Jessica Presse 1984

Junge Welt  07.12.1984

 

Erfolg stachelt den Ehrgeiz an
Waltraud Heinze
 
JW-Gespräch mit der beliebtesten Amateurband '84 ,,Jessica"
Auszeichnung und Konzert am 10. Dezember beim ,,Berlin-Knüller"
 

Erst seit November '83 gibt es "Jessica" in der Besetzung Olaf Becker (Schlagzeug), Andre Drechsler (Gitarre), Ralf Böhme (Keyboards), Janek Scirecki (Bass) und Tino Eisbrenner (Gesang), und im Dezember '84 seid ihr schon zur beliebtesten Amateurband des Jahres gekürt. Was sagt ihr zu diesem Erfolg?

Erstaunt waren wir. eben weil wir uns diesen Erfolg für eine dienstälteste Band ausgerechnet hatten. Wir kamen ja recht schnell zu Produktionen und Fernsehauftritten, vielleicht hat dies ein wenig mitgeholfen. Danke an alle die für Jessica stimmten. Wir sind uns der Verantwortung bewußt, die wir mit diesem Vertrauen erhalten haben.

Von unseren Amateurgruppen wünsche ich mir, da6 jede ihren eigenen Stil hat, denn noch hört es sich  bei vielen nachgemacht an. "Jessica" hat eine eigene Richtung", begründet Anett Mietke aus Hoyerswerda ihre Stimme für euch. Was macht für euch diesen viel zitierten eigenen Stil aus?

Eigentlich halten wir von diesem Begriff nicht sehr viel. Er hat etwas Einengendes, und wir sind für Flexibilität, für Vielfalt in der Musik. Eine Gruppe wird am Sänger erkannt und daran, wie die Gitarre gespielt wird. Ansonsten aber sollte kein Titel wie der andere klingen. Wir möchten in viele Musikrichtungen gehen, wie z. B. mit unserem sommerlichen Calypso oder auch dem Bluesrhythmus in "Ich beobachte dich".

Ich finde es toll, daß die Gruppe fast ausschließlich eigene Titel spielt. Dabei spricht sie mit ihren Texten Probleme an, die gerade aktuell sind die junge Leute betreffen, schreibt Nicola Oßwald aus Waltershausen. Tino, woher nimmst du die Gabe, Empfindungen deiner Altersgefährten so treffend in Worte zu kleiden?

Mir ist das noch gar nicht so bewußt geworden. Ich hatte einfach schon immer Lust, mich auszudrücken. Schrieb riesig gern Aufsätze, verfaßte Texte für unsere Schulsingegruppe und lernte dabei Stück für Stück dazu. Ich habe gar nicht erwartet, daß sich meine Ansichten und Absichten mit denen so vieler junger Leute treffen. Eher meinte ich, meine Texte seien für 16-17jährige zu ernst. Denn ich singe ja Titel, die zwingen, sich selbst zu befragen, nach der Qualität der eigenen Beziehung zur Umwelt, zu anderen Menschen. Mich freut die Resonanz darauf sehr.

Viele Leser brachten in unserer Umfragepost zum Ausdruck, daß sie an die Musik von Amateurgruppen mit den gleichen hohen Erwartungen herangehen wie an die von Berufsformationen. Belasten euch diese hohen Ansprüche? Immerhin übt ihr Elektromonteur, Feinblechner, Musik Student und Korrektor aus.

Zuallererst zählen die Ansprüche, die wir selbst an uns stellen. Wenn .z. B. Janek zu Tino sagt, "dein Text taugt nichts", dann denkt Tino neu nach. Mit den Ansprüchen des Publikums werden wir eigentlich erst konfrontiert, wenn wir mit unseren fertigen Liedern auf der Bühne stehen. Dann kommt es darauf an, sie an den Mann zu bringen. Unterschiede entstehen zwischen Amateur- und Berufsgruppen dabei schon, aber weniger in der musikalischen Güte einzelner Lieder als in der konzeptionellen Geschlossenheit des Programms. Da fühlen wir uns natürlich angestachelt, all unsere Kraft zu mobilisieren, viele Ideen zu investieren, um den durch professionelle Konzerte vorgeprägten hohen Erwartungen des Publikums mit Qualität zu entsprechen.

Die Amateurtanzmusik erfahrt bei uns viel gesellschaftliche Unterstützung. Ich denke an Förderverträge, Wettbewerbe, Vergleiche usw., auch an die zunehmende Medienverbreitung. Steht dies alles in einer Wechselwirkung mit euren Leistungen?

Die Gesamtheit der Angebote bei uns ist eine prima Sache. Wir wurden durch eine Fördervereinbarung mit dem Berliner Haus für Kulturarbeit auf die FDJ-Werkstattwoche in Suhl vorbereitet, konnten im Tonstudio Kogel produzieren. Aber wir müssen aufpassen, daß sich so nicht die Einstellung einschleicht. es ginge auch ohne große eigene Anstrengungen einfach und leicht voran. Wir machen uns immer wieder bewußt, daß wir an uns noch ganz schön arbeiten müssen. Sich einen gesunden Ehrgeiz, Wettbewerbsgeist bewahren, ist wichtig. Und ebenso: nicht in Selbstzufriedenheit , zu verfallen, Bildungshunger über die musikalische Praxis hinaus zu entwickeln.

Welche Plane habt ihr ?

Am 14. und 15. Dezember treten wir in Leipzig vor dem Konzert Roger Chapmans auf. Dann machen wir im Dezember noch bei "He du" im Fernsehen mit und produzieren beim Rundfunk zwei neue Titel.