|
Frau |
||
|
Thalheim |
Lyrik |
|
|
Komp. Jürgen Ecke / Barbara Thalheim |
||
|
Text: Fritz-Jochen Kopka |
||
|
Das Büro betritt sie wie eine Zelle. |
| Wasser aufsetzen, Kaffee kochen, nichts als Ersatzhandlungen. |
| Wenn sie etwas hasst, ist es das Wort Abteilungsleiter. |
| Verglichen mit ihren Möglichkeiten, |
| wird alles erbärmlich, was sie hat und tut. |
| Verglichen mit Lieben und geliebt werden. |
| Sie trifft Verabredungen und erscheint nicht, |
| sofern die Spur eines Zweifels besteht. |
| Zwei Kinder lässt sie sich weg machen und meint, |
| das ihr Schoß das nicht verzeiht. |
| Ihrer Arbeitsstellen kann sie sich selbst entledigen, |
| auf Wiedersehen - nämlich nie mehr. |
| Sie macht auf Kunst, auf Missionar, auf Keramik. |
| Überall nette und ekelhafte Leute. |
| Plötzlich ist sie doch schwanger. |
| Als sie zu zweifeln beginnt, ist es bereits zu spät. |
| Dumpfe Wochen, ein Riss, ein Schrei, |
| ein Mädchen hält sie in dem Arm und weint, |
| weil sie weiß, das sie nun wieder allein ist. |
|
Sein Sommer, Frau, ist ohne Halt. |
| So weißt du gar nicht: Was ist kalt. |
| Du läufst, nicht einmal bleibst du stehn, |
| und Gräber hast du nie gesehn. |
|
Nie mehr allein, heißt nicht Erlösung |
| von dem Übel, nichts und niemanden zu haben |
| als Hunger, leere, verräterische Freunde. |
| Erlöst. |
| Ihr Konto überzieht sie nur noch mit lächerlichen Summen. |
| Sie hat keine Angst mehr, |
| das eine Unmasse Zeit sie verschlingt. |
| Keine Angst, überflüssig zu sein. |
| Sie möchte ehern doppelt da sein. |
| Als Mutter, als Besessene von irgendetwas Großem. |
| Als Frau und als Geliebte. |
| Geborgen und allein gegen alle. |
| Allein im Auto : Bürgerin, ihre Fahrzeugpapiere. |
| Na, was haben wir falsch gemacht ? |
| Sie ist niemandes Schülerin mehr, |
| sie hat erworben, was man zum Leben braucht. |
| Ihr ist alles bekannt. |
| Immer derselbe Mann, immer dasselbe Kind. |
| Immer dasselbe, völliger Verlust des |
| unbeobachteten Daseins. |
| Was sie nie für möglich hielt, hat sie nun begriffen: |
| Unumkehrbarkeit. |
|
Dein Sommer, Frau, war ohne Halt, |
| du wusstest gar nicht, was ist kalt. |
| Du liefst, nicht einmal bliebst du stehn, |
| und Gräber hast du nie gesehn. |
| Dein Sommer, Frau, war kurz und wild. |
| Jetzt rückt ein langer Herbst ins Bild. |
| Und alles färbt sich, alles fällt |
| vom Himmel in den Staub der Welt. |
|
Angst vor dem Leben, Angst vor dem Tod. |
| Genau gesagt: Angst vor dem toten Leben. |
| Angst vor dem lebendigen Tod, |
| vor wuchernden Geschwüren im Leib, |
| vor sterbenden Wäldern. |
| Angst vor der Macht und Angst vor der Ohnmacht, |
| Angst vor dem Auftritt und Angst vor der Stille, |
| Angst vorm Alleinsein und Angst vor der Gruppe, |
| für sie gibt es nur eine Chance: |
| Sie kann nicht für alle sprechen. |
| Sie regiert sich selbst. |
| Doch das darf keiner wissen, vor allem |
| kein Mann, keine Regierung, keine Partei und keine Frau. |
| Wenn sie sie fragen , ob sie glücklich oder unglücklich ist, |
| müsste sie lügen. |
| Also schweigen. |
| Auf was soll das hinauslaufen , dieses Leben - |
| auf die Zahl eins oder unendlich ? |
| Aufs Ansteigen oder auf Wiederholung, |
| auf Ideen oder auf Waren, |
| auf Besitz oder Freiheit ? |
| Warum gibt es immer nur zwei Wahrheiten |
| und nie die Eine ? |
|
Dein Sommer, Frau, war kurz und wild, |
| lang füllt der Herbst das ganze Bild. |
| Verfärbt, verfallen jedes Blatt, |
| wann warst du jemals schon so satt ? |
| Dein Herbst, o Frau, welch böses Bunt, |
| wie blass, wie bitter spricht dein Mund. |
| Wie wird dir alle Schönheit fremd, |
| hast du für nichts denn so gekämpft. |
| Dein Winter, Frau, wird kühl und weiß, |
| dich schreckt kein Feuer und kein Eis. |
| Endlich zu leben ohne Hass, |
| so viele Jahre braucht das. |
Hinweis: Der hier aufgeführte Text entstammt keiner gedruckten Publikation, sondern wurden von den Originalaufnahmen abgehört. Für ihre hundertprozentige Richtigkeit kann deshalb keine Garantie übernommen werden.