|
Von den neun Titeln
dieser LP nur einer herausragend – „Träume von gestern“ ( Gogow /
Gahler ). Ich bekomme darob einen Schreck, fange mich jedoch schnell
wieder, indem ich Realitätssinn bemühe: Wie viele von den tatsächlich
komponierten Hunderttausenden Piecen in der „U“ und „E“ Musik sind
denn wirklich noch bekannt ? Es sind so wenige – rechten wir hier
nicht darüber, ob die Selektionskriterien immer im Sinne
künstlerischer Qualität funktionierten -, das man bei dieser LP das
Verhältnis von 1:8, von ganz subjektiver Position aus, noch als sehr
günstig bezeichnen darf.
Und auch
hinzuzufügen, das man auf ihr wenigstens keine künstlerischen
Schwachpunkte entdecken kann.
Erstmal, warum ich
„Träume von gestern“ für erstrangig halte: Dieses
Generationsproblem-Lied ist musikalisch-textlich aus einem Guß, fragt
mit aggressiver Gebärde, wo Kraft und Schneid jener geblieben sind,
die ihre Motorräder und Elvis liebten ? Die Helden sind heute müde und
saturiert. Jeder Hörer kann erkennen, das hinter allem die Frage
bohrt, warum wohl solche Leidenschaft nicht ins Heute zu retten und
auf andere wesentliche Dinge umzulenken ist? Musikalisch passiert
einiges im Lied: der frische treibende Drive – insgesamt ein
Markenzeichen dieser Plattentitel ( Rundfunkproduktionen ) – fällt
sogleich auf, der expressive Instrumental-Dampf, aus dem sich im
Zwischenspiel ein leuchtendes Altsax-Solo ( Andreas Wiszoreck )
hervorschält, gibt ein sicheres Fundament der musikalischen
Grundgeste, die harmonische Führung geht recht auffallende Wege. Der
Titel packt einen an. Auch ein Generationsproblem-Lied, wenn man so
will: „Stein im Flug“ ( Gahler). Eines durch Sentiment, Pathos, Trauer
über den gestorbenen Freund, mit dem man sich vor vielen Jahren an den
Themen Kuba, Vietnam und Chile ( „als 1973 diese Scheiße begann“ )
entzündete, eine tiefe Erinnerung heraufbeschwören will. So weit so
gut, aber da ist ein weißer Fleck in dieser Freundesbeziehung. Dunkel
eines Zeit-Loches, man erfährt nicht was nach 1973 zwischen ihnen
geschah und woher die plötzliche elementare Betroffenheit des lebenden
Freundes rührt, die sich auch in direkter Anrufung bekundet: „Dieses
Lied schrieb ich nur für dich, obwohl ich weiß du kannst es doch nicht
hören.“
Ich bin sehr wohl
für diese Art Requiem-Stimmung, die musikalisch den Refrain erfasst (
gut erdacht, das er sich gleichsam vom bewegten Erzähl-Parlando der
Strophe losreisst, so als wolle er die konkreten Erinnerungen
verdrängen ), zumal wir der starken unverhüllten Emotionen in der
Rockmusik als Gegenpol zur ausdruckstrockenen Unterkühlung sehr wohl
bedürfen. Doch muss ich gestehen, das mich hier die Mixtur aus
aufwallendem persönlichen Rückblick, gespieltem Übermanntsein und
pathetischer Großgeste nicht überzeugt.
Allerdings sei auch
eingeräumt, das ansonsten die vielleicht nur von mir empfundenen
falschen Töne nicht kennzeichnend für diese LP sind. Kennzeichnend ist
mehr ein Klaffen zwischen textlichem Anspruch und musikalischer
Umsetzung, wie es beispielsweise in „Der alte Dorn“ ( Gogow/König )
aufzuspüren ist. Und zwar sehr krass. Das Thema der notwendigen
sozialen-gesellschaftlichen Gerechtigkeit für die unterdrückten Völker
und Rassen wird verhandelt, wichtig dies, und doch bleibt die Musik
weit dahinter zurück. Sie ist langatmig, uninspiriert, sie kreist
lärmend in sich selbst, bewegt wenig.
Ein bisschen viel
Instrumental-Mulm auch im „Schnittpunkt“ ( Piatkowski ), ein
Berlin-Titel, der Versuch einer atmosphärischen Beschreibung dieses
Schnittpunktes zwischen den ideologischen Welten ( Text Klaus Bölter
), durchsetzt mit Individualgeschichte. Gut gemeint, aber in der
Aussage letztendlich verwaschen.
Offensichtlich ist
Georgi Gogow der etwas originellere Komponist als Piatkowski ( der
hingegen mit einigen wilden Gitarren-Soli belebt ), denn auch Gogows
bündig lakonischer „Kurzschluß“ ( Text Bölter ) – von einem, dem die
„Sicherung durchgebrannt“ ist, von der Freundin verlassen wurde und
mit Einsamkeitsstress gestraft ist – nimmt mit ballastlosem straffen
Musizieren für sich ein ( Arrangements aller Titel: Gogow ). Das
fließt in leichter Tristesse dahin, und Gogows nicht immer sauber
intonierende Geige webt in diese Stimmung eine Floskel nach der
anderen ein. Es ist schon nicht einfach, die Violine sinnfällig in die
Rockmusik zu integrieren, und ein „Fenster“ macht halt noch kein
stabiles Glashaus.
Zwei Lieder rechnen
hart und mannstypisch mit Verhältnissen ab – „Lass sie warten“ (
Biatkowski/Bölter/Piatkowski ) und „Vom Regen nass“ ( Gahler ).
Gutwillig gestimmt höre ich wenigstens im letzten Lied ein bisschen
lockere Selbstironie.
Sicher bin ich mir
in einem, das Werner Karmas Text zu „Schlüsselkind“ – bittere
Abrechnung mit lieb -und verantwortungslosen Eltern – wohl der
eindringlichste ist.
Der Sänger Gahler
und Gogow: Gut, aber doch wohl zu ähnlich im Timbre, vor allem, wenn
ihre Gurgeln von raukehligem Klang besetzt wird.
Die Titel spielten
ein: Frank Gahler (voc, harm), Gisbert Piatkowski (g), Bernd Haucke
(dr, perc), Georgi Gogow (b, keyb, v), und die Gäste Carsten Mohren (keyb),
Rene Decker (as), Anre Wiszoreck (as), Katrin Lindner (voc). |