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Rezension Junge Welt 03.01.1989 Waltraud Heinze |
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Nadja berührt, Cinderella verführt |
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Gedanken zur zweiten Langspielplatte von IC "Zigeuner auf Zeit" |
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Lieber IC, mit den besten Wünschen an Dich fürs neue Jahr will ich, wie versprochen einige meiner Eindrücke von Deiner zweiten LP verbinden. Ich hörte sie mit besonderem Interesse, da Du mich ja schon recht zeitig in ihren Entstehungsprozess einbezogen hattest. Und ich sehe unserem Treffen im Frühjahr letzten Jahres, da Du mir Deine neuen Lieder vorspieltest, wir fast einen ganzen Tag darüber verbrachten, diskutierten auch im nachhinein als eine produktive Form des Miteinanders, des nützlichen Dialogs zwischen Macher und kritischem Konsumenten.Du hast viele der damaligen Entwürfe überarbeitet, manche ganz beiseite gelegt. Man spürt, Du möchtest raus aus dem Zugzwang des Streits um Deine erste LP "Traumarchiv". Doch wer ist nicht auch versucht, musikalische Muster. die solche Publikumsrenner wurden wie der "Mann im Mond", nochmals auszuprobieren, neu zu variieren. Will sagen, IC knüpft natürlich bei IC an. Und es ist sicher total unrealistisch von mir, ein wenig jenem unangepassten originellen Typen Ralf Schmidt nachzutrauern, den ich in seiner Hallenser und Magdeburger Amateurzeit kennen lernte.Manchmal hab' ich das Gefühl - Du wirst es mir nicht krumm nehmen - dass Du zu vielen Leuten gerecht werden willst. Denn am überzeugendsten ist man wohl da, wo man vor allem sich selbst, seine ureigenste Persönlichkeit, Befindlichkeit ausdrückt. Von daher wird es dich nicht wundern, das zu meinen Lieblings Songs dieser Platte "Nadja", "Wenn du willst", "Zigeuner auf Zeit" oder "Cinderella" zählen. Da sind Dir (in teilweiser Kooperation mit Andreas Bicking) subtile Pop-Stücke gelungen, in die verschiedene interessante Stilmittel, etwa der Folklore einflossen, die auch inhaltlich einen Atem haben.Bei "Nadja" berührt mich das seelenvolle musikalische Thema ebenso wie der Textanspruch: "... das es so wichtig ist, wer mit wem mit grauen Haar'n die Sonne untergehen sieht ..". Im autobiografischen ",Zigeuner auf Zeit" fallen Wanderklampfencharakter und die Sensibilität der Geige angenehm aus einem ansonsten oft pompösen Soundteppich heraus, in "Wenn du willst" sind Klavier und Sopransaxophon erfrischend. Du kennst ja meine Neigung zu Liedern, die Geschichten erzählen, die in konkreten, treffenden Bildern Stimmungen und Situationen erfassen. Davon finde ich manches in "Heiss", "Zigeuner" oder "Regenbogen" - aber so ein richtiges Gänsehaut-Erlebnis fehlt noch... Schade. das der Gestus einer entschlossen sägenden Rockgitarre wie zu Beginn in "Keine Lust" nicht wieder auftaucht, sondern im Meer von Keyboardsounds verschwimmt. Ich glaub', so ein gerades, ungeglättetes Rockstück hätte vor allem der zweiten Plattenseite gut getan. In "Neue Skandale" klingt ja ein wenig Biß im Text und durch die Trommeln an.. . Dein Gesang gefällt mir, Höhepunkte werden mit der Expressivität und starken Textidentifikation in "Komm zurück" gesetzt. Das Deine Zweite gut klingt, handwerklich perfekt ist und Du mit Musikern wie lngo Politz, Andreas Bicking, Peter Rasym, Katrin Lindner oder Lothar Kramer die denkbar besten Mitstreiter hattest, brauche ich Dir ja eigentlich gar nicht zu sagen ... |