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Treffend hat NO 55 "Kopf
oder Zahl" zum LP Titel gewählt: Ein Lied, dessen Aussage und Haltung
die vier Musiker Frank Gahler, Gisbert Piatkowsky, Georgi Gogow und
Herbert Junck seit dem Bestehen zu ihrer ureigenen machten, und die
uns acht Titel lang begleitet. Sie verwirklichen eine Konzeption, die
vom frühen Geist der Rockmusik getragen ist, vom Geist einer
kritischen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit:
Mittels Musik in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen, sei es durch
gezielte Auftritte zu Ereignissen politischen Charakters oder durch
Liedinhalte, die eindeutig die Position, den Standpunkt der Musiker
ausdrücken.
Aus politischer Sicht
setzen sich die Musiker kritisch mit ihrer Kunst ins Verhältnis zu
ihrer Gesellschaft. In ihrer spezifischen Aneignung der Wirklichkeit
und in ihrem individuellen Eingreifen in diese mittels Kunst wird
spürbar ihr Reifungsprozess deutlich. Mit ihrem ersten Auftritt 1982
zu "Rock für den Frieden" haben sie sich den Eislerischen - Gedanken
"Kunst als Waffe" zu eigen gemacht und in ihren besten Liedern in Töne
gefasst, wie "Welt in Vision" und "Das war `s".
Ohne Frage kann man NO 55
einen Personalstil bescheinigen, der mit den auf dieser LP
vorliegenden Titeln und mit ihrer dramaturgischen Zusammenstellung
erneut deutlich wird. Die Suche der vier Musiker, die aus
verschiedenen Ecken unserer Rock - und Blues - Szene kommen, nach
einer neuen, typischen, unverwechselbaren, dazu das Lebensgefühl
Jugendlicher treffenden musikalischen Sprache, führte sie auf Erfolgs
versprechende Wege zwischen Hard und Wave. Ihr Rezept, ein
ausgewogenes Verhältnis zwischen neuen Ideen, etwas modern
akzentuiert, und ihrer Verpackung in traditionellen Mustern der
Rockmusik, ging auf.
Das Unverwechselbare
ihrer Musik lässt sich aus der Funktion der Instrumente im Arrangement
sowie aus den von ihnen bevorzugten musikalischen Mitteln ableiten.
Die Form der Titel ist der Übersicht halber in Strophe - Refrain -
Folgen untergliedert, und zwar mit leichten Abwandlungen durch
Wiederholungen oder Zwischenspiele usw., usf. Größere Harmoniesprünge
werden zugunsten eines taktweisen Harmoniewechsels innerhalb der
Kadenz und ihrer näheren Moll - und Dur - Verwandtschaft vermieden.
Das melodische Material ist einfach rhythmisiert und aus der
vorgegebenen Harmonie gewonnen. Die Melodien sind zu einer der
jeweiligen Textstimmung angepassten Tonfolge verknüpft, die
entsprechende Gefühlsassoziationen auszulösen vermag. Im Zentrum steht
das an Präzision einer Rhythmusmaschine kaum nachstehende Schlagzeug.
Die zumeist geraden 1/8 und 1/4 betonenden Rhythmusfiguren sind
bewusst so gesetzt, um rhythmische Akzente ( Breaks ) eindeutiger
heraus zu heben, um einen größeren Effekt zu bewirken.
Diese Stellung des
Schlagzeugs determiniert auch eindeutig die Funktion des Basses, der
entweder die 1/4 - Betonung des Schlagzeugs unterstreicht oder diese
durch 1/8 - Bewegung bzw. 1/6 Synkopierung bricht. Tonal führt der
Bass zu den Harmonien hin bzw. weist er sie durch die entsprechenden
Grundtöne aus. Auf dem Leitinstrument der Rockmusik, der Gitarre,
lastet das Hauptgewicht als Rhythmus -, Harmonie und Melodie -
Instrument. Mal mit harten Rhythmus - Riffs, wie beim "Flaschengeist",
oder gebrochenen Akkorden, um eine lyrische Stimmung bemüht; bei "Good
bye, alte Zeit" zieht Gisbert Piatkowsky alle zur Verfügung stehenden
Register - und das sind nicht wenige, wobei sich neben gitarristischer
Variabilität auch sein nerv und Sinn für soundtechnische Finessen
hörbar bezahlt machen.
Die aus der City - zeit
von Band - Chef Georgi Gogow übernommene Vier-Mann-Besetzung ( drei
Instrumentalisten, ein Sänger ) ließ anfänglich Zweifel über die
klangliche Attraktivität der Gruppe aufkommen, die sie aber mit
Geschick und Nutzung aller musikalischen Potenzen zerstreuen konnte.
Man besann sich auf vergangene Musikschulstunden mit dem Akkordeon um
den Bauch oder der Violine am Hals und der Mundharmonika zwischen den
Zähnen. Und man höre und staune: Diese sogenannten Zweitinstrumente
spielen nun fast in jedem zweiten Titel die erste Geige. Sie
übernehmen u.a. Melodiefunktion oder werden durch ganz signifikante
Motive zu wichtigen Informationsträgern und Markenzeichen, wie das
Akkordeon bei "Das war`s" oder in dem Titel "Auf den Strassen" der
melodische Geigenchorus, dessen Publikumswirksamkeit Georgi Gogow
schon zu City - Zeiten mit "Am Fenster" auszukosten wusste.
Nicht zu vergessen sind
die blueshaltigen Mundharmonika - Phrasen von Frank Gahler, der sich
so manche Bluesseele aus seiner Vor - NO - zeit bei Monokel warm hält.
Durch diese Zutaten wird das Klangspektrum und der musikalische
Gehalt, dieser äußerlich nach Heavy anmutenden Band, erheblich
erweitert. Es werden sinnvolle Schwerpunkte durch entsprechende Motive
dieser Instrumente gesetzt, die das NO - Konzept begreifbarer,
übersichtlicher und auch volkstümlicher machen, ohne dabei in
Dilettantismus zu verfallen. Der Einsatz dieser Instrumente steht
streng im Dienste des musikalischen Ausdrucks und verselbstständigt
sich in keiner Phase des Musizierens.
Alles das kann jedoch
nicht über die Soundschwächen der Platte hinweg täuschen. wer mit
sensiblen Lauschern die acht Titel Rille für Rille nach
Soundleckereien abtastet, wird wenig Freude haben. Der Klang der
Instrumente an sich hat offensichtlich unter zuviel Filter gelitten,
gegen den sich nur ab und zu mal die Gitarre durchsetzt und im vollen
Frequenzklang erstrahlt. Beim Mischen der Verhältnisse innerhalb eines
Titels scheint sich kaum ein Regler bewegt zu haben, weder in Richtung
Lautstärke noch Richtung Hall, der für die Räumlichkeit verantwortlich
ein differenziertes Klangbild hätte schaffen können. Spätestens beim
Schlagzeug merkt man, dass die Titel von unterschiedlichen Musikern
und auch zu unterschiedlichen Zeiten eingespielt wurden. Alle
Produktionen bis Dezember `82 wurden von Peter Krause getrommelt, und
die darauf folgenden von Herbert Junck, was nicht nur an den
unterschiedlichen Spielhaltungen und aus den jeweilig typisch
personengebundenen Breaks herauszuhören ist, sondern auch aus dem
unterschiedlichen Klang des Schlagzeugs.
Das der Bass vom ersten
bis zum letzten Titel konsequent den gleichen Sound anbietet, kann ich
mir nur aus einer übersteigerten Liebe Gogows zu seinem Bass - Ton
erklären.
Anhand der Titel, die im
Zeitraum zwischen 1982 und `83 in den Rundfunkstudios produziert
wurden, kann man nicht nur die Auseinandersetzung der Musiker mit den
Unbilden der Technik heraus hören, sondern auch die interpretatorische
Entwicklung Frank Gahlers verfolgen: Vom Muddy Waters oder Robert
Johnsen imitierenden Bluessänger zu einer vom Publikum akzeptierten
Persönlichkeit, die ihm etwas mitzuteilen hat, was es auch aus seiner
individuellen Sicht annimmt und verarbeitet.
Bei allem Engagement, bei
aller musikalischen Qualität in Komposition, Arrangement und
musikalischer Umsetzung musizieren die Rocker vom Prenzlauer Berg,
wozu sie sich mit ihrem Namen NO 55 stolz bekennen, für mich zu sehr
aus der komfortablen Loggia einer fernbeheizten, sonnigen Vollkomfort
- Wohnung. Die Widersprüchlichkeit der Beziehungen, die Lebendigkeit,
Unberechenbarkeit, die Hass - Liebe der Bewohner von NO 55 zu ihrem
Stadtbezirk, die darin liegende Aggressivität und Expressivität, wird
für mich nicht ausreichend greifbar und fühlbar durch eine expressive,
gegen alle Stimmungen reflektierende Spielhaltung transportiert.
Es werden die Probleme
Jugendlicher in einer ihnen adäquaten Sprache z.B. in den Titeln
"Geburt", "Vorüber" oder "Auf der Strasse" beim Namen genannt, von
Werner Karma und Frank Gahler wirksam in Worte gefasst. Sie kommen
aber nicht in jedem Falle spürbar aus dem Innersten heraus, geradezu
darauf brennend, die Botschaft an den Mann zu bringen, eine Reaktion
auszulösen.
Die von Gahler
aufgebotenen interpretatorischen Gestaltungsmittel passen nicht in
jedem Fall zu der Textaussage und Stimmung. Auch wenn es ehr
unterschiedliche Interpretationsauffassungen gibt, so wäre mitunter
eine differenzierte Textausdeutung dem Produkt mehr zugute gekommen.
Der Kreis behandelter Themen reicht von der sehr differenziert
erfassten Problematik der Erhaltung des Friedens in den Titeln "Das
war`s" und "Welt in Vision" bis zu Lebensfragen anhand einer
Zweierbeziehung in "Vorüber" oder eines Generationskonfliktes in
"Geburt". Diese Themen werden aus einer sehr aktiven, auf Lösung der
Konflikte drängenden Position formuliert, aber nicht in jedem Falle
vermittelt.
NO 55 gibt mit dieser LP
nicht nur zu hören, sondern auch reichlich zu denken, denn die
inhaltliche Botschaft bestimmte vor allen Dingen die Feder auf dem
Notenpapier. |