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Wer ihn kennt und
seine Entwicklung vom Klavier spielenden Hallenser Chorknaben bis in
die Gegenwart verfolgt hat, dem sind die Metamorphosen des Ralf
„Heinz“ Schmidt nicht verborgen geblieben.
Gehen wir noch
einmal an die Quellen: Es war zur Werkstattwoche der Jugendtanzmusik
in Suhl im Jahr 1983., als Martin Schreier den Vermona-Piano
spielenden Punk-Liedermacher zu Stern Meißen holte und damit die
äußere Voraussetzung dafür schuf, das er als ein solcher aufgehen
konnte. Einen großen Teil hat Ralf Schmidt seitdem zu der
stilistischen Neuorientierung dieser Band eingebracht und ihr mit
Liedern „Was fang ich an“ oder „Taufrisch“ anerkannte Hits geschrieben
und interpretiert. Nur vier Jahre, also zwei Werkstattwochen später,
war dieser Ralf Schmidt wieder in Suhl präsent, als Frontmann eines
Beispielkonzertes vor ein paar Hundert Musikanten des Landes und dem
Suhler Tanzpublikum. Ich schicke dies alles voraus, um der Fairness
halber mein nicht ungebrochenes Verhältnis zuzugeben. In erwähntem
Konzert gab der inzwischen zweifelsfrei und verdientermaßen zum Star
avancierte Sänger zu erkennen, wie er sein Publikum in Momenten nicht
schnell genug aufkommender Begeisterung ignorierte. Das war vielleicht
die Ausnahme, auf jeden Fall aber dilettantisch. Ich werde als
Moralist belächelt zu werden in Kauf, stelle es dennoch in Rechnung
und meinen Bemerkungen zum Eigentlichen voran.
„Traumarchiv“ heißt
die Solo-LP von „IC“ – Pseudonym für Ralf Schmidt und Abkürzung für
die englische Entsprechung zu „Integrierter Schaltkreis“, einem
wesentlichen Bauelement moderner Synthesizer und ihrer vielfältigen
Peripherie. Das ist durchaus programmatisch gemeint, bedient doch die
Musik dieser Platte die moderne Stilistik der sogenannten „Synthi-Pop“,
einer Tanzmusik mit fast ausschließlich elektronischer Klangerzeugung.
Außer der Gesangsstimme und der gelegentlich eingesetzten Bassgitarre
des früheren Stern-Meissen_Baßisten Peter Rasym ( u.a. „Weit, weit“,
„Go Rock“ ) werden auch fast alle akustischen Ereignisse über
Synthesizer, Sampler und Drumcomputer erzeugt. Dazu später noch ein
paar Worte.
Insgesamt sind auf
der Platte zwölf Titel angegeben, für deren Produktion drei
Auftraggeber zeichnen, der VEB Deutesche Schallplatten, der Rundfunk
und das fernsehen der DDR. Alle Kompositionen, Texte und Arrangements
sind von Ralf Schmidt, der auch neben Lothar Kramer und Wolf-Dieter
Fruck als Produzent aufgeführt ist. Leider ist gerade in Bezug auf
diese inhaltlichen Leistungen den Angaben der Platte nicht zu
entnehmen, wer an welchen Titeln beteiligt war, auch fehlen Angaben
über Produktionsdaten, und gerade dies wäre nicht uninteressant
gewesen. Zu einem nicht unwesentlichen Teil sind hier schon
„IC-Oldies“ zusammengetragen worden, hat doch die Ballade „Aber wann“
immerhin schon auf dem 1. Platz in der „Beatkiste“ im Oktober 1985
ihren Zenit durchschritten.
Auch „Wunderland“,
„Mensch“ und „Mann im Mond“ sind bekannte Stücke. Für den IC-Fan
vielleicht eine willkommene Zusammenstellung der ersten Jahre. Sollte
dies die Intention der Zusammenstellung gewesen sein, war ein Problem
natürlich unvermeidbar, ich meine die Darstellung eines geschlossenen
Konzepts auf der musikalischen, textlichen und musikantischen Ebene.
Zu einem Projekt, wie es die solistische Präsentation eines derart
kompetenten Unterhaltungskünstlers wie Ralf Schmidt als „IC“
darstellen kann, gehören eindeutige Identifikationsmuster. Gegensätze,
wie sie auf der Platte in musikalischer Hinsicht zu finden sind –
Beispiel: das „Weit, weit“ mit dem wunderschön gemachten mehrstimmigen
Satzgesang und das vollsynthetische „Kälter als Eis“ – können als
unterschiedlich musikalische Farben im Sinne der Abwechslung und
Vielseitigkeit durchaus nebeneinander stehen. Problematisch wird
dieses Zusammenzwingen in den Rahmen einer LP allerdings in Bezug auf
die Inhalte der Texte, nehmen wir als Gegenpole hier den Titelsong
„Traumarchiv“ – interessant gemacht die fast mystische Gefangennahme
der Angebeteten in einen brünstigen Traum – und das übernächste Lied
„Ich hab Lieder, die Waffen sind, die sing ich für dich, mein Kind“ –
ein Friedenslied, kein Berlinlied.
Dieses Stück scheint
mir, nebenbei bemerkt, nicht ganz fertig geworden mit seinem abrupten
Schluss. Ein zweites Problem sei ebenfalls benannt, es betrifft den
Gebrauch des Equipments für die soundtechnische Produktion. Es drängt
sich ein wenig der Verdacht auf, das bei einigen Titeln unbedingt der
neue Sampler vorgeführt werden sollte. Das Gerät bietet die
Möglichkeit, natürliche Klänge digital abzuspeichern , und sozusagen
dem Original ebenbürtig über die Klaviatur des Synthesizers wieder
abzurufen. Natürlich besteht im Umgang mit diesen faszinierenden
Möglichkeiten eine ungeheure Versuchung, der vordergründigen
Originalität eines krähenden Hahnes oder zerklirrenden Glases, per
Knopfdruck abrufbar, vorschnell zu erliegen. In „Kälter als Eis“
splittet es dann auch mit schöner Regelmäßigkeit in jedem
Zwischenspiel. Das gleiche gilt für die nach meinem Geschmack
teilweise entschieden zu dich programmierten Drum-Patterns. Im Refrain
zu „Eintritt frei“ wird dieser Hang zum Überarragement besonders
deutlich. Die starke Verhallung der dichten Arrangements führt dann
noch zusätzlich zur Verwischung an sich vorhandener Konturen.
Zwei der zwölf Titel
der Platte – Einstieg („IC“) und Schluss („Go Rock“) – sind kleine
Instrumentals, eine fast in Vergessenheit geratene wichtige Form. Wie
gesagt, für alle IC-Fans ein Sampler alter und neuer Songs, eine
Debüt-LP mit allen verständlichen Nervositäten und Kanten. |