Rezension Neues Leben 6 / 1986

Wolfgang Martin

 Eines der spektakulärsten Rockereignisse auf der heimischen Szene 1986 war zweifellos das Gitarreros- Projekt, zu dem sich vier der führenden und besten Gitarristen unseres Landes mit einigen prominenten Rock- Vokalisten vereinigen. Premiere war beim 86er Rock für den Frieden im Januar im Berlin. Mittlerweile gab es zwei Kurz- Tourneen dieses Exklusiv- Ensembles, im Februar und im August, u.a. mit einem viel beachteten Konzert beim FDJ- Liedersommer in der Berliner Parkaue. Publikum und Medien waren  hellauf begeistert, und Dank einer auf dem  Gebiet der Rockmusik noch allzu seltenen Drei- Einigkeit vom Rundfunk, Fernsehen und Schallplatte fand das Unternehmen auch eine ziemlich umfängliche Publizierung. Im Februar entstand beim Konzert in der Leipziger Kongresshalle in Co- Produktion Rundfunk/AMIGA ein Live- Mitschnitt, der im Studio etwas bearbeitet nun als LP unter dem Titel „It´s Only Rock ´n´ Roll – die Gitarreros live im Konzert“ veröffentlicht wird.

Und damit kann man sich dieses rockmusikalische Hochereignis entsprechend der Watt- Zahl seiner Lautsprecher- Anlage auch immer und immer wieder in die eigenen Gehörgänge bringen – ein Erlebnis ist es allemal. Die Stimmung bei den Konzerten war phantastisch, und das hört man auch auf dieser Platte. Der berühmte Funke zwischen Bühne und Zuschauerraum sprang in jedem Falle über. Alle Akteure steigerten sich zu Höchstleistungen, bewiesen sich als wirkliche Könner, die auch noch genug Spontanität und Phantasie im Spiel auf dem traditionellsten Rock- Instrument bewiesen. Dies um so wichtiger, stützten sich die Gitarreros doch auf ein bekanntes Repertoire, mit Titeln, die jeder so aus der eigenen Haus- Band einbrachte, und internationale Standards. Die Gitarreros drücken allen diesen Titeln ihren neuen Sound- und Arrangement- Stempel auf. Und jeder bringt seine eigene – erkennbare – Spielweise/Technik/Stilistik ein: Bernd Römer (Karat), Gisbert Piatkowski (NO 55), Uwe Haßbecker (Stern Meißen) – als die Gitarreros dazu die Sänger Tamara Danz (Silly), Mike Kilian (Rockhaus), Herbert Dreilich (Karat), Toni Krahl (City) und als rhythmische Rückenstärkung Heinz-Jürgen Reznicek am Baß und Stefan Dohanetz, Schlagzeug (beide von Pankow). Spezial- Gast war Ullrich „Ed“ Swillms, Keyboarder von Karat – und von ihm eingebracht die neue Version der „Musik zu einem nicht existierenden Film“.

  Überhaupt ist die Auswahl und Zusammenstellung der einzelnen Stücke sehr gut gelungen, bieten sie doch wirklich das komplette Spektrum dessen, was diese Supergruppe zu bieten hat. Und der den Rolling Stones entlehnte Titel verweist auf das Ungestüme der Musik und ihrer Interpretation, auf die Wurzeln, an die von den Gitarreros mit Nachdruck erinnert werden soll. Stellvertretend dafür der „Red House Blues“, „Honky Tonk Woman“ und „Jonny B. Goodes“. Toll auch der Einstieg mit dem Pankow- Hit „Freitag“, gefolgt von  „Rock ´n´Roll Hoochie Coo“, NO 55 ´s „Kurzschluß“ und dem schon so erfolgreich gelaufenen „Meister aller Klassen“ (ehemals City). Auf der B- Seite schließlich noch „People Get Ready“ (im Original mit Rod Steward, voc und Jeff Beck, g – jetzt nahezu hinreißend gesungen von Tamara und Mike). „It´s Only Love“ (von Bryan Adams) und „Taufrisch“ von Stern Meißen sind auch noch drauf.