sogleich mit dem ersten Bild klar, wie das weitere zu verstehen
ist: Wenn der Schimmel des Fuhrmeisters nicht mehr trecken will, wird
er mit dem umgehängten Hafersack gefügig gemacht. Bodags Ironie ist
bisweilen eisig, aber er hat ja recht. Jene Trude Zaremba mit ihren
exquisiten Ansprüchen, mit denen sie ihren Man erpresst, jener
Kunstmaler Ludwig, der – weil Seichteres ihm schnell eine goldenen
Nase eingebracht – nicht mehr malt, „was ihm vor Jahren im Nacken saß“
– sie sind ja leider mitten unter uns. Und dieses Unbehagen an einem
sehr wohl veränderungswürdigenden Zustand artikuliert sich in einem
pfeilscharfen Blues – Song.
Hier ist Bodag auch
mehr Moralist als im „Muschellied“, dessen realistischer Text in einer
recht schwachen refrainhaften Pointe ausläuft. Da wird die Verfassung
einer Frau beschrieben, die körperlich und nervlich fix und fertig
ist; das Leben hat sie irgendwie (?) gebeutelt, einen saufenden Mann,
vor dem sie ängstlich flüchtet, weiß sie an ihrer Seite. Diese harte
Situationsschilderung wird fast surreal zugespitzt durch Zeilen wie „
Wenn du vor den Spiegel trittst, malst dir die Nase rot und kalkst
dein Gesicht mit Chlorodont und denkst, du wärst schon tot. Und
belegst mit abgebrannten Kippen dein Butterbrot“. Daran die
privatisierende Pointe „Dann schmink (seil) dich ab, komm zu mir“
anzuschließen, verkleinert die Geschichte, meine ich.
Ansonsten versteht
sich Bodag in seinen Texten als verdammt guter Allegorist (
„Engerlings Blues“ ), beweist sich als Vertreter eines geradezu
irritierend irrlichternd-kauzigen Hintersinns ( „Tagtraum“ ) und in
seinen Musiken als Komponist, der das Aggressive, den Zorn ebenso
beherrscht wie die ironisch feine Brechung ( „Tagtraum“, „Auf
verlorenem Posten“ ). Als Sänger ist Wolfram Bodag merklich flexibler
geworden, hinzugetreten ist auch eine auffallende Fähigkeit zur
artikulatorischen Nuance, gewachsen ist das stimmliche Volumen. |