Rezension aus Melodie und Rhythmus 1/1988

Wolfgang Lange

Von den neun Titeln dieser LP nur einer herausragend – „Träume von gestern“ ( Gogow / Gahler ). Ich bekomme darob einen Schreck, fange mich jedoch schnell wieder, indem ich Realitätssinn bemühe: Wie viele von den tatsächlich komponierten Hunderttausenden Piecen in der „U“ und „E“ Musik sind denn wirklich noch bekannt ? Es sind so wenige – rechten wir hier nicht darüber, ob die Selektionskriterien immer im Sinne künstlerischer Qualität funktionierten -, das man bei dieser LP das Verhältnis von 1:8, von ganz subjektiver Position aus, noch als sehr günstig bezeichnen darf.

Und auch hinzuzufügen, das man auf ihr wenigstens keine künstlerischen Schwachpunkte entdecken kann.

Erstmal, warum ich „Träume von gestern“ für erstrangig halte: Dieses Generationsproblem-Lied ist musikalisch-textlich aus einem Guß, fragt mit aggressiver Gebärde, wo Kraft und Schneid jener geblieben sind, die ihre Motorräder und Elvis liebten ? Die Helden sind heute müde und saturiert. Jeder Hörer kann erkennen, das hinter allem die Frage bohrt, warum wohl solche Leidenschaft nicht ins Heute zu retten und auf andere wesentliche Dinge umzulenken ist? Musikalisch passiert einiges im Lied: der frische treibende Drive – insgesamt ein Markenzeichen dieser Plattentitel ( Rundfunkproduktionen ) – fällt sogleich auf, der expressive Instrumental-Dampf, aus dem sich im Zwischenspiel ein leuchtendes Altsax-Solo ( Andreas Wiszoreck ) hervorschält, gibt ein sicheres Fundament der musikalischen Grundgeste, die harmonische Führung geht recht auffallende Wege. Der Titel packt einen an. Auch ein Generationsproblem-Lied, wenn man so will: „Stein im Flug“ ( Gahler). Eines durch Sentiment, Pathos, Trauer über den gestorbenen Freund, mit dem man sich vor vielen Jahren an den Themen Kuba, Vietnam und Chile ( „als 1973 diese Scheiße begann“ ) entzündete, eine tiefe Erinnerung heraufbeschwören will. So weit so gut, aber da ist ein weißer Fleck in dieser Freundesbeziehung. Dunkel eines Zeit-Loches, man erfährt nicht was nach 1973 zwischen ihnen geschah und woher die plötzliche elementare Betroffenheit des lebenden Freundes rührt, die sich auch in direkter Anrufung bekundet: „Dieses Lied schrieb ich nur für dich, obwohl ich weiß du kannst es doch nicht hören.“

Ich bin sehr wohl für diese Art Requiem-Stimmung, die musikalisch den Refrain erfasst ( gut erdacht, das er sich gleichsam vom bewegten Erzähl-Parlando der Strophe losreisst, so als wolle er die konkreten Erinnerungen verdrängen ), zumal wir der starken unverhüllten Emotionen in der Rockmusik als Gegenpol zur ausdruckstrockenen Unterkühlung sehr wohl bedürfen. Doch muss ich gestehen, das mich hier die Mixtur aus aufwallendem persönlichen Rückblick, gespieltem Übermanntsein und pathetischer Großgeste nicht überzeugt.

Allerdings sei auch eingeräumt, das ansonsten die vielleicht nur von mir empfundenen falschen Töne nicht kennzeichnend für diese LP sind. Kennzeichnend ist mehr ein Klaffen zwischen textlichem Anspruch und musikalischer Umsetzung, wie es beispielsweise in „Der alte Dorn“ ( Gogow/König ) aufzuspüren ist. Und zwar sehr krass. Das Thema der notwendigen sozialen-gesellschaftlichen Gerechtigkeit für die unterdrückten Völker und Rassen wird verhandelt, wichtig dies, und doch bleibt die Musik weit dahinter zurück. Sie ist langatmig, uninspiriert, sie kreist lärmend in sich selbst, bewegt wenig.

Ein bisschen viel Instrumental-Mulm auch im „Schnittpunkt“ ( Piatkowski ), ein Berlin-Titel, der Versuch einer atmosphärischen Beschreibung dieses Schnittpunktes zwischen den ideologischen Welten  ( Text Klaus Bölter ), durchsetzt mit Individualgeschichte. Gut gemeint, aber in der Aussage letztendlich verwaschen.

Offensichtlich ist Georgi Gogow der etwas originellere Komponist als Piatkowski ( der hingegen mit einigen wilden Gitarren-Soli belebt ), denn auch Gogows bündig lakonischer „Kurzschluß“ ( Text Bölter ) – von einem, dem die „Sicherung durchgebrannt“ ist, von der Freundin verlassen wurde und mit Einsamkeitsstress gestraft ist – nimmt mit ballastlosem straffen Musizieren für sich ein ( Arrangements  aller Titel: Gogow ). Das fließt in leichter Tristesse dahin, und Gogows nicht immer sauber intonierende Geige webt in diese Stimmung eine Floskel nach der anderen ein. Es ist schon nicht einfach, die Violine sinnfällig in die Rockmusik zu integrieren, und ein „Fenster“ macht halt noch kein stabiles Glashaus.

Zwei Lieder rechnen hart und mannstypisch mit Verhältnissen ab – „Lass sie warten“ ( Biatkowski/Bölter/Piatkowski ) und „Vom Regen nass“ ( Gahler ). Gutwillig gestimmt höre ich wenigstens im letzten Lied ein bisschen lockere Selbstironie.

Sicher bin ich mir in einem, das Werner Karmas Text zu „Schlüsselkind“ – bittere Abrechnung mit lieb -und verantwortungslosen Eltern – wohl der eindringlichste ist.

Der Sänger Gahler und Gogow: Gut, aber doch wohl zu ähnlich im Timbre, vor allem, wenn ihre Gurgeln von raukehligem Klang besetzt wird.

Die Titel spielten ein: Frank Gahler (voc, harm), Gisbert Piatkowski (g), Bernd Haucke (dr, perc), Georgi Gogow (b, keyb, v), und die Gäste Carsten Mohren (keyb), Rene Decker (as), Anre Wiszoreck (as), Katrin Lindner (voc).