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Interview mit "Wacholder" 20.01.2008 - Potsdam |
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Interviews |
19.10.2007 - Berlin |
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... danke Thomas ( keletizene.de ) ... |
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Co-Fragiator: Volker Voss
Frage:
Seit ein paar Tagen seid ihr im Rahmen eurer Jubiläumstour ´´30 Jahre
WACHOLDER`` unterwegs. Wie läuft es bislang ?
Scarlett O´:
Bislang sehr gut. Die Konzerte sind gut besucht, die Menschen sind fröhlich, wir
sind fröhlich – alles schick! Wir haben am 14.Januar in Hainichen begonnen,
waren danach in Steinbach/Hallenberg, dann Halberstadt, Marienberg im
Erzgebirge, gestern im Erfurter Museumskeller und heute nun hier im Potsdamer
Lindenpark.
Frage:
Und die Leute, die zu euren Konzerten kommen, sind u. a. deshalb so fröhlich,
weil sie sich freuen, euch wieder zu sehen und zu hören…
Scarlett O´:
Ja genau, dementsprechend super ist auch die Stimmung.
Frage:
In der aktuellen
Folker!-Ausgabe steht zu lesen, dass es definitiv keinen Mitschnitt resp.
keine Live-CD von der Tour geben wird…
Scarlett O´:
Der Zeitpunkt, an dem dieses Interview geführt wurde, liegt ja nun schon ´n paar
Tage zurück, da befanden wir uns noch mitten im Stadium der Planung. Aber an
unserer Ansicht, nichts Live-haftiges zu veröffentlichen, hat sich nichts
geändert – definitiv! Es sind ja alles Titel , die wir mindestens schon ein-,
zweimal veröffentlicht haben und so halten wir eine erneute Veröffentlichung für
relativ sinnlos.
Frage:
Ihr habt euch beim Uni-Fasching im Februar1978 gefunden und WACHOLDER gegründet.
War das damals eher so eine Art - dem Anlass geschuldete - ´´Schnapsidee´´, oder
habt ihr euch gesagt, wir probieren das jetzt mal aus und sehen dann, was daraus
entsteht?
Matthias Kießling:
Ja, die altbekannte Geschichte…Es gab aber schon vorher, im Jahre 1976, den
eigentlichen Initiations-Ritus: das 1. Leipziger Folk-Festival, bei welchem ich
zum ersten Mal mit dieser Szene in Berührung gekommen bin. Ein Jahr später haben
wir uns alle drei in Cottbus als Studenten getroffen und es entstand die Idee,
es einfach mal mit der Folkmusik zu probieren, ob wir daran unseren Spaß haben
und wenn ja, wie weit und lang er uns trägt.
In diese Zeit fällt ja auch die Gründung von ´´Zupfgeigenhansel´´,
Hannes Wader machte seine erste reine Folk-Platte - das hat uns alles sehr
beeindruckt und so stellten wir im April ´78 unser erstes Programm auf die
öffentliche(n) Bühne(n).
Frage:
Es gab eurerseits aber schon ´ne eindeutig Präferenz für Folk…
Matthias Kießling:
Ja, das hat sich einfach so entwickelt…Damals waren auch einfach andere Zeiten.
Zunächst hast du
Radio Luxemburg gehört, später dann natürlich den ´´Treffpunkt´´
auf Rias2 und auch im DDR-Rundfunk konntest du mitunter gute Musik hören; also
nicht nur immer Rock, sondern auch mal ´n Titel von
Bob Dylan, Hannes Wader oder
Reinhard Mey, wobei ich natürlich hinzufügen muss, dass reine Folkmusik dann
doch eher Fehlanzeige war. Da lief dann vieles über Bekannte, so wie in meiner
Heimatstadt Plauen - da konnte ich mir dann
Dubliners-Platten anhören, z.B. die berühmte polnische ´´Irish Folk´´-
Pressung, welche so 1972/73 kursierte. Die eindrucksvolle Berührung mit
deutschem Folk war für mich die schon erwähnte
Volkssänger-LP von Hannes Wader aus der Zeit, in der er noch bei Philips
unter Vertrag war. Danach ´´Zupfgeigenhansel´´ - da bin ich dann richtig auf
den Geschmack gekommen. Dazu dann noch das von den ´´Folkländern´´
an der Leipziger Grafik-Hochschule organisierte erste Folkfestival, mit einer
Bandbreite von´´McPherson´s
Farewell´´ bis hin zu Wader-Sachen – das war schon sehr beeindruckend.
Unser erstes Programm bestand demzufolge dann auch aus ca. achtzig Prozent
dieser Volkssänger-Platte und Titeln von Leuten und Bands, die man sich so
auserkoren hatte, wie z.B. ´´Liederjan´´.
Frage:
Kennengelernt hab ihr drei euch aber erst an der Bauhochschule in Cottbus, oder
seid ihr euch zuvor schon mal über den sozialistischen Lebensweg gelaufen?
Scarlett O´:
Nee, nee – erst in Cottbus…
Jörg Kokott:
…und da gab´s einen legendären Fasching. Mit dieser Art von Musik hatte ich bis
dahin überhaupt keinen Kontakt – ich komme aus der Klassik, habe klassische
Gitarre gelernt – und habe während der Lehrzeit in einer Rockband gespielt,
(wenn man das mal so bezeichnen will…). Der erste Kontakt mit Scarlett und Kies
war wirklich bei diesem Fasching, wo wir uns alte deutsche Trink- und
Studentenlieder herausgesucht hatten…
Scarlett O´:
…das war im Februar 1978 und daraus hat sich dann dieser WACHOLDER-Kern
entwickelt. Die Leute, die es interessiert hat, die ihren Spaß daran hatten,
sind zusammengeblieben.
Bei mir war es ähnlich wie bei Ko, ich hatte keinerlei Kontakt zu dieser Musik -
ich komme eher aus der Ecke, in welcher die Kirchenmusik ertönt – das heißt,
zwölf Jahre Kirchenchor in allen altersbedingten Varianten, vom Kinder- bis hin
zum Erwachsenenchor, danach war ich in Chanson-Projekte und Singegruppen
involviert. Deutschsprachig zwar schon, aber eben nicht in Richtung Folk, das
habe ich alles erst durch Kies kennen gelernt.
Frage:
Wie wurde eure Musik damals in der DDR von den offiziellen Stellen aufgenommen?
Scarlett O´:
Nett...
Matthias Kießling:
...Teils, teils, zum überwiegenden Teil aber doch eher problemlos, man hat es
eher positiv zur Kenntnis genommen, sagen wir mal so. Es hat eigentlich nie
ernsthaften staatlichen Stress gegeben, weil das natürlich auch über das gern
gespielte Spiel seitens des Publikums und uns (vielleicht auch seitens der
Offiziellen) lief, dass wir mit dem traditionellem Liedgut des 19.Jahrhunderts –
Stichwort 18. März 1848 – über Revolution und Veränderung, über das Reiben an
der Obrigkeit, singen und anhand dieser zweiten Ebene, geschichtliche Texte für
aktuelle Probleme zu verwenden, eine gewisse Aufmüpfigkeit zeigen konnten.
Aussagen, die man nicht so ohne weiteres öffentlich artikulieren konnte, im
traditionellem Gewande dann aber schon – und: es herrschte ein augenzwinkerndes
Einverständnis…
Jörg Kokott:
…gab es doch noch ein Publikum, welches verstand, zwischen den Zeilen zu lesen.
Heute habe ich den Eindruck, dass diese Fähigkeit in den letzten Jahren etwas
verloren gegangen ist.
Frage:
Ihr stellt aber nach wie vor aktuelle Bezüge zum Zeitgeschehen her?
Scarlett O´:
Natürlich, das ist unsere Absicht. Wenn wir damals etwas gegen Potentaten
gesungen haben, wusste es das Publikum durchaus richtig – also in unserem Sinne
- zu interpretieren. Und falls doch mal jemand mit dem erhobenen
historisch-dialektischen Zeigefinger kam – böse, böse! – konnten wir uns
natürlich ganz bequem zurücklehnen und sagen ´´Was wollt ihr denn? Das sind die
Lieder der unterdrückten Völker und Klassen der vergangenen Jahrhunderte, wir
haben die Texte ja nicht geschrieben, wir bringen sie nur zu Gehör´´…
Frage:
Etwas behördlichen Stress gab es dann aber doch einmal, ihr hattet ein
kurzzeitiges Auftrittsverbot im Zusammenhang mit der ´´Hammer-Rehwü´´
von
Wenzel &
Mensching. Betraf das ausschließlich WACHOLDER oder das gesamte Projekt?
Matthias Kießling:
In diesem konkreten Falle nur WACHOLDER. Die Geschichte ist etwas kompliziert
und für uns am Ende auch folgenlos geblieben. Das war ein Versuch, WACHOLDER
aus dem Verkehr zu ziehen – mit durchaus justitiablen Vorwürfen, unterstellte
man uns doch allen Ernstes ´´Aufwiegelung zum organisierten und bewaffneten
Widerstand´´ und ´´Diffamierung der sozialistischen Errungenschaften´´,
´´Beleidigung der Arbeiterklasse der Mongolischen Volksrepublik´´ inklusive.
Klingt wie ´n Witz, ist/war aber keiner. Letzten Endes, um die Geschichte mal
abzukürzen, erwies es sich jedoch als reine Luftblase.
Scarlett O´:
Ungefähr eine Woche hatten wir keine Berufsausweise…
Matthias Kießling:
...wir hatten durchaus Glück…
Jörg Kokott:
…wobei das Rundschreiben, dass die Gruppe WACHOLDER Auftrittsverbot hat, überall
ankam, das zweite, in dem die Aufhebung dessen stand, allerdings nicht. Da gab
es dann noch lange Zeit später erstaunte Gesichter. Aber wir haben es überlebt…
Frage:
Da seid ihr ja noch mal glimpflich davongekommen.
Ihr habt euch als Künstler kritisch mit der Situation in der DDR auseinander
gesetzt. Dann kam die Wende und mit ihr ganz neue Probleme für die Menschen
dieses Landes. Wie habt ihr diesen Prozess erlebt, wie seid ihr mit den
Veränderungen zurecht gekommen und wie habt ihr als Künstler reagiert?
Jörg Kokott:
Ich bezeichne das ja nicht als ´´Wende´´, lieber ist mir die Formulierung vom
``Großen Andersrum´´. Wenzel bringt das in einem seiner Lieder sehr schön auf
den Punkt, wenn er vom halben Land singt – immer nur die Hälfte. Jetzt haben wir
die eine Hälfte bekommen, vorher hatten wir die andere, aber niemals ein Ganzes…
Scarlett O´:
Ich empfinde es so, dass bei vielen Dingen die Texte - auf einer anderen
Bedeutungsebene – wiederum aktuell sind. Wir konnten also vieles übernehmen,
haben aber natürlich auch neue Texte, die vor allem von Kies kamen, ins Programm
genommen, Texte, die sich mit der konkreten Situation der Leute heute befassen
und von denen wir auch heute Abend einige bringen werden.
Jörg Kokott:
Die Gültigkeit der Texte hat sich ja noch 1993 hier in diesem Hause gezeigt, wo
wir die ´´Hammer-Rehwü´´ noch zweimal aufgeführt haben – ein nach wie vor
hochaktuelles Programm, trotz der vergangenen Jahre!
Matthias Kießling:
Einerseits gib es die ungläubig-erstaunte Reaktion ´´Was, so etwas durftet ihr
damals singen?´´, zum anderen hat sich die Anzahl der Probleme ja nicht
verringert, es sind nur andere. Dinge, über die man sich vor dreißig Jahren
keine Gedanken machen musste, stehen nun im Mittelpunkt des Interesses und was
damals problematisch war, ist heute kein Thema; die Wertigkeit hat sich einfach
nur verschoben. In existentiellen Dingen ist es ungleich schwieriger als früher,
hingegen ist bei Belangen des täglichen Lebens vieles einfacher.
Ein anderes Problem ist dagegen meine Erkenntnis, dass die Leute es heutzutage
etwas gröber brauchen. Da ohnehin jeder alles sagen kann, ist es auch relativ
uninteressant, was man selber sagt. Man fällt eigentlich nur noch auf, wenn man
die Hosen runterlässt. Auffallen um jeden Preis ist wahrscheinlich ein wichtiges
Kriterium, da muss man schon sehr genau überlegen, in welchem Zirkus man in
welchem Maße mitmacht.
Frage:
Habt ihr denn schon mal richtig die Hosen runter gelassen und seit dadurch auch
aufgefallen?
Scarlett O´:
Nöö-nöö…
Jörg Kokott:
Muss man nicht…
Frage:
Soweit ich als ´Westler´´ richtig informiert bin, habt ihr schon einige
Abschiedstourneen hinter euch. Ist das jetzt die letzte?
Scarlett O´:
Das ist schon interessant, denn wir haben nur eine einzige Abschiedstournee
gemacht, im Jahre 2001. Bei diesem Anlass haben wir gesagt, dass wir uns
eventuell/wahrscheinlich/ unter Umständen irgendwann bei einem Jubiläum noch
einmal zusammensetzen.
Diese Umstände sind nun vor einiger Zeit eingetreten, es gab viele Nachfragen
seitens des Publikums. So habe ich dann vor ca. zwei Jahren mal einige
Veranstalter angetestet – die Reaktionen waren nichts weniger als euphorisch und
dann haben wir uns also zu einer Jubiläumstour entschlossen – und hier sind wir
jetzt!
Jörg Kokott:
Die Reaktionen bislang haben uns ja auch gezeigt, dass es eine gute Entscheidung
war.
Die Veranstalter sind ganz glücklich, ausverkaufte Häuser zu haben – na gut,
gestern hätten vielleicht noch zwei, drei reingepasst, nur dass die dann nicht
mehr viel gesehen hätten – und die Reaktionen des Publikums sind mitunter
richtig rührend. Die Leute bedanken sich nach dem Konzert bei uns, erzählen von
ihren Erinnerungen, die sie mit WACHOLDER verbinden -
das ist eine sehr angenehme Erfahrung…
Frage:
Wisst ihr, wie eure Musik in den alten Bundesländern aufgenommen wird?
Scarlett O´:
Das kommt ganz darauf an. Wir sind ja bis 2001 auch in den alten Bundesländern
aufgetreten und da war es nicht viel anders als hier, das hat sich im Prinzip
nicht oder kaum unterschieden. Natürlich verbinden sie keine Jugenderinnerungen
mit uns, weil sie uns damals logischerweise nicht kannten. Aber es gab und gibt
da ja auch eine Folk-Szene, da unterscheiden sich die Reaktionen kaum. Bei der
jetzigen Tour haben wir das ja noch vor uns, das werden wir dann seh´n.
Matthias Kießling:
Teilweise hat es ja auch nostalgischen Charakter, wenn ich so an die Zeit
1979/80 denke. Da gab es z.B. Einladungen aus Köln zu einem Folk-Festival, bei
dem wirklich alles spielte, was in der Szene Rang und Namen hatte – durften wir
natürlich nicht hin. Doch die Leute, die uns damals eingeladen hatten, kamen
dann nach der Wende zu unseren Konzerten.
Jörg Kokott:
Auch bei meinen Solo-Konzerten kann ich da keinen Unterschied ausmachen ob
ehemals Ost oder ehemals West. Es gibt auf beiden Seiten enthusiastische, doofe
und kluge Köpfe.
Scarlett O´:
Genau!
Frage:
Seht ihr euch denn als ´ne ostdeutsche oder doch eher als ´ne gesamtdeutsche
Band, um diesen etwas abgegriffenen Ausdruck mal aufzugreifen?
Scarlett O´:
Sagen wir mal so: Wir haben im Osten elf Jahre und im Westen 12 Jahre, bis zur
Auflösung, existiert. Da kann man dann gewichten. Wir sind aber in dem Sinne ´ne
Ost-Band, weil wir uns eben da gegründet haben und dort auch die mediale
Aufmerksamkeit hatten, danach kam relativ wenig. Was also die Leute erinnern und
assoziieren ist dann halt meistens
die erste Platte und die Besetzung mit fünf Leuten.
Aber ich finde diese Kategorisierung ohnehin schwachsinnig.
Jörg Kokott:
Da wäre doch mal sehr interessant zu wissen, wie eine im Westen gegründete Band
auf diese Herkunftsfrage reagieren würde…Es gibt aber schon ´n paar
Auffälligkeiten. Nehmen wir mal die Jubiläumskonzerte zum 60.Geburtstag von
Wader oder
Wecker – da fällt dann schon auf, dass die Zahl der mitwirkenden, aus dem
Osten stammenden Künstler doch eher gegen Null tendiert…
Frage:
Habt ihr noch Kontakte zu euren ehemaligen Mitstreitern?. Oder gibt es gar ein
paar ´´special guest´´-Auftritte?
Scarlett O´:
Private Kontakte haben wir nach wie vor, aber ´´special guests´´ sind erst
einmal nicht geplant, es sei denn, jemand springt mal zwischendurch auf die
Bühne – vielleicht heute, das weiß man ja nicht vorher – oder der eine oder
andere Geiger kommt vorbei… Nee, das haben wir einfach nicht geplant, schon rein
vom Organisatorischen her war das gar nicht zu schaffen, zumal wir alle drei
auch in andere Projekte involviert sind und es bei uns drei Leuten schon
schwierig war, einen gemeinsamen Zeitplan für die Proben zu finden.
Jörg Kokott:
Wir haben freundschaftliche Kontakte zu allen ehemaligen Mitspielern und
telefonieren des öfteren miteinander.
Frage:
Könntet ihr eure Solo-Projekte etwas ausführlicher vorstellen?
Matthias Kießling:
Ich habe 2004 mein erstes Solo-Album veröffentlicht, an welchem ich bissel lange
gewerkelt hab´, weil es die ersten Aufnahmen seit 23 Jahren waren. Es ist ein
reines Folk-Album und ist sehr gut aufgenommen worden, worüber ich mich
natürlich sehr gefreut habe. Mit Titeln davon und noch einigen anderen Sachen
bin ich dann mit einem zweiten Gitarristen auf Tour gegangen. Dann gibt es noch
ein weiteres Projekt, das ist
Norland Wind, eine Celtic-Folk-Unternehmung, mit welcher wir immer, in
großer, achtköpfiger Besetzung, im Frühjahr und Herbst unterwegs sind. Das macht
sehr großen Spaß und ist eine völlig andere Baustelle; mit sehr viel gälischen
Einflüssen und auch davon gibt es wiederum noch
ein dreiköpfiges Side-Project mit Gitarre, Geige und Harfe, ebenfalls
keltisch-gälisch ausgerichtet. Dazu kommt dann noch meine Arbeit als
Studiomusiker und Kompositionen für den sorbischen Rundfunk.
Frage:
Du hast also gut zu tun und kannst von Deiner Musik auch leben?
Matthias Kießling:
Ja, ich kann nicht klagen...
Jörg Kokott:
Ich habe gerade eine neue CD, ´´Der Ring´´, herausgebracht, die sich auch gleich
mit einem Titel in der Liederbestenliste plazieren konnte. Inzwischen bin ich
mit meinem 60. Programm unterwegs. Dazu gehören natürlich auch die von
WACHOLDER, aber ich selbst bringe pro Jahr schon ein, zwei verschiedene heraus.
Parallel zum aktuellen ´´Ring-Programm´´ läuft noch das mit Texten von Heinrich
Heine weiter. Dann bin ich mit
Wolfgang Rieck als Duo unterwegs, ein weiteres Duo gibt es mit
Cordula Schönherr, eine der besten Geigerinnen der Folk-Szene, da spielen
wir, überwiegend instrumental, osteuropäische Folk-Musik. Wenn diesem Duo sich
der Bassist
Thomas Strauch hinzugesellt, nennt sich das dann ´´Bettelfolkband´´
und es geht querbeet durch die europäische Folk-Landschaft.
Nicht zu vergessen die drei Programme mit
Thomas Bruhn, die da heißen ´´Durst´´ , ´´Mehr Durst´´ und ´´Noch mehr
Durst´´. Die beiden ersten stammen von irischen, das dritte von – Freunde des
Volkes – russischen Autoren…
Ja und dann spiele ich auch noch viel für Kinder, da gibt es ebenfalls drei
verschiedene Programme und unterrichte außerdem an Schulen im
Literaturunterricht das Thema ´´Die deutsche Ballade´´.
Gut zu tun also, da muss man dann schon aufpassen, nicht zum ´´falschen´´
Programm zu greifen. In dieser Hinsicht sind die sieben Wochen am Stück jetzt
mit WACHOLDER - immer das gleiche Repertoire – für mich schon Entspannung.
Scarlett O´:
Ja, die pure Entspannung. Ich habe 1998 mein erstes Solo-Programm auf die Bühne
gebracht, mit Begleitung durch Meister Ko. Seitdem Jahre 2000 mache ich meine
Programme zusammen mit
Jürgen (Ehle), da laufen mittlerweile fünf Programme parallel. Jetzt sitzt
er gerade an der CD zu unserem allerneuesten namens ´´Fifty-Fifty´´, welches wir
im September fertig gestellt haben anlässlich unser beider – oh Schreck -
50.Geburtstage. Da, so dachten wir, sollten wir doch noch mal über das Leben im
Allgemeinen und über unseres im Speziellen neu nachdenken. So entstanden jede
Menge neuer Texte und Kompositionen. Jürgen spielt jetzt die Instrumente ein
und ich werde dann nach der Wacholder-Tour die Lieder einsingen. Wenn alles gut
klappt, wird die CD im April herauskommen - natürlich auch ´´Fifty-Fifty´´
betitelt.
Frage:
Woher nehmt ihr, bei dieser beeindruckenden Kreativität, die Anregungen, Ideen,
Inspirationen für eure Arbeit? Im ´´stillen Kämmerlein ´´ wohl kaum…
Scarlett O´:
Das ist bei wohl bei jedem anders. Bei mir heißt das: Augen und Ohren auf,
Stapel von Zetteln mit Notizen über alles, was man aufschnappt und sich endlich
trauen, selbst Texte zu schreiben. Für unser Weihnachtsprogramm hatte ich vor
ein paar Jahren schon mal einige Texte geschrieben und auch mal so zwischendurch
n´ paar Zeilen, aber nicht so intensiv wie jetzt, weil ich immer dachte, das
sollte ich lieber Leuten überlassen, die das besser können. Ich hatte den
Eindruck, dass, schreibe ich z.B. ein Liebeslied, dieses immer so furchtbar
kitschig wird, also lasse ich es lieber. Diesmal hab ichs gewagt und bin mit den
eigenen Sachen durchaus zufrieden. Das heißt aber nicht, dass wir völlig auf
Texte von anderen Schreibern/Dichtern verzichtet haben. Von Werner Karma z. B.
sind mehrere Texte im Programm und dann auch auf der neuen CD.
Frage:
Zu guter Letzt noch die unvermeidliche Frage nach der musikalischen
Initialzündung bei jedem von euch. Gab es da ein bestimmtes, prägendes
´´Erweckungserlebnis´´, sei es eine Band, einen bestimmten Titel, oder seid ihr
einfach so da hineingewachsen?
Scarlett O´:
Na eher rein gewachsen, da aufgewachsen in einer sehr musikalischen Familie. Ich
bin mit Musik groß geworden. Meine Oma spielte Klavier, meine Mutter Klavier und
Flöte, ich selbst habe dann noch vor der Schulzeit im Kirchenchor gesungen,
hatte im zarten Alter von sechs Jahren den ersten Klavierunterricht dort in der
Kirche bei einer ganz wundervollen Kantorin, die sehr auf ihre Schüler einging.
Mein Bruder z.B. wollte Trompete lernen, so hat sich die gute Frau erst einmal
selbst das Trompetenspiel beigebracht, um es dann auch meinem Bruder lehren zu
können. Sie hat Heerscharen von Buckower Kindern die Liebe zur Musik vermittelt.
Ich war also einer Fülle von musikalischen Einflüssen ausgesetzt, hauptsächlich
aber Klassik. Rock ´n´ Roll allerdings fand gar nicht statt, das konnte meine
Mutter nun überhaupt nicht ertragen, so nach dem Motto ``Klassik, Oper &
Kirchenmusik ist Kultur, alles andere nur Krach´´…
Jörg Kokott:
Mein Vater ist Gitarrist, hat viele Jahre Tanzmusik in verschiedenen Orchestern
gespielt, hat auch Gitarre studiert, war zuletzt Professor für Gitarre an der
Hochschule in Dresden und hatte u. a. mit Jörg Masler und Jens Saleh auch sehr
prominente Schüler. Ich hatte also gar keine andere Chance, musste mit neun
Jahren anfangen, Gitarre zu lernen, obwohl ich damals dazu nicht die geringste
Lust hatte. Heute aber bin ich meinem Vater dafür natürlich sehr dankbar. Meine
Schwester durfte dann Klavier lernen, das hätte ich wesentlich lieber gehabt.
Aber es war schon hilfreich, dieses Instrument spielen zu können, z. B. während
der Armeezeit, denn wenn man mit der Gitarre vor dem Bauch ein munteres Liedlein
singt, braucht man nicht im Stechschritt über den Hof exerzieren, das war dann
schon sehr angenehm…. Nach der Armeezeit dann das Studium in Cottbus, wo wir uns
kennenlernten und seit der Zeit mache ich Musik, abgesehen von einem kleinen
Abstecher in die Gastronomie…Aber Musik ist schon das Beste!
Matthias Kießling:
Ich ´´durfte´´ Klavier lernen, da war ich zehn Jahre alt. Die übliche Geschichte
halt, hast du doch in diesem Alter nun überhaupt keinen Bock auf Mozart. Also
hast du dich hingesetzt und mittels Tonband versucht, ´´
She´s (Like) A Rainbow´´ oder ähnliches den Tasten zu entlocken. Später
dann von
Keith Emerson und Ekseption
zu
Deep Purple, Bob Dylan und schließlich Hannes Wader, da hatte ich mir dann
schon im Eigenversuch erfolgreich Gitarre beigebracht, wollte ich doch auch so
wie die beiden letztgenannten spielen können. Musikalisch war ich offen für
alles, vom Jazz hin zum Free-Jazz, verschiedenste Festivals, schrägste
Perkussion-Performances mit Kettensägen und ähnlichem, um schließlich beim Folk
zu landen. Gehört, gesehen und gefunden könnte man sagen und seit 1978 dann
selbst dabei – bis heute...