Rezension aus Melodie und Rhythmus von 1981

Wolfgang Lange

 

Bekanntlich hat der populäre Engerling-Chef Wolfram Bodag just in dem Moment das Personal ausgetauscht, als sich abzeichnete das seine Berufsauffassung und die einiger „Engerlinge“ auf unterschiedlich verdichteter Fundamenten ruhten. Von den Musikern in denen Bodag 1978 die erste LP einspielte, verblieb nur noch der Gitarrist Heinrich Witte. Hinzu kamen als neue Instrumentalisten der neuen LP „Tagtraum“ Peter Lucht (dr), Günther Krex (b) und als Gast der im Rock – und Jazzmusizieren gleichermaßen versierte Saxophonist Helmut Forsthoff. Also auch hier wieder Bodags Vorliebe für das Saxophon, die er schon auf der ersten LP ( Gottfried Klier ) kundtat.

Das frische, unverbildete Blues – intensive Musizieren der ersten LP ist mir in lebhafter Erinnerung geblieben. Glaube, ich werde ähnliches einst auch von der zweiten LP sagen, obgleich sie stilistische Ausweitung dokumentiert. Zwar dröhnt die alte ungebrochene Blues-Leidenschaft Wolfram Bodags, der wiederum für Kompositionen, Texte und  Arrangements zeichnet, besonders in Titeln wie „Knüppel aus dem Sack“ und „Engerlings Blues“ mächtig auf. Insgesamt präsentiert sich die Platte stilistisch vielfarbiger und harmonisch farbkräftiger. Ich meine durchaus, das Bodag in der Handhabung der Mittel gereift ist. Das betrifft auch die musikalische Materialökonomie. Bodags Arrangements und Musizierweise sind auf Entschlackung aus. Dieses gewiss nicht schön, aber kennzeichnende Wort meint hier Eliminierung des Überflüssigen, Reduzierung musikalischen Ballastes wie unverständliche Mittelstimmen, sich verselbstständigende Instrumentaleffekte, unscharf gebündelte Akkordik.

Indem Bodag sich auf das Notwendigste konzentriert, auf das, was die inhaltliche Aussage stützt und nicht verstellt, gewinnt seine Musik lakonische Prägnanz und Schlagkraft. Fast immer erweckt diese Musik den Eindruck als erfolge der Einsatz der musikalischen Mittel nach deutbaren funktionalen Prinzipien. Beispielweise in „Tommy Simpson“. Dieser Tommy Simpson, eine ebenso fiktive wie reale  Figur, ist Radweltmeister der Profis und wird in der „Tour de France“ erbarmungslos von seinen Managern verheizt. Mit Aufputschmitteln versuchen sie, seine gefährdete Spitzenposition zu retten. Simpson wird das Opfer ihrer Gewinnsucht.  „Im Staub liegt Tommy Simpson, das Leichentuch im Gesicht“ . Einer der hier wichtigsten musikalischen Figuren, die auch zum Teil die melodische Substanz speist, eine ein im Bassregister ( keyb, b ) ostinat kreisendes Terzen-Motiv vorwiegend auf c-es-d-b ( überhaupt hat Bodag eine innige Beziehung, die aus seinem Blues-Verständnis erklärlich ist, zum Terz Intervall ). Diesem Motiv ist mehrfache Bedeutung zuzuordnen – in seinem motorischen Gleichmass scheint es nicht nur Härte, Qual, Dynamik des mörderischen Rennens, sondern auch die Unerbittlichkeit, die Sklaven-Existenz des Profi-Daseins zu charakterisieren. Im Verlauf des Titels wird dieses Motiv, ohne dass ein Grundgestus aufgegeben wird, verändert: Er löst sich auf in vibrierende Repitionstöne und erscheint in neuer rhythmischer Gestalt. Noch andere Beispiele ließen sich anführen, die für Bodags Fähigkeit sprechen, musikalische Mittel funktional konsequent zu realisieren.

Sieben Titel auf der zweiten LP. Nur einen vermag ich nicht zu favorisieren – den einzigen instrumentalen nämlich, der sich „21 Uhr 55“ nennt und damit unserer Neugier neues Martyrium auflädt: Welches Ereignis, Erlebnis verbindet sich wohl mit dieser Uhrzeit ? Dieser mittelmäßig temperierte, ganz auf das leuchten der Gitarren-Melodie ( nicht immer intonationsrein ) setzende Titel ist von geringer Erfindungskraft, ziemlich spannungsarm, eintönig und zudem vordergründig.

Dagegen sind die Vokal Titel von ungleich wesentlicherer Substanz. Einen Titel, den meisten bekannt, möchte ich auf `s Podest stellen:  „ Knüppel aus dem sack“ . Bodag attackiert hier in hartnäckigen Triolen-Ketten und mit interpretatorisch beißendem Spott, willfähriges Anpassertum, Moralverluste, Verkehrung des Lebenssinns, den geradezu sportlich – ehrgeizigen Wettkampf der Saturierten um Reichtum. Der Textautor Bodag macht sogleich mit dem ersten Bild klar, wie das weitere zu verstehen ist: Wenn der Schimmel des Fuhrmeisters nicht mehr trecken will, wird er mit dem umgehängten Hafersack gefügig gemacht. Bodags Ironie ist bisweilen eisig, aber er hat ja recht. Jene Trude Zaremba mit ihren exquisiten Ansprüchen, mit denen sie ihren Man erpresst, jener Kunstmaler Ludwig, der – weil Seichteres ihm schnell eine goldenen Nase eingebracht – nicht mehr malt, „was ihm vor Jahren im Nacken saß“ – sie sind ja leider mitten unter uns. Und dieses Unbehagen an einem sehr wohl veränderungswürdigenden Zustand artikuliert sich in einem pfeilscharfen Blues – Song.

Hier ist Bodag auch mehr Moralist als im „Muschellied“, dessen realistischer Text in einer recht schwachen refrainhaften Pointe ausläuft. Da wird die Verfassung einer Frau beschrieben, die körperlich und nervlich fix und fertig ist; das Leben hat sie irgendwie (?) gebeutelt, einen saufenden Mann, vor dem sie ängstlich flüchtet, weiß sie an ihrer Seite. Diese harte Situationsschilderung wird fast surreal zugespitzt durch Zeilen wie „ Wenn du vor den Spiegel trittst, malst dir die Nase rot und kalkst dein Gesicht mit Chlorodont und denkst, du wärst schon tot. Und belegst mit abgebrannten Kippen dein Butterbrot“. Daran die privatisierende Pointe „Dann schmink (seil) dich ab, komm zu mir“ anzuschließen, verkleinert die Geschichte, meine ich.

Ansonsten versteht sich Bodag in seinen Texten als verdammt guter Allegorist ( „Engerlings Blues“ ), beweist sich als Vertreter eines geradezu irritierend irrlichternd-kauzigen Hintersinns ( „Tagtraum“ ) und in seinen Musiken als Komponist, der das Aggressive, den Zorn ebenso beherrscht wie die ironisch feine Brechung ( „Tagtraum“, „Auf verlorenem Posten“ ). Als Sänger ist Wolfram Bodag merklich flexibler geworden, hinzugetreten ist auch eine auffallende Fähigkeit zur artikulatorischen Nuance, gewachsen ist das stimmliche Volumen.