Rezension Tino Eisbrenner 1989

Melodie & Rhythmus 10/1989

Wolfgang Lange

 

Wieder einmal: So ein sympathischer, aufgeweckter junger Sänger wie TINO EISBRENNER, und ein so freudloses Plattenergebnis in Gestalt von zehn Liedern, für die vornehmlich der Komponist Ralf Böhme und der Textautor Tino Eisbrenner verantwortlich zeichnen. Vorwerfen kann ich mir nicht, der Sache nicht aufgeschlossen gegenübergestanden oder ihr nicht durch Gründlichkeit entsprochen zu haben. Immerhin hatten mich die Gruppe "Jessica" und TINO stets interessiert.

Im Gegensatz zur ansonsten gemachten Erfahrung, dass - bei anderer Gelegenheit - manche vorerst spröde anmutenden Songs einem immer näher rückten, je häufiger man sie sich zu Gemüte zog, trat bei der TINO - LP ein anderer Rezeptionseffekt ein: Es wurde immer langweiliger, immer größere Gleichgültigkeit stellte sich ein, der positive Gesamteindruck, um den man ja bis zum Letzten kämpft, ließ sich nicht erzwingen. Gewiss, das gehört ja auch dazu und ergäbe Möglichkeiten, die positive Kurve zu fahren:

Die instrumentale Seite der Schallplatte befriedigt einen sehr wohl, die Gediegenheit des Könnens solcher Musiker wie Ralf Böhme (Keyboards), Andre Drechsler (Guitar), Michael Behm ( Drums ), Olaf Becker (Drums), Volker Schlott (Saxophon), Edda Timmermann (Backing Vocals) - um nur die häufigsten und exponiert eingesetzten zu erwähnen - wird allenthalben offenkundig, doch instrumentales Können setze ich voraus bei Medienproduktion. Und in dieser Hinsicht bin ich, wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, von Amiga auch noch nicht enttäuscht worden, nicht auf dem Sektor Rockmusik.

Nun ist diese LP weder reiner Rock noch reiner Pop, es mischt sich zu Gefälligem aus beiden Richtungen. Doch nur der Anspruchsvolle wertet Gefälliges als Positivum. Es macht mich traurig, wenn ich solche Musik und solche Texte höre. Die von den "Kleinen Mädchen", die in Mutters Kleiderschrank die aufbewahrten Fummeln aufstöbern und sommers sich so auf der Strasse zeigen, das es gut tut, ihnen zuzusehen, ihnen, den kleinen Mädchen, die wieder mal aufs Ganze gehen ..., die von dem Verliebten, der seiner Angebeteten rettungslos verfallen ist und immerhin erkennt "du trinkst mein Blut wie ein Vampir, ich sterbe für dich ..." ...; die von den unbekannten Mächten, die ihn geboren, ihn stark gemacht und nach oben gebracht haben ... (reinste Metaphysik); die von ... ach, lieber TINO EISBRENNER, es ist ihre Stärke nicht, das Texte machen.

Man hat zumeist das Gefühl, das Sie weder ihre Texte auf den Punkt bringen, noch einen geschärften und trainierten Sinn für die unerlässliche Wirkung des Formalen haben. Alles kreist von Spontaneität (?) angetrieben in sich und verhindert, das man - beispielsweise - den Titel "Money", in dem es u.a. heißt "wir pfeifen auf die Welt, wir haben Geld", vielleicht doch als ironischen Text ansehen und erkennen könnte. Aber es ist nicht das einzige, das mich hinsichtlich seiner wirklichen konkreten Aussage ratlos macht. Und hat nun ein Text diese glücklicherweise, wie "Tief in mir" (du kannst mich erkennen, wenn du tiefer in mein Wesen eindringst), dann kommt als alt - neuer Notstand, dass alles so unoriginell wie nur irgend möglich mitgeteilt wird.

Was mache ich nun mit solchen Texten, da ich nun mal den Anspruch habe: Es darf nicht die neuerliche Wiederholung dessen sein, was mir in dieser Weise schon ... zig mal mitgeteilt wurde? Und Ralf Böhmes Musik leistet zu wenig, als dass das Ganze den Anschein erwecken könnte, hier werden einem alten, immer wieder neuen Thema neue Nuancen hinzugewonnen. In der Musik Böhmes, der in fast allen Titeln als Autor mitmischt, ist alles beiläufig, zu unerheblich, zu blass in der musikalischen Erfindung, zu einförmig in der dramaturgischen Struktur. Kein Titel, der mal durch sorgfältigen Spannungsaufbau auffällt, geschweige denn mitzureißen in der Lage ist. Oder liegt es auch an der hellen Sprödigkeit der sympathisch und ungekünstelt klingenden Stimme TINO EISBRENNER`s, die für einen langsamen Titel wie "Ich sterbe für dich" nicht genügend tragfähiges Volumen hat, also Grenzen einer hier doch erforderlichen Expressivität aufgezeigt bekommt, was einem umso deutlicher wird, als der instrumentale intensive Zwischenteil (u.a mit dem Gast Wolfram Bodag an der Hammond Orgel) diese Expressivität hat?