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Es hat
lange, sehr lange gedauert, bis diese dritte Engerling LP in die Läden
kam. Das es die Band nicht in die Versenkung verschlagen hatte, wusste
man durch ihre Live – Konzerte, die auch nach längerer Bühnenabstinenz
noch immer einen besonderen Reiz ausstrahlen.
Bedurfte es dennoch geraumer Zeit um das eine LP füllende Songmaterial
zu erstellen, so resultiert das gewiss aus der Befindlichkeit von
Wolfram Bodag – als Komponist, Texter, Sänger und Keyboarder, der
Engerling – Kopf.
Es ist
seine Sache nicht, unter dem ruck kommerzieller Sachzwänge Kunst als
Fließbandprodukt abzuliefern. Bodag schert sich nicht um Modetrends
und Soundklischees, nicht um Outfit und Medienpräsenz, nicht um die
einen und nicht um die anderen. Bodag nimmt sich mit beneidenswerter
Konsequenz ganz einfach die ihm zustehende Freiheit, Bodag zu sein.
Das
dies auch emotionale Zerrissenheit mit sich bringt, wird auf sehr
unaufdringliche – und daher besonders eindringliche Art auch durch
diese neue Engerling – LP deutlich, die ganz bestimmt nicht zufällig
„So oder so“ heißt.
Der
Konflikt, den Bodag offenbar durchlebte, findet seinen Niederschlag
auf sehr differenzierte Weise in allen neun Songs der LP. Besonders
deutlich artikuliert wird er für mich im letzten Stück, das sinnfällig
„Das letzte Lied“ heißt:
„Jetzt
könnt ` ich einfach sagen / Da ist ja noch der Blues / der Rock `n `
Roll / Ich könnte jetzt behaupten / beim Rock `n ` Roll / fühl ich
mich toll / Ich wollte nie geliftet / und geschminkt / auf die Bühne
gehen / Ich weiß / ihr wollt mich auf der Bühne heulen sehn / Und wenn
der Vorhang fällt / lasst ihr mich stehn / Lasst mich einfach stehn …
„
Bodag
kämpft an gegen das Gefühl, für die Leute vor der Bühne oder vorm
Radio lediglich ein Rock `n` Roll Verkäufer, eine austauschbare
Dienstleistungseinrichtung zu sein. Bodag ist eben Bodag und daher
auch nicht austauschbar wie etliche andere dieses Faches.
Bodag
Texte sind nicht als Dutzendware zu Papier zu bringen. Diese Texte
müssen erlebt und durchlebt werden, ehe sie eine verbal fixierte
Gestalt annehmen. Und selbst diese hat nicht den Charakter des
Endgültigen, denn die Songtexte beginnen im Kopf der Hörer ein neues,
wiederum ganz eigenes Leben. Das ist möglich ( und notwendig ), weil
Bodag immer kleine, nachvollziehbare Storys erzählt, diese aber meist
von derartig spannender Doppelbödigkeit und Skurrilität sind, das man
sie so pur, wie sie dastehen, gar nicht nehmen kann. ( Auch aus dieser
Sicht ist es erfreulich, das alle Texte auf dem Innencover abgedruckt
sind ).
Da sind
z.B. die unzähligen anonymen Leute, die tagtäglich zusammen und doch
so gar nicht gemeinsam mit der Straßenbahn zur Arbeit fahren (
„Frühprogramm“ ).
Da ist
aber auch Moll – jene fiktive (?) Figur, die in Bodags Geschichten
schon mehrmals auftauchte -, der eine Party vorbereitet, zu der keiner
kommt ( „Moll`s Party“ ).
Oder
der alte Mann, der die Hausnummer 48 nicht finden kann ( „Nr.48“ ).
Sucht er wirklich nur das Haus?
Im
„Narkose Blues“ wird geschildert, das man im Krankenhaus liegend an
einer Krankheit leidet, von der man nicht mehr weiß, als das man sie
hat. Allein und hilflos ist man dem Schicksal ausgeliefert, das weiße
Kittel, weiße Häubchen, weiße Masken und weiße Haut trägt. Und
plötzlich frage ich mich, ob nicht die ganze Welt ein großes
Krankenhaus ist, jeder einzelne Patient. Dennoch dürfen wir nicht in
Lethargie und Pessimismus verfallen – um unser selbst willen. Aber was
machen wir?
„…
wir nuckeln am Daumen / kitzeln unseren Gaumen /Wollen nicht wie die
anderen sein / Und wir bauen uns Mauern / in denen wir uns belauern /
meißeln goldene Regeln in den Stein …“ ( „die anderen“ ).
Bodag
hat irgendwie den Finger drauf. Er ist ein scharfsinniger und
sensibler Beobachter, der es vermag, mit seinen Songs für das Große
und für das Kleine zu sensibilisieren, der nie trivial wird – auch
wenn ( oder besser weil ) er den missglückten Versuch, eine Beziehung
zwischen zwei Menschen herzustellen, mit dem lakonischen Satz
beschreibt: „Du bringst mich besser nach Haus heut` Nacht … / hat
nichts gebracht …“ ( „Hat nichts gebracht“ ).
Mit
diesen Worten und ihrer musikalischen Umsetzung trifft er den Kern der
Dinge, die hier gesagt werden müssen. Dabei erinnert Bodags Stimme ein
wenig an Tom Waits. Voller Wehmut, aber nie weinerlich.
Die
Musik. Sie ist stets bodenständig und ungekünstelt. „So oder so“ ist
seit langem wieder ein Produktion ( Aufnahmen: Rundfunk der DDR,
Produzenten: Luise Mirsch, Michael Schubert ), die ohne jegliche
Computertechnik auskommt.
Bei
Engerling ist Rock `n` Roll angesagt, der immer von der band –
Identität lebt, ohne das man versucht die großen Vorbilder Rolling
Stones und Doors zu verleugnen. Die Songs sind sehr durchsichtig
arrangiert, auf Überflüssiges wird konsequent verzichtet. Ich mag, wie
das E-Piano klingt, und wie Bodag seine Orgel auch mal a la Jimmy
Smith spielt. Der Gitarrist Heiner Witte spielt eine Gitarre, die sich
nie in den Vordergrund drängt, die immer genau dann als
Chorusinstrument eingesetzt wird, wenn es die dramaturgische
Wirksamkeit erforderlich macht.
Vornehme Zurückhaltung üben die Rhythmiker Manne Pokrandt ( Bass ) und
Friedemann Schulz ( drums ), indem sie sich darauf beschränken, ohne
kapriziöse Soloetüden ein solides Fundament zu legen.
Einige
Gäste komplettieren die Besetzungsliste dieser Engerling – LP: Rene
Decker ( as ), Waldi Weiz ( g ), Christian Höhle ( tp, flh ), Bernd
Swoboda ( tb ), Joachim Schmauch ( ts ).
Die
letzteren drei Herren geben für den Song „Pfeif drauf“ den Bläsersatz
ab, ansonsten ist Decker als Solist zu hören. Als Soundfarbe ist das
Flügelhorn im als Walzer angelegten Titelsong besonders wirkungsvoll.
Engerling legt mit dieser LP kein Jahrhundertwerk vor. Die Band um „Boddi“
Bodag macht das, was sie will und was sie kann. Sie macht es für sich,
und all jene, die ihren Spaß daran haben. Sie macht es solide und
überzeugend. So oder so. Derartiges erlebt man selten genug …! |