![]() |
Rezension Melodie und Rhythmus von 1980 Wolfgang Lange |
![]() |
|
Eine Stimme wie die von Gaby Rückert könnte auf etliche unserer arrivierten Schlagerkomponisten insofern leicht schockierend gewirkt haben, als sie – obwohl einer Schlagersängerin gehörend – kein Ideal vermarktbares Objekt darstellt. Diese Stimme ist weder benutzbar für in Musik gefasste Rührseligkeit noch für die weit verbreiteten Mitklatsch – Roheiten, diese so oft klingenden Kompendien traurigster Stupidität. Die Natürlichkeit der stimme Gaby Rückerts sperrt sich entschieden gegen allen Missbrauch durch gekünstelte Schlager – Fadheit. Hoffen wir das es so bleibt und sie allen Anfechtungen zu wehren vermag, die ja im ereich des Schlagers groß sind. Es ist ihr zu wünschen, das sie allen Verführungen zum Mittelmass, das in vielen Titelangeboten lauert, trotzt durch stete Besinnung auf persönliche Eigenart. Gaby Rückert singt Schlager, auf andere Weise. Beinahe hätte ich geschrieben: auf unnormale Weise. Aber was Wunder, da doch die im Schlagergesang vielfach herrschende falsche Gefühligkeit als das normale gilt, indes die Äußerung von wahrhaften Emotionen im Schlager als das Unnormale verteufelt wird, obgleich diese Schlagerlieder das leisten, was Aufgabe der Kunst im Sozialismus ist: beizutragen zur Humanisierung des menschlichen Zusammenlebens. Natürlich kann Gaby Rückert nur das anders singen, was auch anders als das Gros ist. Als sie sich nach etlichen, wahrscheinlich recht harten Berufsjahren an der Basis der Schlager-Praxis auch in den Medien durchsetzte, erhielt sogleich die insgesamt nur schwach ausgebildete Tendenz zu einem durch künstlerische Hochwertigkeit ausgezeichneten Schlager in unserer Unterhaltungskunst spürbaren Auftrieb. Auf mich wirkte ihre Art, Schlager zu singen, wie ein erfrischender Gegenpol zu der Unmasse pupertinöser Schlager, die sich eifernd in der Darstellung von verzerrter Gefühlswelt der Menschen gefallen. Gaby Rückert setzte, sicherlich kaum in bewusster Kunstmissionarshaltung – Natürlichkeit, Einfachheit, Wahrhaftigkeit dagegen. Basierend auf einen guten technischen Sitz, verströmt ihre Stimme viel Wärme und Freundlichkeit. Dies vor allem. Und hinzu treten eine geradezu zeitgenössische-romantische Farbe ihres Timebrise, die Reinheit und Weichheit des vokalen Klanges und die Beweglichkeit und Elastizität der stimmlichen Führung. Nicht nur von ihrer Stimme, auch von ihrem unprätentiösen, doch sehr weiblichen Auftreten geht eine bezwingende Wirkung aus. Mir scheint das Gaby Rückert in Thomas Natschinski vor allem einen Komponisten gefunden hat, der ihrer Auffassung von Schlager als einer durchaus mit Sensibilität und Kunstsinn erfüllbaren musikalischen Erscheinungsform entspricht und sich zudem wohl auch bestens auf die Mentalität der Interpretin einzustellen vermag. Ohnehin ist deutlich, das es zwischen der musikalischen Empfindsamkeit des Komponisten und der der Sängerin Berührungspunkte gibt. Beiden ist vor allem das Hypertroph-Lärmende des Schlagers degoutant, ihr Anliegen ist die Berührung des Hörers durch leisere Töne, die umso eindringlicher sind. Beiden und natürlich der bevorzugten Textautorin Ingeborg Branoner haben wir einige der schönsten Liebeslieder zu danken, die in letzter Zeit auf dem Gebiet des Schlagers entstanden. Ich denke da vor allem an „Eine Liebe – eine Nacht lang“ (die Erinnerung an eine erfüllte Liebesnacht) und „Berührung“ (die Faszination der Liebe in ihrer unwiderbringlichen Einmaligkeit und in ihrer lebensprägenden Dauerhaftigkeit). Sie stehen am Anfang und Ende der Langspielplatte Gaby Rückerts und zeigen in der formalen Anlage und instrumentaler Gestaltung wohl ganz bewusste Ähnlichkeiten (z.B. Einsatz und Funktion des Klaviers). Noch andere Titel von Ingeborg Branoner und Thomas Natschinski sind zu nennen, der ein von Streichern, Klavier und Naturgitarre mitbestimmtes lyrisches Klangbild in den meisten seiner Titel anstrebt: das ganz kurze „Tommys Lied“, in dem die Gesangsstimme nur von einer Gitarre begleitet wird und Gaby Rückerts hohe Musikalität beweist. Der nachdenkliche und forschend fragende Report über eine einsame ältere „Frau am Fenster“ oder das volksliedhafte, mit modalen Wendungen durchsetzte „Wärmst du mich – wärm ich dich“ . In all diesen Liedern manifestiert sich die beträchtliche melodische Begabung Thomas Natschinskis, sein Vermögen interessante melodische Verläufe zu erfinden, die organisch und natürlich wirken. Aber keineswegs geringer in ihrer künstlerischen Substanz sind drei Lieder der LP aus anderer Feder: „Hochzeitmachen“, „Du, mir geht’s gut“ (Bartsch/Demmler) und „So ging noch nie die Sonne auf“ (Schulte / Lietz). Diese Schlager LP darf man getrost zu den gelungensten der letzten Jahre zählen (in dieses Lob ist jedoch nicht die einfallslose Cover-Gestaltung einzubeziehen). |