Berliner Zeitung  14.09.1998

   
 

Fangt schon ohne mich an

 

Torsten Wahl

   

Seilschaft, Mitstreiter und Publikum sangen Gerhard Gundermanns Lieder

Der Mond ist aufgegangen mit zittriger tonloser Stimme sang die sechsjährige Linda Gundermann, unterstützt von ihrer Mutter, den 3 000 Besuchern das Gute-Nacht-Lied. Da war es ganz still rund um die Bühne am Weißen See. Genauso still wie bei der kurzen Ansprache von Conny Gundermann, die alle Kraft zusammennehmen musste, um sich bei den Fans für die Kondolenzen zu bedanken: "Ich war überrascht, wie gut ihr Gundi nicht nur als Künstler, sondern als Mensch kanntet." Dann sang die zierliche Frau mit der Brigade Feuerstein das Hochzeitslied, das ihr Gerhard Gundermann vor 18 Jahren geschrieben hatte.

Das Abschiedskonzert verlief erstaunlicherweise fast so kernig wie immer, vor der Bühne wogte es heftig. Seine Band, die Seilschaft, rockte los, als wäre ihr Chef nur im Stau stecken geblieben und hätte angerufen: Fangt schon mal ohne mich an. Saxophonist Andy Wieczorek übernahm das Kommando, sang kräftiger und klarer als Gundermann. Musiker und Weggefährten wie Uwe Hassbecker, Ritchie Barton und Jams sorgten für einen satten und abwechslungsreichen Sound.

Doch auch die aufgekratzte Seilschaft wurde von der Trauer übermannt: Wieczorek bekam das Lied "Und musst du weinen" über das frühe Ende zweier hart arbeitender Leute nicht zu Ende. Das Stück "Einmal", in dem Gundermann und Tamara Danz, beide mit 43 gestorben, über den Tod sangen, spielte Uwe Haßbecker vorsichtshalber gleich instrumental.

Gundermanns oft sehr persönliche Lieder haben auch in den Interpretationen seiner Kollegen nichts an Wirkung verloren. Sein Heimatlied über HoyWoy Hoyerswerda, vorgetragen von seinem Kumpel Maik Pillokat, blieb genauso echt. Peter Butschke (Pension Volkmann) mit der Hymne von der "Grünen Armee", Aurora Lacasa mit der spanischen Originalversion von "So wird es Tag" oder Thomas Rühmann, der Gundis Songs mit der "Entdeckung der Langsamkeit" verwob, gaben den Liedern eine eigene Note.

Gymnasiasten aus Treptow führten die freche Nummer über den "Terminator" Günthi Krause auf. Als Dirk Michaelis allerdings den Kanon "Sonntag in Schwarze Pumpe" anstimmte, wirkte es etwas anbiedernd: Auf einmal haben wir alle auf Gundis Bagger gesessen. Den berührendsten Gesang lieferte sowieso das Publikum: Begleitet nur von Haßbeckers filigranem Gitarrenspiel summte das Publikum unaufgefordert "Immer wieder wächst das Gras", bei "Alle oder keiner" tönte es laut "Fernseher aus, Sternschnuppen an, rein in die Frau und raus ausm Mann". Gundermanns Lieder sind Volkslieder im besten Sinne geworden.