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Interview mit "Waldi Weiz" 2008 |
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Interviews |
Thomas Behlert |
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Ein Gothaer Musiker war ab den 1960er Jahren maßgeblich daran beteiligt, dass die Heimat im Reich des Blues bekannt wurde. Er gründete die Funk und Blues Band Ergo, spielte später bei Engerling mit und tourt jetzt mit eigener Band durch die Klubs. Daneben zeichnet er Cartoons, Illustrationen für Kinderbücher und steht bekannten Musikern als Studiomusiker zur Verfügung. In seiner knappen Freizeit gab Waldemar Weiz der Thüringer Allgemeinen ein Interview:
*Ihre erste Band Ergo bestand aus Erfurter und Gothaer Musikern. Wer kam z.B. aus Gotha?
Waldi Weiz: Angefangen hat für mich alles in den Sechzigern. Ergo war in den Siebzigern meine erste Band nach meinem Grafikstudium in Berlin. Meine damalige Frau Angelika und ich waren anfangs die einzigen Gothaer. Da wir vor meinem Studium in Erfurt bei der beliebten Modern Blues Band gespielt hatten, erinnerte man sich unserer schnell, als wir wieder habbar waren. Der Name “Ergo” war der zweite Vorschlag, nachdem „PALMA KUNKEL” nicht genehmigt wurde Ergo wie -ALSO!- packen wir´s an.
Neu waren die Versuche, Bläser zu integrieren: die Erfurter Bernd Fränzel (Sax) und Dave Degel (sax, fl). Thomas Ludwig (Key), Olaf Schulz (bass), Bernd Saewe (dr) kamen aus Gotha und Umgebung. Das war die Kernbesetzung mit dem meisten Erfolg.
*In allen Lexika steht, dass Sie Thüringer sind. Wo sind Sie geboren, und fühlen Sie sich noch als Thüringer?
Waldi Weiz: Ja, von ganzem Herzen. Ich bin in Catterfeld , einem schönen Ort zwischen Georgenthal und Friedrichroda geboren und aufgewachsen. Die Besuche bei meiner Mutter und meiner Schwester genieße ich sehr und verzichte nie auf kleine Abstecher in den Wald und zu Orten meiner Kindheit. Da gibt es einen Bluesbaum, auf den ich mich immer verkrümelt habe, wenn ich traurig war oder Knatsch hatte mit den „Alten“. Genau diesen Baum hat man nun abgesäbelt, was ich wie eine Abnabelung empfinde von meinem Geburtsort.
*Wie fanden Sie zur Musik?
Waldi Weiz: Prägend war alles, was in den 50er und 60er Jahren passierte. Im Nachhinein bin ich glücklich, dass alles eins zu eins -wenn auch in der DDR- erlebt zu haben.
Mit sechs Jahren hatte ich eine kleine Quetschkommode, auf der ich in kürzester Zeit alles spielen konnte, was mir einfiel. Mit acht Jahren: Akkordeonunterricht und dann Mitarbeit in einer großen Akkordeongruppe. Vier Jahre später schenkte mir meine Mutter eine Klampfe, und mit vierzehn spielte ich damit, und mit dem Akkordeon, zum Tanz auf. Kein Mensch, der mir etwas zeigen konnte auf der Gitarre, und immer das glühende Ohr am Radio: AFN, BBC, NDR. HR...
Die Beatles mit “I want to hold your hand”, das hat mich umgehauen. Die erste Herrnsdorf-E-Gitarre von der lieben Oma, danach die erste Band „The Trabants“. Nun waren herausgezogene Stromstecker und Schlägereien mit den tanzenden Schneewalzerfans an der Tagesordnung. In diese Zeit fiel meine erste Begegnung mit dem Blues, die ich das Sieben-Neuner-Feeling nenne: Blue Notes zwischen Moll und Septime. Ich wollte nichts anderes mehr, suchte in dieser Richtung und probierte, meine Kollegen von der bereits gut funktionierenden Band „The Blackies” dafür zu gewinnen, was mir aber nicht gelang. Mit den „Blackies“ spielte ich regelmäßig im Jugendklubhaus Tambach Dietharz und später in der Stadthalle Gotha zum sonntäglichen Tanztee, meist in Konkurrenz zu den „Polars” und den „Mikados“. Zu dieser Zeit war Gotha eine Art „musikalischer Nabel“ der DDR - so glaubte ich zumindest. Es gab alles, was dazugehörte: kreischende Fans und ohnmächtige Mädels.
*Mussten Sie zu DDR Zeiten mit Verboten kämpfen?
Waldi Weiz: Ja, und irgendwie hat das alles nur noch geiler gemacht. Es ist gut, wenn man den Gegner kennt, man kann sich auf ihn einstellen. Viele werden von den üblichen Repressalien gehört haben. Manche erwiesen sich sogar als nützlich, wie z.B. Zwangsmusikschule. Die schärfsten Werkzeuge der zuständigen Organe waren alte Musiker in ihrem Neid auf die jungen. Ihrer Willkür unterlagen Einstufungsrituale, Spielverbote oder Auftrittsgenehmigungen sowie die Spitzeleien um die Einhaltung der 60/40 (60% DDR-Musik und 40% Lieder aus dem nichtsozialistischen Ausland) Regelung, die man gar nicht einhalten konnte. Verboten wurden meine Bands in all den Jahren häufig. Da genügte eine Schlägerei zwischen zwei Jungs wegen einem Mädel im Dorfsaal. Ich erinnere mich, wie sie an einem Abend plötzlich alle auf einmal hinter die Bühne kamen: Stasi, Volkspolizei mit Hunden und der ganze „Kultur“-Apparat. Einer von den „Kulturfunktionären“ fragte streng, was wir da die ganze Zeit gespielt hatten. Ich war 16 und irgendwie ging es mit mir durch und ich sagte: „Das ist ja wie im Dritten Reich!” Auf so etwas hatten sie nur gewartet, um den Abend und unsere Karriere als Musiker zu beenden.
Als ich merkte, dass jetzt was mächtig schief läuft für uns, schrieb ich einen Zettel mit einer Entschuldigung und warf ihn in den Postkasten des Rates des Kreises der Abteilung Kultur Gotha. Die Band wurde vorgeladen. Man zeigte mir die Ermittlungsakten - es drohten zwei Jahre Jugendhaft. Aber meine Entschuldigung, in der ich mich auf mein jugendliches Alter berief, war angekommen und somit wurde die Band nur für immer aufgelöst und ich bekam lebenslanges Spielverbot. Zu allem Überfluss hatte der Schlagzeuger an besagtem Abend beim Einzählen zur ersten Nummer „Rüssel raus!” gerufen, was im Saal über das Mikro als „Russen raus!” angekommen und unverzüglich weitergemeldet worden war.
*Wie ging es weiter?, schließlich durften Sie nie wieder spielen.
Waldi Weiz: Ich fühlte mich wie ein Aussätziger mit einer schlimmen Krankheit, bis eine Band aus Erfurt in der Gothaer Stadthalle spielte, sogar jede Menge bluesiges Zeug. Ich fragte den ahnungslosen Bandleader, ob ich mal spielen könnte. Das Publikum tobte begeistert, als es mitbekam, dass ich trotz Verbot spielen würde. Ich spielte, so gut es ging - nach einem Jahr Zwangspause. Das gefiel so gut, dass ich nach Erfurt zu einer Probe eingeladen wurde.
Erfurt erwies sich als eigene kleine Welt in der kleinen DDR: „weit” weg von den provinziellen „Organen” Gothas. Ich erlebte eine wunderbare Zeit in der erstaunlich modernen Szene unter Studenten in Weimar und Jena, mit Leuten wie Jürgen Kerth, Gotte, Garageplayers (später Bayon). Später bekam ich eine Sonderklasseneinstufung (die höchste Einstufung im Amateurbereich), vermutlich weil man von meinem lebenslangen Spielverbot für Gotha in Erfurt nichts wusste. Neben der Musik, ohne die ich nicht sein kann, für die ich aber keinen „akademischen Abschluss” hatte, entschied ich mich für eine Studienbewerbung als Gebrauchsgrafiker, um mir mein Brot mit Zeichnen und Gestalten zu verdienen.
*Sie sind ein gefragter Studiomusiker, wirkten bei zwei Alben von Mitch Ryder mit. Bei welchen bekannten Musikern spielten Sie außerdem?
Waldi Weiz: Es ist natürlich großartig, wenn man solchen Musikern persönlich begegnet ist und mit ihnen etwas Brauchbares machen konnte. Einige interessante Begegnungen verdanke ich meiner dreijährigen Zeit bei den Engerlingen, z.B. Live-Auftritte mit Meat Loaf, Canned Heat, Walter Wolfman Washington und Chaka Khan.
Da ehemalige Mitspieler und Freunde meiner Band z.B. Studios besitzen, werde ich immer mal gerufen, wenn es um Blueslicks und-solos geht, z.B. für Mitch Ryder, Engerling und Angelika Weiz. Das kann ich am besten. Aber im Wesentlichen beschränkt sich das auf Berlin.
*Nach längerer Zeit nun dieses wunderbare Album “Live im Yorckschlösschen” von Ihnen. Warum erscheint so etwas erst jetzt, da Sie schon lange dem Blues verbunden sind?
Waldi Weiz: Ich habe es wohl nie so forciert, und dann die vielen Hochzeiten auf denen ich tanze, und dann die ewige Frage des Geldes. Dieser Mitschnitt des Waldi Weiz Quartetts entstand dank der Initiative von Manne Pokrandt, dem Bassisten der Engerlinge, der auch ein eigenes Studio betreibt und mit dem ich häufig zusammenarbeite und war nur möglich durch die Beteiligung eines Sponsors. Von meiner alten Band Ergo gibt es auch noch wunderbare Aufnahmen, die ich bearbeitet habe und dem Buschfunk vorlag, damit es wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Aber dort sagte man mir, dass dafür kein Interesse besteht.
*Sie gaben bekannten Songs eine eigene Note. Wie trafen Sie die Auswahl? Sind es Lieblingssongs?
Waldi Weiz: Manchmal entwerfe ich eine Musik und habe keinen eigenen Text. Und dann finde ich etwas Passendes in Nummern, die es schon gibt. Anfangs habe ich diese spezielle Art des coverns in komplett neuer Vertonung als Übergangslösung benutzt und bin dabei geblieben. Bluestexte unterliegen ja, ebenso wie der Blues selbst, bestimmten Regeln. Für Außenstehende könnten die Wiederholungen unvariiert leicht in Langeweile ausarten. Deshalb versuche ich, unter Verwendung anderer Harmoniestrukturen und Rhythmen mehr Pep und Abwechslung in die Sache zu bringen.
Und ansonsten spiele ich die Sachen einfach so, wie sie bei mir ankommen, mit meiner Gitarre, meiner Stimme. Ich will nichts einfach kopieren.
* Auch als Illustrator sind Sie bekannt, und als Cartoonist. Da man mehr den Musiker Weiz kennt, wäre es schön, wenn man darüber Genaueres erfährt.
Waldi Weiz: Schwierig, schwierig. In der DDR war „Gebrauchsgraphiker” ein hoch angesehener Beruf, in dem ich seit meiner Mitgliedschaft im „Verband Bildender Künstler“ der DDR 1979 bis heute tätig bin. Dabei kommt mir die Verbindung zur Musik zu Gute, da immer mal Cover, Flyer und Poster gebraucht werden. Aber für Einzelkämpfer wie mich ist es sehr schwer geworden. Mehr als die reine Arbeit am PC interessiert es mich zu zeichnen und zu illustrieren: Lehr- und Kinderbücher, Karikaturen und Cartoons. An Ideen hat es mir noch nie gemangelt, beim Zeichnen ebenso wenig wie in der Musik.