Melodie & Rhythmus  3 / 1983

 
 

 

 
 

Chronik, Tagebuch, Stationen ... NO 55

 
 

Wolfgang Martin

 
     

 

Es ist interessant zu erleben, wie eine neue Rockband entsteht, wie sie sich entwickelt, von Etappe zu Etappe. Ganz am Anfang standen vor allem Probleme, schlaflose Nächte, dann nüchterne Überlegungen. Noch einmal Kompromisse oder völliger Neubeginn.

Der Gedanke über Letzteres wurde zur Idee, obwohl die Integration in eine gesicherte Band bequemer gewesen wäre, Angebote gab es. Doch warum sich für den bequemen Weg entscheiden, wenn es nicht die eigene Art ist ? Das Selbstbewusstsein war ein wenig angekratzt, aber darum aufgeben ? Was folgte war das übliche. Mit welchen Musikern, wie soll die Band heißen, wohin ihr Weg führen ? Georgi Gogow und Gisbert Piatkowski, die beiden ( Ex- ) „City“ - Musiker saßen mit Freunden beisammen.

Die Konturen wurden sichtbar, das Selbstwertgefühl wurde stärker, umso mehr die Debatten heißer wurden, viele Ideen auf dem Tisch lagen und sich zu konkreten Vorhaben formten. Mit dem Sänger und Mundharmonikaspieler Frank Gahler, der von der „Monokel“ Bluesband kam, und dem Schlagzeuger Peter Krause, zuletzt bei der Gruppe „Keks“, war die für das Quartett ideale Besetzung gefunden. Die Proben begannen, da gab es noch gar keinen Namen für das soeben geborene Kind ( Dezember 1981 ). Es sollte einer sein, der in der Szene für Aufsehen sorgt, sich aber noch ehr identifizieren lässt, mit musikalischer Konzeption und lokaler Bezogenheit, denn schließlich wohnen alle vier Musiker in Berlin.

Diese Erkenntnis wurde erst ziemlich spät in die oftmals sehr spaßige Namensfindungsdiskussionen einbezogen. Schließlich stand der in großen Buchstaben schwarz auf weißem Papier und sah gut aus: NO 55, die ehemalige Postbezeichnung für einen Teil im Prenzlauer Berg. Wir nahmen ihn immer häufiger in den Mund, so das er seine optische und akustische Bewährungsprobe gleichermaßen bestanden hatte.

Alle akzeptierten den Namen, auch jene, die manchmal etwas länger brauchen, sich an Neues zu gewöhnen. Für das Publikum gab es ja schon im Januar 1982 die republikweite Gelegenheit, die neue Band kennen zu lernen, denn nach knapp 14tägigen Intensivproben war NO 55 beim ersten großen „Rock für den Frieden“ Festival im Palast der Republik dabei. Das bedeutete für sie 40 Minuten Konzert, das von den Massenmedien mitgeschnitten und übertragen wurde. Ein Vorhaben nicht ohne Risiko, aber schließlich waren die Musiker nicht unerfahren in solchen Bewährungsproben.

Goro und Pitti hatten eine Menge musikalischer Ideen, die in der Band zu fertigen Titeln geprobt wurden. Es gab Absprachen mit den beiden Textautoren Jan Rymont und Werner Karma. Auch das bedeutete stundenlange Sitzungen, denn Forderungen gab es von beiden Seiten. Mit dem Titel „Welt in Visionen“, der aus dem Mitschnitt auch ausgekoppelt wurde, lieferte NO 55 sozusagen einen Prototyp für ihr künftiges Repertoire. Ausdrucksstarker Rock in einem Arrangement, der als erkennbares Muster für weitere Titel Gültigkeit hat, dazu ein engagierter Text.

Der Erfolg bei „Rock für den Frieden“ spornte an, auch wenn die ersten eigenständigen Konzerte noch eine Fülle von selbstkritischen Diskussionen nach sich zogen. Das Ergebnis: NO 55 ging für zwei Monate in Klausur und probte intensiv. Dann ging es einfacher. Viele neue Titel waren entstanden, das Instrumentarium erweitert, so das jeder in der Band die Chance erhielt, sich auf der Bühne und im Studio kreativ zu beteiligen. Sie wollten keine New-Wave-Band sein, aber trotzdem Neues für die DDR-Rockszene anbieten.

Ihre ersten beiden Rundfunkproduktionen „Geburt“ und „Kopf oder Zahl“ wurden gelungene Angebote. Die Arbeit im Studio hatte Spaß gemacht, beförderte auch Erstaunliches zu tage. Zum Beispiel bewies Gahler, der auf der Bühne noch nicht ganz das Prinzip der Rollengleichheit mit durchsetze, eine für Rocksänger ungewöhnliche Intonationsreinheit und Disziplin.

Die erste Synchronisation im Titel „Geburt“ ist identisch mit der Endmischung. Gahler hat Gesang studiert an der Berliner Musikhochschule „Hanns Eissler“. Ausbildung und aktive Stationen der anderen Musiker sind hinlänglich bekannt.

Mit Beginn des Frühjahrs `82 mehrten sich die Aufgaben für NO 55. Die Öffentlichkeit diskutierte ihre Konzerte, ihre Musik – man hatte absichtlich viele Auftritte in Berlin organisiert. Schwerpunkte waren der Rhythmus, die fast volksliedhafte Instrumentierung, was Ohrwürmer garantierte. Die Texte weder Bla-bla noch Dadada. Jeder kann es nachprüfen.

Zwei internationale Projekte waren es, die NO 55 neue Aufgaben stellte. Im Sommer gab es eine ausgedehnte Tournee in der CSSR, in Stadien und auf Freilichtbühnen, organisiert von Ladislav Vostarek und der Prager Rockband „Turbo“. Es gab interessante musikalische Begegnungen mit nahezu allen wichtigen tschechoslowakischen Newcomer – Rockband: „Turbo“, „Prager Auswahl“, „OK Band“ u.a. . Eine Gegentour gemeinsam mit „Turbo“ in der DDR wird es in diesem Frühjahr geben.

Spektakulärstes Ereignis war 1982 die gemeinsame DDR – Tournee mit dem engagierten britischen Rockmusiker Tom Robinson. Nicht nur die kraftvolle und überzeugende Interpretation der bekannten Robinson – Titel aus der zeit seiner in England so populären Band , allen voran „2-4-6-8 Motorway“, begeisterten, auch viele neue Titel, die Tom mit NO 55 erstmals live aufführte. In erster Linie sind das Lieder für die Friedensbewegung.

Der Verzicht auf Konzerte in Australien ermöglichte Tom Robinson einen weiteren viel beachteten Auftritt – beim 83er „Rock für den Frieden“ im Palast der Republik in der DDR – Hauptstadt: NO 55 mit internationalen Gästen – neben Tom Robinson der sowjetische Musiker Alexander Kartenin ( acc ) – war gelungener Abschluss des zweiten Abends. Live – Premiere hatte ihr Titel „Das war `s“, der sich auf sehr emotionelle Weise mit der faschistischen Machtübernahme zum „Tausendenjährigen Reich“ beschäftigt, Parallelen zieht zu neuen imperialistischen Kriegsgelüsten. Der Titel spricht sehr deutlich aus, was uns alle bewegt, dazu eine Musik, die das Anliegen in vielen Details organisch umsetzt.

Das „Rock für den Frieden“ Konzert war zugleich nach der Mitwirkung von NO 55 im DT-64 Jugendkonzert „Percussion total“ die Premiere für den neuen Schlagzeuger Herbert Jung. Peter Krause ist jetzt bei der Gruppe „Mondie“.

Vieles wäre noch zu nennen, Fernsehauftritte, z.B. eine einstündige Konzertaufzeichnung, die erste Single – doch das ist eigentlich normale Arbeit für die Gruppe, die wie ihre vielen Konzerte pro Monat in allen Bezirken des Landes.

An dieser Stelle muss das Tagebuch erstmal zugeklappt werden, aber der Chronist wird auch 1983 allerhand zu schreiben haben …