|
Tagesspiegel 16.04.2005 |
|
|
Engerling |
|
|
Die Band hat den Blues |
|
|
Detlef Gottschling |
|
| Engerling wird 30 und feiert in der Kulturbrauerei |
Salonorchester
Engerling – so nannten sich einst sechs junge Musiker und wurden prompt von
einem feinen Hotel im Wintersportort Oberwiesenthal gebucht. „Wir waren absolut
fehl am Platz“, sagt Bandmitglied Wolfram „Boddi“ Bodag und grinst. Schließlich
hatte die Band Blues-Stücke von Willie Dixon und Muddy Waters im Gepäck. Alsbald
wurde der erste Teil des Namens weggelassen.
30 Jahre alt wird die Bandlegende aus dem Osten Deutschlands und feiert das
heute im Kesselhaus der Kulturbrauerei. Dazu werden auch ehemalige
Bandmitglieder erwartet, und moderiert wird der Abend von Rockpalast-Mann Alan
Bangs.
Wolfram Bodag erinnert sich, wie alles anfing: „Heiner Witte, unseren
Gitarristen seit der ersten Stunde, habe ich an der Humboldt-Universität kennen
gelernt. Nur: Er hatte sein Kulturwissenschaft-Studium zu Ende gebracht – ich
nicht.“ Mit der Band „Pardon“ hatte Bodag damals schon Bühnenerfahrung, doch die
DDR-Oberen belegten das Projekt mit Auftrittsverbot. „An den Texten kann es
damals nicht gelegen haben; wir hatten ja noch keine eigenen. Aber denen passten
wohl unsere Fans nicht, die uns hinterher reisten“, vermutet Bodag heute. 1975
begann die Zeit mit Engerling. Den Namen erklärt Bodag so: „Engerlinge sind
unscheinbare Tiere, aus denen erst mal was Schönes werden will – so sahen wir
uns.“ Von Anfang an wurde Blues gespielt, was die Fans dieser Musikrichtung mit
Begeisterung aufnahmen. Die Anhängerschar wuchs stetig, was mit der Zeit die
besondere Aufmerksamkeit von Polizei und Staatssicherheit nach sich zog: Junge
Leute, die sich fern des organisierten Jugendlebens bewegten, erregten Unbehagen
bei den Machthabern. Ähnlich ging es den Bands, die die Blues-Kultur
verbreiteten.
Spielte die Engerling-Truppe anfangs nur Stücke nach, kamen bald verstärkt auch
eigene Kompositionen und Texte dazu. 1977 wurde das erste Lied auf einer Platte
veröffentlicht, damals noch auf einem Sampler. Ein Werk aus den 70ern, bis heute
im Programm: „Da hilft kein Jammern“, heißt das Stück, das es auch als Single
gab. „Was einem nicht passt, das muss man ändern“, sagt Wolfram Bodag. Bis heute
sind acht Longplayer erschienen.
Die Wende in der DDR haben Engerling unbeschadet überstanden – entgegen den
Erfahrungen anderer Bands. Wolfram Bodag konnte sich obendrein noch einen Wunsch
erfüllen: „Ich bin ein großer Liebhaber der Musik von Mitch Ryder, habe ihn noch
zu DDR-Zeiten in Berlin erlebt – heute sind wir seit zwölf Jahren seine feste
Begleitband bei seinen Europatouren.“ Im Herbst 1989 durfte Bodags Band erstmals
im Westen spielen. In Hamburg hörte ein Mitarbeiter Ryders, wie Engerling mit
Titeln des Rockmusikers auftraten. Der Kontakt wurde geknüpft, und seither gehen
Engerling und Ryder auf Tour. Drei CDs sind aus der Zusammenarbeit entstanden.
„Im Oktober gehen wir wieder zusammen ins Studio für die nächste Produktion, die
zur Tournee 2006 veröffentlicht wird“, verrät Bodag. Ideen für eine eigene
Platte gibt es auch – ganz wie beim echten Engerling könnte ja was Schönes
daraus werden.