Karat Presse 1995

Berliner Zeitung  30.05.1995

   

Wege über sieben Brücken

Björn Wirth

Karat-Konzert mit vielen Gästen zum 20jährigen Bühnenjubiläum

Anita Moog ist mit der ganzen Familie gekommen. Bei jedem Lied singen sie und ihr Mann mit, nur die drei Kinder stehen etwas lustlos daneben. "16 war ich, da hat mir mein Freund 'ne Platte von Karat geschenkt. Fand ich ganz gut, die Ost-Band. Und irgendwann Ende der 70er war ich das erste Mal bei denen im Konzert in Köln."

Karat feierte am Sonntagabend auf der Trabrennbahn Karlshorst sein 20jähriges Bühnenjubiläum, und dazu waren keineswegs nur Zuhörer aus dem Osten gekommen. Auch im Westen hatte die Band eine für damalige Verhältnisse große Popularität. "Etwas reifer sind wir geworden", sagt Sänger Herbert Dreilich heute und kann den Menschenauflauf kaum fassen. Die Tribüne auf der Trabrennbahn Karlshorst ist schon voll, als MTS den Abend einläutet. Herrliches Wetter, das Bier läuft und schließlich müssen noch Eintrittskarten an die Abendkassen geschafft werden.

Kurz nach neun stehen die fünf endlich auf der Bühne, und die Menge jubelt. "Wirklich schön, mal wieder zu Hause zu spielen", begrüßt Dreilich die Fans und legt los. Natürlich sind es vor allem die alten Hits, Stücke wie "Schwanenkönig", "Der blaue Planet" oder "Über sieben Brücken", bei denen die Leute laut mitsingen, tanzen und Feuerzeuge schwenken. Doch auch die Songs der neuen CD "Die geschenkte Stunde" kommen gut an, am Verkaufsstand geht die Scheibe weg wie früher eine Lizenzplatte.

"Ich weiß noch genau, wann ich Karat das erste Mal gesehen habe. Zwischen Alex und Palast der Republik war das, am 7. Oktober 1975, bei so einem Republikgeburtstag. Und später natürlich bei, Rock für den Frieden`", schwärmt Steffi Hantke aus Marzahn. Sie war 16, als Karat noch als "Formation mit liedhafter Beatmusik" angekündigt wurde und Keyboarder Ed Swillms der "Elektropianospieler" war.

Den ersten Auftritt hatte Karat 1975 in einem Klubhaus im Sächsischen. "Zuerst haben wir ja nur Titel nachgespielt, Sachen von Stevie Wonder, den Beatles und so. Später dann haben andere unsere Titel kopiert. Ist doch schön, nich'?" Is' es. Doch es gab auch andere Zeiten. "Höhen und Tiefen", umreißt es Dieter "Maschine" Birr, der mit seinen Puhdys zum Bühnenjubiläum herbeigeeilt ist, ebenso wie Toni Krahl mit City. Und gemeinsam erinnern sie sich gewiss auch, wie vor fünf Jahren plötzlich keiner mehr die guten alten Ost-Rocker hören wollte, wie dann einer nach dem anderen ein Comeback feierte. Heute sind die meisten wieder da, und das ist gut so.

Bis kurz vor Mitternacht rocken die fünf fast ohne Pause. City sang einen Mix aus "Casablanca" und "Über sieben Brücken", die Puhdys haben ihre "Rockerrente" speziell auf Karat umgeschrieben, und Ute Freudenberg erzählte von der langen Freundschaft mit "ihren Männern". Fast alle waren da.