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Melodie & Rhythmus 10 / 1987 |
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Lutz Bertram |
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Im August waren die
Gitarreros auf ihrer zweiten Kurztour ... Das ganze begann in Schwerin,
tags darauf in Rostock ging das Konzert buchstäblich den Bach hinunter,
selbst die mitgeführte, sehr kostenintensive Bühnenüberdachung hatte gegen
diesen Regenguss keine Chance. Dann über Stralsund, Zinnowitz, Pasewalk
und Schwedt nach Berlin; vorläufiges Ende war das Konzert in der
Galgenbergsschlucht in Halle. Aber wie hat das alles angefangen ? Die Idee lag regelrecht in der Luft; zugegriffen, ausgesprochen und durchgesetzt, auch gegen das anfängliche Unbehagen der Musiker, haben dies die Organisatoren von "Rock für den Frieden" Michael Höft und Detlev Haak. |
Die Gitarreros haben es nicht vergessen und danken es ihnen. Im Januar also, bei "Rock für den Frieden" stand die Gruppe das erste Mal auf der Bühne und schlug ein wie ein Blitz.
Die Zurückhaltung der beteiligten Musiker kehrte sich in ihr Gegenteil um. Ungebrochener Spaß an ihrer Musik und Liebe zueinander, die über das normale Maß an Kollegialität hinaus geht - diese beiden Dinge werden zum tragenden Grundsatz bei den Gitarreros. Spontan und kurzfristig wurden noch ein paar Termine in der Republik verabredet, und danach stand für alle fest, das man im Sommer wieder unterwegs sein würde. Das dabei ein Teil des Jahresurlaubs draufging, hat keinen gestört. Die Gitarreros sind so etwas wie ein Freizeitfamilienbetrieb.
Übrigens: Die Gruppe spielt auf Kasse. Das heißt, je weniger Leute kommen, desto weniger verdienen sie. Außerdem wenden sie einen erheblichen Teil der Einnahmen für exklusive Beschallung und Beleuchtung sowie Organisation, Versorgung und Transport auf. Sie lassen sich die Professionalität ihrer Show etwas kosten. Sie wissen, das ihre Idee und ihr Zusammenhalt unter den Händen wegplatzen, wenn die Gruppe zum Geldesel verkommt.
Inzwischen vermag ich mir nicht mehr vorzustellen, das die Gitarreros an einer Stelle Personalwechsel vornehmen müssten oder könnten. Alle, die mitmachen, genügen höchsten Ansprüchen. Dabei sind:
Jäcki Reznicek ( b, Pankow ), Stefan Dohanetz ( dr, Pankow ), Ed Swillms ( keyb, Karat ), Pitti Piatkowski ( g, NO 55 ), Jürgen Ehle ( g, Pankow ), Hasbe Haßbecker ( g, Stern Meißen ), Bernd Römer ( g, Karat ), Toni Krahl ( voc, City ), Tamara Danz ( voc, Silly ), Mike Kilian ( voc, Rockhaus ).
Vorbereitung und Abwicklung der Tour durch Wolfgang Schubert und Heinz Zilliges waren von der Art, das die Sektion Rock beim Komitee für Unterhaltungskunst dies gut als zusammengefasstes Handbuch unter dem Titel "Kleines ABC der korrekten Geschäftsführung" in der Szene verteilen könnte. Auch die Roadcrew war vom Allerfeinsten. Sicher sind die Gitarreros nicht der Alltag, aber man musste sich immer wieder sagen: So geht das also auch. Ich habe niemanden getroffen, der mürrisch oder lustlos war.
Das angebotene Paket auf der Sommertour enthielt außer den Gitarreros noch den Pianisten Alexander Blume und Rockhaus. In jedem Konzert gab es also rund drei Stunden Musik, nicht unterbrochen durch lästige Umbaupausen. Zu Beginn spielte allabendlich Rockhaus, die im Moment dabei ist, Bonbon und Schokolade abzugeben, um den schnörkellosen weg des Rock `n` Roll zu gehen. Dann Alexander Blume, der mit seinem Blues- und Boogie- Woogie Klavier eine sehr schöne Farbe im Programm bot. Und schließlich die Gitarreros:
Schon hinter der Bühne kam man sich vor wie in einem Tigerkäfig, und die angestaute Energie machte sich dann auf der Bühne Luft. So viel leidenschaftliche Spielfreude, so viel Vergnügen aneinander ist mir lange nicht untergekommen. Handwerklich haben wir die Besten ihres Fachs vor uns, aber jeder kommt weit über sich hinaus, weil er die anderen hat. Gespielt wird ein Stück von jeder Gruppe, die bei den Gitarristen vertreten sind: "Freitag" ( Pankow ), "Die wilde Mathilde" ( Silly ), "Blumen aus Eis" ( Karat ), "Meister aller Klassen" ( City ), "Taufrisch" ( Stern meißen ), "Kurzschluss" ( NO 55 ), "Endlos" ( Rockhaus ); das internationale Repertoire besteht im wesentlichen aus Standards, die souverän in Gitarreros - Manier präsentiert werden. Hier wird den Idolen nicht mehr in die Nasenlöcher gestarrt, sondern das Selbstwertgefühl ist so gewachsen, das man sich sicher ihrer Songs bedient.
Die Band gibt alles bis zur völligen Ekstase, Routine ist nie im Spiel. Das kann auch nicht sein, wenn das Unternehmen sich seine Exklusivität bewahrt und nicht allzu häufig auftritt.
Die Ausstrahlung der Gitarreros auf die Szene ist nicht zu unterschätzen, sie gehen sich auch außerhalb dieses Projektes zur Hand. So produzierte Jürgen Ehle z.B. im August vier Songs für eine Quartett Single mit Rockhaus. Jäcki Reznicek spielte Bass auf Sillys "Bataillon D `amore", und auf der neuen Karat - LP werden einige von ihnen dabei sein. Außerdem wird wohl so mancher in seine Heimatband zurückgehen und ein paar Fragen stellen, die er sich sonst vielleicht verkniffen hätte. Möglicherweise denken auch andere Bands, angeregt durch die Gitarreros, darüber nach, wie sie ein Prise salz in ihren faden gewordenen Muggeneintopf bekommen.
Natürlich haben die Gitarreros Pläne und sogar ein paar Blütenträume. Zunächst denken sie über Weihnachten nach, und müssen warten, was ihnen dazu einfällt. Eins noch: Wer sich die LP der Gitarreros nicht kauft, verpasst etwas.