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Rezension Melodie und Rhythmus 2 / 1983 Wolfgang Lange |
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Ihre erste LP - „Berührung" -, die vor etwa zwei Jahren erschien, wurde zu einem großen und die Interpretin gewiss beglückenden Erfolg. Und auch für Thomas Natschinski. Nicht nur, das er am Erfolg dieser Schallplatte durch die feinfühlige Art seiner Lieder, die Gaby Rückerts künstlerischer Mentalität in ideal scheinender Weise entsprachen, beträchtlichen Anteil hatte - er selbst schien als Komponist wieder zu sich gefunden, vielleicht gar sich neu entdeckt zu haben. Ist nun die zweite LP Gaby Rückerts – „Guten Tag" -, die ausschließlich Lieder von Thomas Natschinski und Ingeburg Branoner (Texte) vereint, der ersten an künstlerischer Qualität ebenbürtig? Die Antwort zu geben, ist nicht leicht. Einen gewissen Aufschluss aber könnte ein „Test" ergeben haben: Ich hörte „Guten Tag" im Abstand einiger Tage mehrmals an, um die Lieder „voll drauf zu bekommen", legte dann noch mal „Berührung" auf - und halte letztere doch für die gültigere, wenngleich „Guten Tag" in stilistischer Haltung nahtlos an sie anschließt. Dagegen ist nicht das geringste einzuwenden, es ist legitim, auf jene Mittel zu setzen, die einem einst Erfolg brachten. Warum sollte man sogleich Abkehr vom Erprobten, Bewährten versuchen? Darum geht es auch gar nicht, nur müsste man innerhalb des stilistischen Konzeptes variabler sein. Die Lieder der zweiten LP sind wohl einfach nicht ganz so originell und ursprünglich in der melodischen Erfindung wie es die überwiegende Anzahl der „Berührung"- Titel durchaus waren. Gewiss, Sensibilität und einheitliche stilistische Diktion, das, was man mit Personalstil zu bezeichnen pflegt, sind auch hier vorhanden, nur hat die melodische Inspiration nicht mehr solche verschiedenartigen Ausdrucks- und Farbwerte erzeugen können, solche schlagend einfachen und zugleich zwingenden melodischen Motive, Wendungen, Verläufe. Der musikalischen Kontraste gibt es hier bei weitem nicht so viele, und fast zwangsläufig stellt sich der Eindruck musikalischer Glättung her, entsteht das Bild einer durchaus feinsinnigen, bewusst schlicht, transparent und überschaubar von Thomas Natschinski arrangierten Musik, der man allerdings häufig den Ausbruch in Expressivität, schärfere Tempogefilde und rhythmisch größere Variabilität wünscht. Kaum ist da ein guter Ansatz zu vermelden, fällt die Musik in die gleichförmige Bahn des Kontemplativen und Gefälligen zurück. Schade. Doch muss ich dieser Musik sehr viel Gerechtigkeit widerfahren lassen: Sie verrät dennoch genügend Talent und ist mir durch ihre Ausdruckswahrhaftigkeit hundertmal lieber als rastlos tosendes Schlagerumtata. Das sie mir nicht genügend spiegelt, was Thomas Natschinski als Komponist wirklich zu leisten vermag, steht auf einem anderen Blatt. Dominierender Inhalt in den sprachlich solide gehaltenen Texten von Ingeburg Branoner ist die Beziehung zwischen Liebenden. Liebe, die den Partner in seinem Sosein begreift und akzeptiert („Ich brauch dich"), das Bekenntnis zu einer „Allwetter"-Liebe, in der Hochs und Tiefs gemeinsam durchlebt werden („Teil mit mir"), die Sehnsucht nach dem anderen, mit dem man nur erleben kann („Morgenstimmung"), das Sich-selbst-Befragen, warum die Zweisamkeit gescheitert ist („Du fehlst mir"). Diese Inhalte nehmen durch die Natürlichkeit und den Ernst ihres Anliegens für sich ein. Für weniger originell, weil alte Hüte gewissermaßen zur Erneuerung unter eine Dampfpresse legend, halte ich die in der Pointe etwas schlappen „April, April" und „Einerlei". Und allzu glücklich bin ich auch nicht mit dem bekenntnishaften „Ich will leben"; da vermischen sich untrennbar edle Einfalt, hausbackene Naivität, unterschwelliger Heroismus, gesalzen durch eine Prise Poesie-Routine, etwas arglos miteinander und erhärten meine Erfahrung, das es wohl zum schwierigsten gehört, im Schlagerlied dem Friedensgedanken überzeugende Gestalt zu geben. Da ich die Gesangsweise Gaby Rückerts sehr mag, das Unprätentiöse, Natürliche, Ungekünstelte, den Identifizierungswillen und ganz besonders das Timbre, die berührende Klarheit ihrer fast vibratolosen reinen Stimme, fällt es mir nicht schwer, ihrer Interpretation erneut Komplimente zu Füßen zu legen. Nur: Entscheiden muss und wird sie selbst, ob es auf Dauer für sie gut ist, jene intensive Schlichtheit mit schleichend deutlicher Tendenz zu Elegie zur dominierenden Ausdrucksweise zu machen. Ich meine, Gaby Rückerts Stimme und Erscheinung vertragen auch kräftigere musikalische Töne, zumal die Sängerin schon öfters bewiesen hat, das sie über großen gestalterischen Atem verfügt. Eine ganze Reihe vorzüglicher Musikanten - wie Andreas Bicking, ts, Jürgen Ehle, g, voc, Hans Jürgen Reznicek, bg, die Gruppe Folkländer und die Becksche Streichervereinigung - komplettieren in einigen Titeln die vom Komponisten geleitete Studioband. |