Musikexpress  9 / 1995

   
 

Der Dylan aus dem Tagebau

 

Gerhard "Gundi" Gundermann und die Vergangenheit

   
Der Typ ist einmalig. Privat eher der Normalo in Jogginghose, schlüpft er für seine Konzerte ins Karbidkumpelhemd, DDR - typische Jugendmode - Jeans, DDR Kassenbrille. Gitarre, Grinsen und Gesang - zum Star taugt an ihm eigentlich gar nichts. Ein Bein im Führerhäuschen seines Braunkohle - Baggers, das andere auf der Bühne.

Der Spagat zwischen dem natur vernichtenden Werktätigen und dem Barden der "Grünen Armee" ( Songtitel ) verleiht dem Mann aus der Lausitz souveräne Widersprüchlichkeit. Kompromisse allenthalben, die aber konsequent. GUNDERMANN ist GUNDERMANN, fertig. Er gibt sich mal weltfremd, mal wortgewandt - genial, beobachtend sezierend und musiziert Harmonie verliebt.

Auf seiner aktuellen CD "Der 7te Samurai" grollt der 39jährige Ex - Liedermacher zu flottem Folkrock: "Gib mir die versteckten Stiefel wieder, da draußen schreit mein letzter Tag". GUNDERMANN - Familienvater, ABM Kraft, Sänger - ist Neil Young, Mellencamp und FDJ Singebewegung, R.E.M und Dylan in einer Person. Er sagt von sich selber, das er nicht mehr mit Ruhm und Reichtum rechne. Seine Deutschland Tour mit Bob Dylan ließ auch andere Schlüsse zu.

Er, der "bisschen blöde Ossi" veröffentlicht seine Platten beim Ost - Berliner - Buschfunk - Label, weil er da mit Freunden zusammen arbeiten kann. Seine größte Angst ist, seine Musik verkaufen zu müssen. Erfolg auf dem Markt sei ihm verhältnismäßig egal. "Ob ich mich verbiege oder verweigere - es kommt ja doch wie es kommt."

GERHARD GUNDERMANN ist die ehrliche Haut, der Dylan aus dem Tagebau. "Sie sagen / Du hast mich verraten / doch fehlt mir bis heute kein Bein" frotzelt er in "Sieglinde" - eine Art Liebeserklärung an den seinerzeit auf ihn angesetzten Stasi - Spitzel. Das er selber dem Ministerium für Staatssicherheit bis Mitte der 80er Jahre als penibler IM Grigori zu Diensten stand, haben ihm die Fans offenbar verziehen: Seine Konzerte sind heute voller denn je.