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16.10.2011 WDR Radio über Ostmusik.de |
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Manuskript Kirsten Becker ©2011 |
Beitrag: www.Ostmusik.de
Interviewpartner: Peter Günther, Niesky
Aus Enttäuschung darüber, dass nach der Wende die Musik der DDR und osteuropäischer Länder wie Polen, Ungarn und der ehemaligen Tschechoslowakei in den Medien keinen Platz mehr fanden, hat Peter Günther aus Sachsen vor 12 Jahren eine Homepage mit dem Titel www.ostmusik.de gegründet. Er will die alten wie aktuellen Schätze archivieren mit dem Ziel, Menschen für die Thematik zu interessieren, zu informieren und Erinnerungen wachzurufen. Dieser wesentliche Teil des Kulturguts – so schreibt er auf seiner Homepage - ist notwendig, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu aktivieren mit etwas, was stark macht, was hilft, mit dem täglichen Leben zu Recht zu kommen. Und gerade Musik, so schreibt er, kann verbinden, Gleichgesinnte zusammen führen, kann Gefühle erwecken, Gedanken freisetzen und vermitteln.
Kirsten Becker hat ihn in Niesky nahe der polnischen Grenze besucht.
Peter Günther: Es gab `ne Zeit zwischen 1995 und 1998, als die ostdeutschen Künstler wieder aus ihrer Versenkung, aus ihrem Schlaf auftauchten, und sehr von dem heimatlichen Ostdeutschen damals angenommen worden sind. Ich denk da an Puhdys, Karat, City und auch viele viele andere, (0.57) (…) die aktiv waren und fanden aber in den Medien keinen Platz. Sie wurden totgeschwiegen. Und nach vielen Nachfragen bei Sendern, auch Zeitungen wurde mir mitgeteilt: „Es besteht kein Interesse.“ Konnte ich nicht nachvollziehen, denn im Konzert der Puhdys in Kamenz, die jährlich dort auftreten zu Pfingsten, das ist wie ein Volksfest, das ist ausverkauft, da sind 11-12000 Leute da, und es hat in den Medien nicht stattgefunden.
Ja, und da dachte ich … kennst dich doch am Computer aus und hab angefangen, die Seite Ostmusik.de aufzubauen. Aus Spaß an der Freude und auch aus Wut und Aggression gegenüber den Medien.
Und die wurde dann mit den Jahren zum Selbstläufer. Viele Leute haben sich mit eingeklinkt, haben ihre Ergänzungen mitgeschickt, und so hat die Seite, die Homepage einen Umfang von knapp 7000 Seiten, worauf Portraits oben sind, Veröffentlichungen, was erschienen ist früher, was es heute noch gibt bis ganz aktuell. Es sind Lyrics hinterlegt, wo man Texte nachlesen kann. Denn meiner Ansicht nach – das, was geschrieben worden ist damals an Texten, ist zeitlos, und manches geht mir persönlich erst heute auf, was das bedeutet.
Und da ich auch gute Kontakte in den Westen habe, Leute kennen gelernt habe, die fragten: das ist ja tolle Musik, was da existiert, wieso ist das an uns vorbei gegangen? Das hat im Prinzip in mir noch einen Schub gegeben, weiter zu machen, weil ich auf dem richtigen Wege war. Und heute ist es so, dass ich viele Kontakte zu Musikern habe und das ganze Ding einfach angenommen wird.
Kirsten Becker: Das ganze Ding heißt www.ostmusik.de und der unermüdliche Vater von dem Ding heißt Peter Günther. Er ist in den Fünfzigern, klein und schlank, hat rund um die Glatze schulterlange Haare, schwarz weiß meliert. Er wirkt ruhig, selbstbewusst und wach.
Peter Günther: Es spielen auch viele Gedanken meinerseits da rein, wo ich beleuchte, was mich bewegt. Und diese Seite soll eigentlich versuchen, Leute zusammen zu führen, zum Nachdenken anzuregen und das mit Hilfe der Musik, das ist eigentlich der Hintergrund.
Es ist nichts zum Hören dort, es sind Daten und Fakten aufgeführt, sehr ausführlich dargestellt, d.h. Bandportraits, Künstlerportraits mit Veröffentlichungen. Konzertberichte sind drinne, Lyrics sind nachzulesen von Songs, also sehr viele Lyrics, von Schlager über Lied bis zur Rockmusik, Rezensionen, Plattenrezensionen, und allgemein persönliche Gedanken von Menschen, die sich mit der Musik und mit den Inhalten, die dort wiedergegeben werden, verbunden fühlen.
Das schließt nicht nur die DDR-Musik ein und die ganze ostdeutsche Szene, sondern auch die ganze Palette Ungarn, Polen, CSSR, und zum Teil auch Berichte sind dabei über internationale Konzerte, und die wächst und wächst, besteht aus Artikeln, Zeitungsberichten und ist sehr breit. Also dort auf Details einzugehen … einfach mal draufgucken.
Kirsten Becker: Vor vier Monaten hat sich Helmut aus Gelsenkirchen zum Segen von Peter Günther gemeldet, der beeindruckt war von dem gewaltigen Ostmusik-Archiv. Er hilft nun, die noch unbearbeiteten Datenmassen in die Homepage einzupflegen und die Seite zu aktualisieren.
Peter Günther: Ich denke mir, dass es in den alten Bundesländern genauso fantastische Künstler gib. Ich hab jetzt einige Sachen kennengelernt, wo ich sagte, ey, wieso kennst du das nicht? Ich kann’s nicht kennen, weil es in den Medien genauso unterdrückt wird. Und das geht den Bürgern in den alten Bundesländern mit der Ostmusik genauso.
Für mich ist Musik ein Transportmittel für eine geistige Haltung. Sie gibt mir Halt und Zuversicht. Da kommt in mir ein Gefühl zum klingen, Musik kann das ja, wobei die Texte sicherlich aufgrund der Strukturen in dem Staat eine Riesenrolle gespielt haben.
Kirsten Becker: Trotz der Informationsfülle hat es Peter Günther geschafft, die Homepage übersichtlich zu halten. Sie lässt sich intuitiv durchstöbern, und die vielen Eintragungen der Besucher und Mitschreiber eröffnen ein interessantes Bild über die emotionale Nähe und den Stellenwert der einzelnen Gruppen. So gibt es neben sachlichen und fachlichen Informationen ein Forum, ein Gästebuch, Besucherpost, eine Tauschbörse, jede Menge Links und Umfragen und Insiderinformationen.
Und wenn Peter Günther sein umfassendes Wissen auf den Tisch legt, dann gibt es kein Halten mehr.
Peter Günther: In den 70er Jahren … weil das Bedürfnis unter den Jugendlichen da war, aber eine eigene Musik der DDR war noch nicht vorhanden richtig, sondern nur begrenzt, hat man sehr viel auf die ungarische, polnische und die Musik der ehemaligen CSSR zurückgegriffen. .. ich denke da an Anawa aus Polen oder Maryla Rodowicz oder die Bazillen mit Vazlav Neczkar aus der CSSR, Hotel, Prudy, Ungarn Bergendy, …, Omega, Skorpio, General, Fonograf – die Palette kann man ewig weiter fortsetzen.
Kirsten Becker: Nach dem Interview sitzen wir Stunden vor seinem Großbildschirm im Wohnzimmer. Peter – wir duzen uns jetzt - legt eine DVD nach der anderen mit Konzertmitschnitten ein, und ich bin überrascht, wie wenig ich von all dem kenne.
Peter Günther: Das ist das 3000ste, von dem ich vorhin gesprochen hab – wahnsinnsguter Text, und es geht ab!
Kirsten Becker: Wir wippen ein Stück Ostalgie gemeinsam auf dem Sofa, eine wahrlich schöne Begegnung.