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Interview mit "László Tolcsvay" |
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Interviews |
19.10.2007 - Berlin |
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danke Thomas ( keletizene.de ) - Übersetzer im rockradio-Studio : Jóska Robotka / Foto Dietmar |
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Frage : Eben noch im
Kato bei den
Transsylvanians im Proberaum zur gemeinsamen Session und jetzt schon auf
der Couch bei rockradio.de zum Interview... Wie wurde aus dem kleinen László
der große Tolcsvay ùr? Láslzó Tolcsvay : Seit meiner Kindheit spiele ich Gitarre - schon mein Vater war Musiker - und begann Anfang der sechziger Jahre, zusammen mit meinem großen Bruder Béla, in verschieden Gruppen Rockmusik zu spielen - das waren jedoch alles reine Amateurbands und wir coverten natürlich die Hits der damaligen Zeit, also Stones, Beatles und all das, was gerade in den Hitparaden hoch- und runter lief. Ich saß damals noch am Klavier, später bin ich dann auf Gitarre, Gesang und verschiedene Volksinstrumente umgestiegen. |
Inzwischen hatte ich
erste eigene Titel geschrieben, mein Bruder steuerte die Texte bei und so
gründeten wir 1967 das Tolcsvay-Trio. Dritter Mann im Bunde war Gábor Balázs an
der Bassgitarre. Es war damals für uns sehr, sehr wichtig auf akustischen
Instrumenten zu spielen und trotzdem als Rockmusiker wahrgenommen zu werden,
wollten wir doch eine Verbindung zwischen dem traditionellem Liedgut und
moderneren Klängen herstellen wie es im Westen, in Amerika,
Bob Dylan - eines meiner großen Vorbilder - getan hat.
Das Tolcsvay-Trio wurde im Laufe der Zeit personell erweitert, weil dadurch
nicht nur ein größeres Klangspektrum möglich wurde, sondern ich sehr gern mit
mehreren Menschen gemeinsam musiziere. Inzwischen waren wir auch in intensivem
Kontakt zu den
Illés-Leuten und es entstand eine richtige Freundschaft zwischen uns und
natürlich auch - nicht zu vergessen - mit
Zsuzsa Koncz. Für sie schrieb ich seit 1970 die Titel und seit dieser Zeit
bin ich auch - das kann ich ruhigen Gewissens hier sagen - ihr Hauskomponist.
1974 kam es zur Verschmelzung des Tolcsvay-Trio mit den Musikern von Illés,
insgesamt zehn Jahre lang traten wir gemeinsam unter dem Namen
Fonográf auf, natürlich auch außerhalb Ungarns, im gesamten Ostblock. Sicher
hatten wir auch Einladungen nach und Auftrittsmöglichkeiten in Westeuropa, das
war aber nicht immer so einfach, doch wir fanden unsere eigene Freiheit in
unserer Musik wieder. Unabhängig vom jeweiligen geographischen Ort haben wir uns
immer sehr wohl gefühlt, da das Publikum überall unsere Lieder mochte. Das
öffentliche Ende von Fonográf - offiziell ist die Band ja bis heute nicht
aufgelöst ! - ist lediglich der Tatsache geschuldet, das Levente Szörenyi keine
Konzerte geben, nicht mehr auftreten wollte. Ich selbst bin später oft gefragt
und eingeladen worden, um mit anderen Bands zu spielen, doch das wollte wiederum
ich dann nicht und habe mich fast ausschließlich dem Komponieren gewidmet. So
entstand auch die ´´Ungarische Messe´´...
DJ Fredi :
Das war eine ganze Menge Information.
Mir fällt da eine Anekdote aus dem Jahre 1975 ein, als Fonográf im alten
Friedrichstadtpalast - stand man hinter den Säulen des Zuschauerraums, so sah
man nicht viel - auftraten und der Bassist während des ganzen Konzerts auf einer
Stehleiter saß, sich kaum bewegte und nur nach dem Ende des jeweiligen Titels
seine Mütze kurz zum Gruß lüpfte, und - eine Verbeugung andeutend - auf den
nächsten Song wartete. Für mich ein Bild, das sich wohl auf ewig mit dem Namen
Fonográf verbindet.
Daran kann ich mich gut erinnern - hätte er sich mehr bewegt, hätte das Berliner Publikum vielleicht einen am Boden liegenden Bassisten gesehen...
DJ Fredi : Zum nächsten Titel vielleicht ein paar einleitende, erklärende Worte von Dir?
´´Nem én el´´ - Diesen Titel haben wir auch schon live in Ostberlin, der damaligen Hauptstadt der DDR, gespielt. Das war 1969, als ich hier zusammen mit dem Tolcsvay-Trio auftrat.
DJ Fredi : Du erwähntest vorhin schon die ´´Ungarische Messe´´. Könntest Du darauf etwas näher eingehen?
Die habe ich 1986
komponiert, weil ich mir sagte, dass der jetzige Zustand der Welt nicht von
Dauer sein könne, es muß sich so einiges verändern, muß neu gestaltet werden.
Leben ist immer etwas, dass in Bewegung ist, nichts statisches, nichts, dass für
alle Zeiten unveränderbar ist. So vielfältig wie das Leben selbst mit seinen
unbegrenzten Möglichkeiten, so vielfältig sollte auch die Musik der
´´Ungarischen Messe´´ sein und so vereinigte ich auch viele verschiedene
musikalische Richtungen darin, um dem Ausdruck zu verleihen, wie z. B. beim
folgenden Titel, worin eine Opernsängerin, ein Tenor und ein Rocksänger
gemeinsam zu hören sind.
Wie kamen überhaupt die Kontakte in die DDR zustande, wer hat euch eingeladen und eure Konzerte organisiert?
Wir bekamen vom
damaligen ´´Oktoberklub´´
eine Einladung, weil ein Jahr zuvor irgendeine ungarische Band in Ostberlin
auftrat, deren Programm wohl nicht so begeistert aufgenommen wurde. Die wurden
dann aufgefordert, doch mal was ´´Vernünftiges´´ zu spielen - und das war dann
ein Titel des Tolcsvay-Trios. Dieses Lied muß den Veranstaltern so gut gefallen
haben, dass sie beschlossen, uns einzuladen. Wir freuten uns natürlich über
diese Einladung, die Organisatoren sich ihrerseits über unsere Zusage , doch
groß war der Schreck, als sie unser ansichtig wurden : Langhaarige! Um Gottes
Willen! Pfui, pfui, pfui!
Das blanke Entsetzen also - und : wir durften nicht auftreten!
Da begann dann das große Beratschlagen, was zu tun sei - Stichworte
´´Parteilinie, Bruderland´´ - und so nach drei, vier Tagen erhielten wir dann
doch die Genehmigung auf der Bühne des
Babylon Filmtheater aufzutreten...
Das war dann unser erstes Konzert in der DDR und wir stellten - nicht zum ersten
Mal - fest, welch´ ´´fantastische´´ Macht doch die Politik über die Musik hat,
war das Konzert doch ausverkauft und für uns ein Riesenerfolg.
Hat man euch denn tatsächlich so empfangen mit dieser historisch-dialektisch unterfütterten Kritik an eurem Erscheinungsbild, wusste man denn nicht vorher um eure langen Haare?
Nein, man kannte uns nicht, wusste also auch nicht, wie wir aussehen. Die erste persönliche Begegnung fand erst kurz vor dem geplanten Auftritt statt.
Fonográf hat dann später ja auch einige Songs in deutscher Sprache produziert. Auf wessen Idee ist das zurückzuführen, hören sich doch eure Lieder im ungarischen Original wesentlich besser an und sicher geht dann auch einiges dabei verloren ?
Ich erinnere mich eigentlich nur an einen Titel, den wir bei diesem ersten Konzert im Babylon in deutscher Sprache spielten; das war dann mehr so eine freundschaftliche Geste. Was nun die Aufnahmen für die beim Rundfunk der DDR in der Nalepastraße produzierten Titel betrifft, weiß ich nur, dass es da einen Tontechniker gab, der unsere Texte übersetzte.
Musstet ihr in deutscher Sprache singen? War das die Voraussetzung für die Produktion, gab es da irgendwelchen Druck auf euch?
Ich denke nicht, dass das so war. Bei den Konzerten von Fonográf gab es nie einen Titel, den wir in deutsch vortrugen, einfach weil wir nicht so gut deutsch sprechen, dass wir dann auch perfekt in dieser Sprache singen könnten. Andererseits mussten alle ungarischen Interpreten und Gruppen, die in der DDR auch eine Single oder gar LP veröffentlichen wollten, dies natürlich dann auch in dieser Sprache produzieren - und das hat uns dann schon Spaß gemacht. Trotzdem weiß ich bis heute nicht, von welcher Qualität die Übersetzungen unserer Texte, die von János Bródy stammen, waren, ob sie originalgetreu oder nur ´´so in etwa´´ übertragen worden sind, denn János Bródy ist nicht einfach nur ein Texter, sondern ein sehr revolutionärer Dichter, wie es in Ungarn über ihn heißt. Da bin ich mir dann aber schon hundertprozentig sicher, dass es in der DDR auf gar keinen Fall möglich war, ihn eins zu eins zu übersetzen. Da wird es dann schon Kompromisse gegeben haben... Darum hatten wir auch seitens des Publikums nie eine Anfrage, ob wir bei unseren Konzerten nicht auch einige ´´deutsche´´ Lieder spielen könnten; die wollten uns nur im Original.
War es euch eigentlich bewusst, dass ihr - als ungarische Band - auch so eine Art ´´Westatmosphäre´´ ausgestrahlt habt ? Das traf natürlich auch für zahlreiche andere ungarische Gruppen zu, galt Budapest doch allgemein für den DDR-Bürger als das ``Paris des Ostens´´ - und aus diesem ´´Paris des Ostens´´ seid ihr ja alle gekommen. Habt ihr das vielleicht sogar gespürt, dass ihr mitunter so angehimmelt worden seid wie eine Band aus dem Westen?
Ja, das war schon
mein Eindruck, dass wir da auch so eine Art Stellvertreter-Funktion übernahmen,
aber das war nicht ausschlaggebend. Ich glaube schon, sagen zu dürfen, dass uns
das Publikum in der DDR geliebt hat. Sicher war es in mancherlei Beziehung in
Ungarn damals etwas entspannter und freier als im übrigen Ostblock, aber die
ungarischen Musiker hatten eben auch Eigenständiges vorzuweisen, es war eben
nicht einfach nur eine Kopie angelsächsicher Vorgaben und Klänge. Ich kenne
nicht nur ungarische sondern auch junge deutsche Mädchen, die auch heutzutage
unsere Titel auswendig kennen und singen können, die dazu tanzen und ihren Spaß
daran haben.
Ohnehin finde ich es sehr schön, wenn Musik die Menschen miteinander verbindet -
und wenn uns das auch mit unseren eigenen Liedern gelungen ist, um so besser!
Unser damaliges, deutsches Publikum war phantastisch, von Rostock bis Dresden
wurden wir überall sehr herzlich aufgenommen.
Mit der Politik dieses Landes haben wir uns natürlich nicht anfreunden können
und man muss kein Experte sein, um das beurteilen zu können - der stand jedes
einzelne Fonográf-Mitglied ablehnend gegenüber.
Nachdem wir nun einiges über vergangene Tage & Lieder gehört haben : Wird es denn Fonográf noch einmal live auf der Bühne und vielleicht auch mit eine neue Veröffentlichung, eine CD, eine DVD geben?
Im Jahre 204 gab es anlässlich des 30jährigen Bestehens der Band ein Konzert im Budapester Kis-Stadion, von dem auch eine DVD erschien. Heute stellt sich da schon die Frage, ob wir noch einmal etwas zusammen machen wollen, oder ob jeder für sich so in der Arbeit steckt, dass es schwierig wird, dass schon allein terminlich zu koordinieren. Die Frage ist natürlich auch, ob unser Publikum uns noch sehen und hören will und was jedes einzelne Mitglied der Band davon hält. An mir soll es nicht scheitern, ich bin sofort und sehr gern dazu bereit, kann aber eben nur für mich selbst sprechen. Und natürlich ist es auch eine Frage des Geldes : werden sich Sponsoren, wird sich ein Produzent finden... Lassen wir uns also überraschen!
Einmal habt ihr ja auch den Sprung über den ´´Eisernen Vorhang´´ gewagt. Wo war euer erster Auftritt im damaligen Westdeutschland und welchen Eindrücke nahmt ihr davon mit nach Hause ?
Auch hier kann ich
nur das Beste über das Publikum sagen, wir wurden sehr herzlich empfangen, das
war einfach klasse. Vieles hing natürlich auch von der Arbeit des Managements
ab, war es doch gerade in Westdeutschland verdammt schwierig, mit einem
osteuropäischen Ausweis in der Tasche dort jemanden zu managen. Zusammenfassend
kann ich aber sagen, dass es auch in Westeuropa sehr gut funktioniert hat.
Später dann, in den neunziger Jahren, war ich mit meiner ´´Ungarischen Messe´´
viel in den alten Bundesländern unterwegs, u. a. sind wir in der Dortmunder ´´Westfalenhalle´´
mit einem neunzigköpfigen Orchester aufgetreten, und es gab keinerlei Probleme.
Da wurde mir dann schlagartig bewusst, wie sehr sich alles verändert hat und um
so schmerzvoller dann auch meine Erinnerung an die siebziger Jahre, an die
Teilung Europas und die damit verbundenen Schwierigkeiten, mit osteuropäischem
Pass im westlichen Teil des Kontinents aufzutreten.
Fonográf traten zum Beispiel beim Festival in Cannes mit riesengroßem Erfolg vor
einem Publikum auf, welches sich in der Mehrzahl aus Managern und Vertretern
westlicher Plattenfirmen zusammensetzte. Nach dem Ende des Konzerts gab es für
uns Standing Ovations, doch dabei blieb es dann auch - die sich daraus
ergebenden Arbeitskontakte wurden einfach abgewürgt, man hatte bei uns
staatlicherseits kein Interesse und ´´wichtigere Fragen und Probleme des
Alltags´´ zu klären. So blieb für uns ´´nur´´ Osteuropa, aber auch das war
schön...
Der Fredi ist wieder mal die gute Fee und Tolcsvay László hat bei ihm die berühmten ´´Drei Wünsche´´ frei...
Eine gute Frage, aber
so richtig habe ich eigentlich keine Wünsche. Mein Leben hielt für mich so viele
schöne und große Überraschungen bereit, mehr - sehr, sehr viel mehr - als ich
eigentlich erwartet hatte. So bin ich beispielsweise der einzige Ungar, dessen
Werke auf englischen Musical-Bühnen aufgeführt wurden.
Wenn schon einen Wunsch, dann vielleicht, dass meine Werke, die nach der
Fonográf-Zeit entstanden, nicht nur in Süddeutschland aufgeführt werden, sondern
auch im Osten und Norden des Landes ihr Publikum erreichen können, aber auch
hier ist bereits ein Teil des Wunsches erfüllt, weil es davon schon Aufführungen
in über achtzig deutschen Städten gab.
So habe ich eigentlich nur einen Wunsch, einen Traum : Ich hasse die Gewalt und
so würde ich mich sehr freuen, wenn die Menschen besser aufeinander achten, mit
mehr Aufmerksamkeit einander begegnen und alle miteinander freund- und
friedlicher zusammen leben würden. Die Musik, die progressive Musik kann dazu
ihren Beitrag leisten.
Worüber freust Du Dich, wann geht bei Dir im Herzen die Sonne auf ?
Jetzt z.B., wenn ich hier bei euch bin oder wenn ich mich an das erwähnte Konzert im Friedrichstadt-Palast erinnere. Es ist eine gute Sache, wenn Menschen, die in einem anderen Volk, in einer anderen Kultur aufgewachsen sind, gleiches oder ähnliches wie ich empfinden, fühlen können. Über diese Momente gemeinsamer Schwingungen kann ich mich sehr, sehr freuen. Ich bin nicht der große Träumer, der glaubt, mit seiner Musik die Welt verändern zu können. Das schafft keiner allein, aber solche Begegnungen wie hier jetzt zum Beispiel tragen dazu ein winziges Stückchen bei...
Und was ärgert Dich, was treibt Dir den Blutdruck in gesundheitlich bedenkliche Höhen?
Da möchte ich Dir mit
einem Bild, einem Symbol antworten. Wenn jemand auf der Straße mit seinem Auto
einen gewissen Platz beansprucht - sagen wir mal vier Meter - und sich um diesen
Platz sein ganz Leben dreht, dass die Welt für ihn oder sie praktisch nur
innerhalb dieser vier Meter existiert und alles andere außerhalb seiner
Wahrnehmung liegt und dann dazu noch diese Sichtweise als universelle Wahrheit
dogmatisiert wird...Dieses sture Beharren auf dem, was ist und nicht zu träumen,
von dem, was sein könnte...
Wenn du nicht mehr träumen kannst, dann ist das Leben vorbei!
Wenn Du Dich, nach all dem Stress des Alltags, abends zusammen mit Deiner Frau hinsetzt und den Tag harmonisch ausklingen lassen wollt, was legt ihr euch da für Musik auf?
Ich liebe vielerlei Musik. Was ich aber am liebsten in den CD-Player schiebe, sind dann absolute Favoriten: Einen davon kann ich Dir nicht sagen, aber diese hier schon : Beatles, Supertramp und Seal.
DJ Fredi : Wir bedanken uns sehr, sehr herzlich für dieses ausführliche Interview, wünschen viel Glück für das morgige Konzert und verabschieden uns natürlich mit dem Titel, unter dessen Motto auch das Konzert steht : ´´a show még tovabb - die Show geht weiter´´
