Rezension aus Melodie und Rhythmus 1983

Alexander Jereczinsky

Treffend hat NO 55 "Kopf oder Zahl" zum LP Titel gewählt: Ein Lied, dessen Aussage und Haltung die vier Musiker Frank Gahler, Gisbert Piatkowsky, Georgi Gogow und Herbert Junck seit dem Bestehen zu ihrer ureigenen machten, und die uns acht Titel lang begleitet. Sie verwirklichen eine Konzeption, die vom frühen Geist der Rockmusik getragen ist, vom Geist einer kritischen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit: Mittels Musik in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen, sei es durch gezielte Auftritte zu Ereignissen politischen Charakters oder durch Liedinhalte, die eindeutig die Position, den Standpunkt der Musiker ausdrücken.

Aus politischer Sicht setzen sich die Musiker kritisch mit ihrer Kunst ins Verhältnis zu ihrer Gesellschaft. In ihrer spezifischen Aneignung der Wirklichkeit und in ihrem individuellen Eingreifen in diese mittels Kunst wird spürbar ihr Reifungsprozess deutlich. Mit ihrem ersten Auftritt 1982 zu "Rock für den Frieden" haben sie sich den Eislerischen - Gedanken "Kunst als Waffe" zu eigen gemacht und in ihren besten Liedern in Töne gefasst, wie "Welt in Vision" und "Das war `s".

Ohne Frage kann man NO 55 einen Personalstil bescheinigen, der mit den auf dieser LP vorliegenden Titeln und mit ihrer dramaturgischen Zusammenstellung erneut deutlich wird. Die Suche der vier Musiker, die aus verschiedenen Ecken unserer Rock - und Blues - Szene kommen, nach einer neuen, typischen, unverwechselbaren, dazu das Lebensgefühl Jugendlicher treffenden musikalischen Sprache, führte sie auf Erfolgs versprechende Wege zwischen Hard und Wave. Ihr Rezept, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen neuen Ideen, etwas modern akzentuiert, und ihrer Verpackung in traditionellen Mustern der Rockmusik, ging auf.

Das Unverwechselbare ihrer Musik lässt sich aus der Funktion der Instrumente im Arrangement sowie aus den von ihnen bevorzugten musikalischen Mitteln ableiten. Die Form der Titel ist der Übersicht halber in Strophe - Refrain - Folgen untergliedert, und zwar mit leichten Abwandlungen durch Wiederholungen oder Zwischenspiele usw., usf. Größere Harmoniesprünge werden zugunsten eines taktweisen Harmoniewechsels innerhalb der Kadenz und ihrer näheren Moll - und Dur - Verwandtschaft vermieden. Das melodische Material ist einfach rhythmisiert und aus der vorgegebenen Harmonie gewonnen. Die Melodien sind zu einer der jeweiligen Textstimmung angepassten Tonfolge verknüpft, die entsprechende Gefühlsassoziationen auszulösen vermag. Im Zentrum steht das an Präzision einer Rhythmusmaschine kaum nachstehende Schlagzeug. Die zumeist geraden 1/8 und 1/4 betonenden Rhythmusfiguren sind bewusst so gesetzt, um rhythmische Akzente ( Breaks ) eindeutiger heraus zu heben, um einen größeren Effekt zu bewirken.

Diese Stellung des Schlagzeugs determiniert auch eindeutig die Funktion des Basses, der entweder die 1/4 - Betonung des Schlagzeugs unterstreicht oder diese durch 1/8 - Bewegung bzw. 1/6 Synkopierung bricht. Tonal führt der Bass zu den Harmonien hin bzw. weist er sie durch die entsprechenden Grundtöne aus. Auf dem Leitinstrument der Rockmusik, der Gitarre, lastet das Hauptgewicht als Rhythmus -, Harmonie und Melodie - Instrument. Mal mit harten Rhythmus - Riffs, wie beim "Flaschengeist", oder gebrochenen Akkorden, um eine lyrische Stimmung bemüht; bei "Good bye, alte Zeit" zieht Gisbert Piatkowsky alle zur Verfügung stehenden Register - und das sind nicht wenige, wobei sich neben gitarristischer Variabilität auch sein nerv und Sinn für soundtechnische Finessen hörbar bezahlt machen.

Die aus der City - zeit von Band - Chef Georgi Gogow übernommene Vier-Mann-Besetzung ( drei Instrumentalisten, ein Sänger ) ließ anfänglich Zweifel über die klangliche Attraktivität der Gruppe aufkommen, die sie aber mit Geschick und Nutzung aller musikalischen Potenzen zerstreuen konnte. Man besann sich auf vergangene Musikschulstunden mit dem Akkordeon um den Bauch oder der Violine am Hals und der Mundharmonika zwischen den Zähnen. Und man höre und staune: Diese sogenannten Zweitinstrumente spielen nun fast in jedem zweiten Titel die erste Geige. Sie übernehmen u.a. Melodiefunktion oder werden durch ganz signifikante Motive zu wichtigen Informationsträgern und Markenzeichen, wie das Akkordeon bei "Das war`s" oder in dem Titel "Auf den Strassen" der melodische Geigenchorus, dessen Publikumswirksamkeit Georgi Gogow schon zu City - Zeiten mit "Am Fenster" auszukosten wusste.

Nicht zu vergessen sind die blueshaltigen Mundharmonika - Phrasen von Frank Gahler, der sich so manche Bluesseele aus seiner Vor - NO - zeit bei Monokel warm hält. Durch diese Zutaten wird das Klangspektrum und der musikalische Gehalt, dieser äußerlich nach Heavy anmutenden Band, erheblich erweitert. Es werden sinnvolle Schwerpunkte durch entsprechende Motive dieser Instrumente gesetzt, die das NO - Konzept begreifbarer, übersichtlicher und auch volkstümlicher machen, ohne dabei in Dilettantismus zu verfallen. Der Einsatz dieser Instrumente steht streng im Dienste des musikalischen Ausdrucks und verselbstständigt sich in keiner Phase des Musizierens.

Alles das kann jedoch nicht über die Soundschwächen der Platte hinweg täuschen. wer mit sensiblen Lauschern die acht Titel Rille für Rille nach Soundleckereien abtastet, wird wenig Freude haben. Der Klang der Instrumente an sich hat offensichtlich unter zuviel Filter gelitten, gegen den sich nur ab und zu mal die Gitarre durchsetzt und im vollen Frequenzklang erstrahlt. Beim Mischen der Verhältnisse innerhalb eines Titels scheint sich kaum ein Regler bewegt zu haben, weder in Richtung Lautstärke noch Richtung Hall, der für die Räumlichkeit verantwortlich ein differenziertes Klangbild hätte schaffen können. Spätestens beim Schlagzeug merkt man, dass die Titel von unterschiedlichen Musikern und auch zu unterschiedlichen Zeiten eingespielt wurden. Alle Produktionen bis Dezember `82 wurden von Peter Krause getrommelt, und die darauf folgenden von Herbert Junck, was nicht nur an den unterschiedlichen Spielhaltungen und aus den jeweilig typisch personengebundenen Breaks herauszuhören ist, sondern auch aus dem unterschiedlichen Klang des Schlagzeugs.

Das der Bass vom ersten bis zum letzten Titel konsequent den gleichen Sound anbietet, kann ich mir nur aus einer übersteigerten Liebe Gogows zu seinem Bass - Ton erklären.

Anhand der Titel, die im Zeitraum zwischen 1982 und `83 in den Rundfunkstudios produziert wurden, kann man nicht nur die Auseinandersetzung der Musiker mit den Unbilden der Technik heraus hören, sondern auch die interpretatorische Entwicklung Frank Gahlers verfolgen: Vom Muddy Waters oder Robert Johnsen imitierenden Bluessänger zu einer vom Publikum akzeptierten Persönlichkeit, die ihm etwas mitzuteilen hat, was es auch aus seiner individuellen Sicht annimmt und verarbeitet.

Bei allem Engagement, bei aller musikalischen Qualität in Komposition, Arrangement und musikalischer Umsetzung musizieren die Rocker vom Prenzlauer Berg, wozu sie sich mit ihrem Namen NO 55 stolz bekennen, für mich zu sehr aus der komfortablen Loggia einer fernbeheizten, sonnigen Vollkomfort - Wohnung. Die Widersprüchlichkeit der Beziehungen, die Lebendigkeit, Unberechenbarkeit, die Hass - Liebe der Bewohner von NO 55 zu ihrem Stadtbezirk, die darin liegende Aggressivität und Expressivität, wird für mich nicht ausreichend greifbar und fühlbar durch eine expressive, gegen alle Stimmungen reflektierende Spielhaltung transportiert.

Es werden die Probleme Jugendlicher in einer ihnen adäquaten Sprache z.B. in den Titeln "Geburt", "Vorüber" oder "Auf der Strasse" beim Namen genannt, von Werner Karma und Frank Gahler wirksam in Worte gefasst. Sie kommen aber nicht in jedem Falle spürbar aus dem Innersten heraus, geradezu darauf brennend, die Botschaft an den Mann zu bringen, eine Reaktion auszulösen.

Die von Gahler aufgebotenen interpretatorischen Gestaltungsmittel passen nicht in jedem Fall zu der Textaussage und Stimmung. Auch wenn es ehr unterschiedliche Interpretationsauffassungen gibt, so wäre mitunter eine differenzierte Textausdeutung dem Produkt mehr zugute gekommen. Der Kreis behandelter Themen reicht von der sehr differenziert erfassten Problematik der Erhaltung des Friedens in den Titeln "Das war`s" und "Welt in Vision" bis zu Lebensfragen anhand einer Zweierbeziehung in "Vorüber" oder eines Generationskonfliktes in "Geburt". Diese Themen werden aus einer sehr aktiven, auf Lösung der Konflikte drängenden Position formuliert, aber nicht in jedem Falle vermittelt.

NO 55 gibt mit dieser LP nicht nur zu hören, sondern auch reichlich zu denken, denn die inhaltliche Botschaft bestimmte vor allen Dingen die Feder auf dem Notenpapier.