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Melodie & Rhythmus 8/1984 |
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Juckreiz - Aus der Sicht eines Sympathisanten |
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Walter Cikau |
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Es war im Herbst 1982 als mich ein Kollege anrief und mir einen ganz heißen Tipp von einer irren neuen Band gab. Ihr Name sei JUCKREIZ, sie käme aus Magdeburg und sei der Renner aller Studentenklubs von Rostock bis Ilmenau. Ich war neugierig geworden und erkundigte mich nach Auftrittsterminen. Irgendwie kam aber immer wieder etwas dazwischen, und es verging fast noch ein halbes Jahr bis zu meiner JUCKREIZ Premiere. Die war übrigens bei FDJ-Werkstattwoche Jugendtanzmusik in Suhl (Februar 1983) an einem dieser typischen, prickelnden Abende im Musikantenklub. |
Viele waren ebenso gespannt wie ich, es hatte sich unter Musikanten, Journalisten, Produzenten, Musikredakteuren bereits herumgesprochen, das da was passieren würde. Aurora Lacasa und Frank Schöbel konnte ich auch im Gewühl entdecken. Und dann ging's los:
Nur drei Akteure auf der Bühne und dazu ohne Schlagzeug, das war für unsere Rock- und Popszene zu der Zeit durchaus nicht alltäglich. Das Programm lief mit großer Spritzigkeit ab, die Tempi waren fast durchweg schnell und mitreißend. Es kamen so viel Spaß und Musizierfreude von der Bühne herunter, das wohl kaum einer der dicht gedrängten Zuhörer unerreicht blieb.
Die Sängerin Marion Sprawe fiel mir durch ihr ungebändigtes Temperament, durch ihre komödiantische Art, ihre Frechheit auf. Und außerdem konnte sie richtig gut singen. Der Gitarrist Jürgen Albrecht überzeugte mich durch seine moderne, handwerklich gekonnte Spielweise und den interessanten Sound. Und der Bassist Friedhelm Ruschak entpuppte sich als ein Original, hatte den Laden voll im Griff, sang mit, machte die Leute an, den Schalk im Auge, die Zunge ungezügelt.
Zu sehr, wie mir und anderen schien, und wie ihn dann auch anschließend sagte. Die Lieder von Juckreiz - fast ausnahmslos eigene - waren so originell und frisch, wie man es sonst nur selten von Amateurbands zu Ohren bekommt. Und dazu ebenso originelle und gut gemachte eigene Texte voll Spaß. Wie überhaupt das Ganze bisweilen einen leicht kabarettistischen Eindruck auf mich machte. Als ziemlich zum Schlug des Konzertes die Magdeburger Reggae-Play-Kollegen (damals noch mit Bläsern) auf die Bühne sprangen und mitmachten, war die Stimmung auf dem Höhepunkt angelangt. Ganz klar, das sich danach viele auf JUCKREIZ stürzten. Ich hatte Glück, denn ich war vorher schon mit Friedhelm verabredet, und so begann unsere gemeinsame Zusammenarbeit also an diesem denkwürdigen Abend im Suhler Musikantenklub.
Zur Vorbereitung einer Rundfunkproduktion trafen wir uns viele Male, hatten ausgiebige, kritische Gespräche. Natürlich hörte ich mir in der Folgezeit mehrere Konzerte an. Darunter auch die überaus interessante Variante mit akustischen Instrumenten, die heute leider nicht mehr praktiziert wird. Schließlich suchte ich mir für die Aufnahmen die Titel „FKK" und „Sticker aus Tallinn" heraus. Zur Produktion luden wir Blamu ins Studio ein, die auch gerne kamen, da sie schon öfter bei Konzerten gemeinsam mit JUCKREIZ aufgetreten waren.
Das wir „FKK" im Juni starteten, war natürlich äußerst günstig, und der Titel wurde ein richtiger Knaller (er ist es eigentlich heute noch!). Der „Sticker aus Tallinn" kam nicht besonders gut aufs Band. Ich musste einfach daraus selbst die Lehre ziehen, das man Live-Spaß nicht so ohne weiteres in die sachliche - und noch dazu ungewohnte - Studio-Atmosphäre übertragen kann.
Im September trat dann Marion Sprawe als Delegierte des Bezirkes Magdeburg beim kleinen Schlagerfestival „Goldener Rathausmann" in Dresden auf, wo sie Publikumsliebling wurde und einen beachtlichen 2. Platz belegte. Ihren Titel „Jahrmarkt der Eitelkeit“ produzierten wir auch im Rundfunk. Allerdings lief er nicht so gut wie „FKK“. Dieser platzierte sich ja bekanntlich nicht nur hervorragend in nahezu allen Rundfunk-Wertungssendungen, sondern schaffte auch im Fernsehen den erfolgreichen Start in „Sprungbrett" und konnte sogar den „Silbernen Bong" erringen.
Doch sich auf solchen Lorbeeren ausruhen, wäre der Anfang vom Ende. Die musikalische Mode hatte sich inzwischen deutlich verändert, international hatten sich bereits andere Trends durchgesetzt. JUCKREIZ war im ganzen Land bekannt, hatte seinen immer mehr werdenden Anhängern seit Monaten ein ziemlich unverändertes Programm zum Teil mehrfach vorgestellt. Zudem stand die Teilnahme am VII. Interpretenwettbewerb der Unterhaltungskunst der DDR im März 1984 in Karl-Marx-Stadt zur Debatte. Da hieß es also neue Lieder schreiben und das Programm spürbaren Veränderungen zu unterziehen. Neue Rundfunkaufnahmen waren vorzubereiten. Ich freute mich, das von der Band Demos mit Funky- und Rap-Elementen kamen, überredete sie, bei der nächsten Produktion unbedingt solche Titel aufzunehmen.
So entstanden „Zeck, Zoff, trouble en masse" und „Da muss ein Mann her". Den stilistischen Wandel hat JUCKREIZ gut bewältigt, und wenn man sie live mit einem jungen Breaktänzer aus Magdeburg erlebt, ist das schon sehr überzeugend. Jedenfalls muss die Beratergruppe in Karl-Marx-Stadt ebenso empfunden haben, sonst hätte sie JUCKREIZ keine „Anerkennung" für die Teilnahme an der „Werkstatt" des Interpretenwettbewerbes ausgesprochen. Meine jüngste Begegnung mit Juckreiz war beim Nationalen Jugendfestival der DDR während der Generalprobe zur Jugendrevue im neu erbauten Friedrichstadtpalast. Es hat sich einiges verändert: Peter Piele (ehemals Elefant) saß am Schlagzeug und am Keyboard war die junge Weimarer Musikstudentin Viola Woigt.
Friedhelm erzählte von neuen Ideen und Projekten, und so kann man schon gespannt sein, wie es mit dieser hoffnungsvollen Band weitergehen wird.