Rezension aus Melodie und Rhythmus 7/1987

Dr. L. Dungs

     

Wer ihn kennt und seine Entwicklung vom Klavier spielenden Hallenser Chorknaben bis in die Gegenwart verfolgt hat, dem sind die Metamorphosen des Ralf „Heinz“ Schmidt nicht verborgen geblieben.

Gehen wir noch einmal an die Quellen: Es war zur Werkstattwoche der Jugendtanzmusik in Suhl im Jahr 1983., als Martin Schreier den Vermona-Piano spielenden Punk-Liedermacher zu Stern Meißen holte und damit die äußere Voraussetzung dafür schuf, das er als ein solcher aufgehen konnte. Einen großen Teil hat Ralf Schmidt seitdem zu der stilistischen Neuorientierung dieser Band eingebracht und ihr mit Liedern „Was fang ich an“ oder „Taufrisch“ anerkannte Hits geschrieben und interpretiert. Nur vier Jahre, also zwei Werkstattwochen später, war dieser Ralf Schmidt wieder in Suhl präsent, als Frontmann eines Beispielkonzertes vor ein paar Hundert Musikanten des Landes  und dem Suhler Tanzpublikum. Ich schicke dies alles voraus, um der Fairness halber mein nicht ungebrochenes Verhältnis zuzugeben. In erwähntem Konzert gab der inzwischen zweifelsfrei und verdientermaßen zum Star avancierte Sänger zu erkennen, wie er sein Publikum in Momenten nicht schnell genug aufkommender Begeisterung ignorierte. Das war vielleicht die Ausnahme, auf jeden Fall aber dilettantisch. Ich werde als Moralist belächelt zu werden in Kauf, stelle es dennoch in Rechnung und meinen Bemerkungen zum Eigentlichen voran.

„Traumarchiv“ heißt die Solo-LP von „IC“ – Pseudonym für Ralf Schmidt und Abkürzung für die englische Entsprechung zu „Integrierter Schaltkreis“, einem wesentlichen Bauelement moderner Synthesizer und ihrer vielfältigen Peripherie. Das ist durchaus programmatisch gemeint, bedient doch die Musik dieser Platte die moderne Stilistik der sogenannten „Synthi-Pop“, einer Tanzmusik mit fast ausschließlich elektronischer Klangerzeugung. Außer der Gesangsstimme und der gelegentlich eingesetzten Bassgitarre des früheren Stern-Meissen_Baßisten Peter Rasym ( u.a. „Weit, weit“, „Go Rock“ ) werden auch fast alle akustischen Ereignisse über Synthesizer, Sampler und Drumcomputer erzeugt. Dazu später noch ein paar Worte.

Insgesamt sind auf der Platte zwölf Titel angegeben, für deren Produktion drei Auftraggeber zeichnen, der VEB Deutesche Schallplatten, der Rundfunk und das fernsehen der DDR. Alle Kompositionen, Texte und Arrangements sind von Ralf Schmidt, der auch neben Lothar Kramer und Wolf-Dieter Fruck als Produzent aufgeführt ist. Leider ist gerade in Bezug auf diese inhaltlichen Leistungen den Angaben der Platte nicht zu entnehmen, wer an welchen Titeln beteiligt war, auch fehlen Angaben über Produktionsdaten, und gerade dies wäre nicht uninteressant gewesen. Zu einem nicht unwesentlichen Teil sind hier schon „IC-Oldies“ zusammengetragen worden, hat doch die Ballade „Aber wann“ immerhin schon auf dem 1. Platz in der „Beatkiste“ im Oktober 1985 ihren Zenit durchschritten.

Auch „Wunderland“, „Mensch“ und „Mann im Mond“ sind bekannte Stücke. Für den IC-Fan vielleicht eine willkommene Zusammenstellung der ersten Jahre. Sollte dies die Intention der Zusammenstellung gewesen sein, war ein Problem natürlich unvermeidbar, ich meine die Darstellung eines geschlossenen Konzepts auf der musikalischen, textlichen und musikantischen Ebene. Zu einem Projekt, wie es die solistische Präsentation eines derart kompetenten Unterhaltungskünstlers wie Ralf Schmidt als „IC“ darstellen kann, gehören eindeutige Identifikationsmuster. Gegensätze, wie sie auf der Platte in musikalischer Hinsicht zu finden sind – Beispiel: das „Weit, weit“ mit dem wunderschön gemachten mehrstimmigen Satzgesang und das vollsynthetische „Kälter als Eis“ – können als unterschiedlich musikalische Farben im Sinne der Abwechslung und Vielseitigkeit durchaus nebeneinander stehen. Problematisch wird dieses Zusammenzwingen in den Rahmen einer LP allerdings in Bezug auf die Inhalte der Texte, nehmen wir als Gegenpole hier den Titelsong „Traumarchiv“ – interessant gemacht die fast mystische Gefangennahme der Angebeteten in einen brünstigen Traum – und das übernächste Lied „Ich hab Lieder, die Waffen sind, die sing ich für dich, mein Kind“ – ein Friedenslied, kein Berlinlied.

Dieses Stück scheint mir, nebenbei bemerkt, nicht ganz fertig geworden mit seinem abrupten Schluss. Ein zweites Problem sei ebenfalls benannt, es betrifft den Gebrauch des Equipments für die soundtechnische Produktion. Es drängt sich ein wenig der Verdacht auf, das bei einigen Titeln unbedingt der neue Sampler vorgeführt werden sollte. Das Gerät bietet die Möglichkeit, natürliche Klänge digital abzuspeichern , und sozusagen dem Original ebenbürtig über die Klaviatur des Synthesizers wieder abzurufen. Natürlich besteht im Umgang mit diesen faszinierenden Möglichkeiten eine ungeheure Versuchung, der vordergründigen Originalität eines krähenden Hahnes oder zerklirrenden Glases, per Knopfdruck abrufbar, vorschnell zu erliegen. In „Kälter als Eis“ splittet es dann auch mit schöner Regelmäßigkeit  in jedem Zwischenspiel. Das gleiche gilt für die nach meinem Geschmack teilweise entschieden zu dich programmierten Drum-Patterns. Im Refrain zu „Eintritt frei“ wird dieser Hang zum Überarragement besonders deutlich. Die starke Verhallung der dichten Arrangements führt dann noch zusätzlich zur Verwischung an sich vorhandener Konturen.

Zwei der zwölf Titel der Platte – Einstieg („IC“) und Schluss („Go Rock“) – sind kleine Instrumentals, eine fast in Vergessenheit geratene wichtige Form. Wie gesagt, für alle IC-Fans ein Sampler alter und neuer Songs, eine Debüt-LP mit allen verständlichen Nervositäten und Kanten.