Rezension aus Melodie und Rhythmus 3 / 1989

Ulf Drechsler

 

Es hat lange, sehr lange gedauert, bis diese dritte Engerling LP in die Läden kam. Das es die Band nicht in die Versenkung verschlagen hatte, wusste man durch ihre Live – Konzerte, die auch nach längerer Bühnenabstinenz noch immer einen besonderen Reiz ausstrahlen.

Bedurfte es dennoch geraumer Zeit um das eine LP füllende Songmaterial zu erstellen, so resultiert das gewiss aus der Befindlichkeit von Wolfram Bodag – als Komponist, Texter, Sänger und Keyboarder, der Engerling – Kopf.

Es ist seine Sache nicht, unter dem ruck kommerzieller Sachzwänge Kunst als Fließbandprodukt abzuliefern. Bodag schert sich nicht um Modetrends und Soundklischees, nicht um Outfit und Medienpräsenz, nicht um die einen und nicht um die anderen. Bodag nimmt sich mit beneidenswerter Konsequenz ganz einfach die ihm zustehende Freiheit, Bodag zu sein.

Das dies auch emotionale Zerrissenheit mit sich bringt, wird auf sehr unaufdringliche – und daher besonders eindringliche Art auch durch diese neue Engerling – LP deutlich, die ganz bestimmt nicht zufällig „So oder so“ heißt.

Der Konflikt, den Bodag offenbar durchlebte, findet seinen Niederschlag auf sehr differenzierte Weise in allen neun Songs der LP. Besonders deutlich artikuliert wird er für mich im letzten Stück, das sinnfällig „Das letzte Lied“ heißt:

Jetzt könnt ` ich einfach sagen / Da ist ja noch der Blues / der Rock `n ` Roll / Ich könnte jetzt behaupten / beim Rock `n ` Roll / fühl ich mich toll / Ich wollte nie geliftet / und geschminkt / auf die Bühne gehen / Ich weiß / ihr wollt mich auf der Bühne heulen sehn / Und wenn der Vorhang fällt / lasst ihr mich stehn / Lasst mich einfach stehn … „

Bodag kämpft an gegen das Gefühl, für die Leute vor der Bühne oder vorm Radio lediglich ein Rock `n` Roll Verkäufer, eine austauschbare Dienstleistungseinrichtung zu sein. Bodag ist eben Bodag und daher auch nicht austauschbar wie etliche andere dieses Faches.

Bodag Texte sind nicht als Dutzendware zu Papier zu bringen. Diese Texte müssen erlebt und durchlebt werden, ehe sie eine verbal fixierte Gestalt annehmen. Und selbst diese hat nicht den Charakter des Endgültigen, denn die Songtexte beginnen im Kopf der Hörer ein neues, wiederum ganz eigenes Leben. Das ist möglich ( und notwendig ), weil Bodag immer kleine, nachvollziehbare Storys erzählt, diese aber meist von derartig spannender Doppelbödigkeit und Skurrilität sind, das man sie so pur, wie sie dastehen, gar nicht nehmen kann. ( Auch aus dieser Sicht ist es erfreulich, das alle Texte auf dem Innencover abgedruckt sind ).

Da sind z.B. die unzähligen anonymen Leute, die tagtäglich zusammen und doch so gar nicht gemeinsam mit der Straßenbahn zur Arbeit fahren ( „Frühprogramm“ ).

Da ist aber auch Moll – jene fiktive (?) Figur, die in Bodags Geschichten schon mehrmals auftauchte -, der eine Party vorbereitet, zu der keiner kommt ( „Moll`s Party“ ).

Oder der alte Mann, der die Hausnummer 48 nicht finden kann ( „Nr.48“ ). Sucht er wirklich nur das Haus?

Im „Narkose Blues“ wird geschildert, das man im Krankenhaus liegend an einer Krankheit leidet, von der man nicht mehr weiß, als das man sie hat. Allein und hilflos ist man dem Schicksal ausgeliefert, das weiße Kittel, weiße Häubchen, weiße Masken und weiße Haut trägt. Und plötzlich frage ich mich, ob nicht die ganze Welt ein großes Krankenhaus ist, jeder einzelne Patient. Dennoch dürfen wir nicht in Lethargie und Pessimismus verfallen – um unser selbst willen. Aber was machen wir?

„… wir nuckeln am Daumen / kitzeln unseren Gaumen /Wollen nicht wie die anderen sein / Und wir bauen uns Mauern / in denen wir uns belauern / meißeln goldene Regeln in den Stein …“ ( „die anderen“ ).

Bodag hat irgendwie den Finger drauf. Er ist ein scharfsinniger und sensibler Beobachter, der es vermag, mit seinen Songs für das Große und für das Kleine zu sensibilisieren, der nie trivial wird – auch wenn ( oder besser weil ) er den missglückten Versuch, eine Beziehung zwischen zwei Menschen herzustellen, mit dem lakonischen Satz beschreibt: „Du bringst mich besser nach Haus heut` Nacht … / hat nichts gebracht …“ ( „Hat nichts gebracht“ ).

Mit diesen Worten und ihrer musikalischen Umsetzung trifft er den Kern der Dinge, die hier gesagt werden müssen. Dabei erinnert Bodags Stimme ein wenig an Tom Waits. Voller Wehmut, aber nie weinerlich.

Die Musik. Sie ist stets bodenständig und ungekünstelt. „So oder so“ ist seit langem wieder ein Produktion ( Aufnahmen: Rundfunk der DDR, Produzenten: Luise Mirsch, Michael Schubert ), die ohne jegliche Computertechnik auskommt.

Bei Engerling ist Rock `n` Roll angesagt, der immer von der band – Identität lebt, ohne das man versucht die großen Vorbilder Rolling Stones und Doors zu verleugnen. Die Songs sind sehr durchsichtig arrangiert, auf Überflüssiges wird konsequent verzichtet. Ich mag, wie das E-Piano klingt, und wie Bodag seine Orgel auch mal a la Jimmy Smith spielt. Der Gitarrist Heiner Witte spielt eine Gitarre, die sich nie in den Vordergrund drängt, die immer genau dann als Chorusinstrument eingesetzt wird, wenn es die dramaturgische Wirksamkeit erforderlich macht.

Vornehme Zurückhaltung üben die Rhythmiker Manne Pokrandt ( Bass ) und Friedemann Schulz ( drums ), indem sie sich darauf beschränken, ohne kapriziöse Soloetüden ein solides Fundament zu legen.

Einige Gäste komplettieren die Besetzungsliste dieser Engerling – LP: Rene Decker ( as ), Waldi Weiz ( g ), Christian Höhle ( tp, flh ), Bernd Swoboda ( tb ), Joachim Schmauch ( ts ).

Die letzteren drei Herren geben für den Song „Pfeif drauf“ den Bläsersatz ab, ansonsten ist Decker als Solist zu hören. Als Soundfarbe ist das Flügelhorn im als Walzer angelegten Titelsong besonders wirkungsvoll.

Engerling legt mit dieser LP kein Jahrhundertwerk vor. Die Band um „Boddi“ Bodag macht das, was sie will und was sie kann. Sie macht es für sich, und all jene, die ihren Spaß daran haben. Sie macht es solide und überzeugend. So oder so. Derartiges erlebt man selten genug …!