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Nach dem Konzert stand Ed Swillms mit den
Musikern von Karat zusammen, sie redeten so ein bißchen über die Bühne und
das Publikum, da kam ein Fotograf von der "Super-Illu" des Wegs und
verlangte, daß Ed Swillms mal beiseite gehen soll. Er wolle ein Foto machen
von der Band. "Da bin ich dann aus dem Bild gegangen", erzählt Ed Swillms.
"Gesagt hab ich ja nichts, dachte mir nur, na, der kennt dich wohl nicht
mehr." Das war zum 20. Karat-Geburtstag vor fünf Jahren in Hoppegarten. Die
Super-Illu hatte damals eine Serie über die erfolgreiche Ost-Band gebracht.
Ed Swillms spielte darin keine Rolle. In anderen Serien taucht der Name gar
nicht auf.
Der Musiker ist seit etwa 15 Jahren nicht mehr dabei. Aber Ed Swillms ist
Karat. Ohne ihn hätte es die Band so nicht gegeben. Die Wucht der Erfolge
kam mit den Liedern, die er komponierte. Sie heißen "Über sieben Brücken",
"Der Schwanenkönig", "Der Blaue Planet", "Tanz mit der Sphinx", "Der
Albatros", "König der Welt", "Ich liebe jede Stunde". Das sind die Lieder,
die bleiben, die bis heute Menschen in Konzerten in Rausch versetzen. An
diesem Sonnabend werden es über 15 000 sein in der Parkbühne Wuhlheide. Gut,
ein paar Tausend kommen eher wegen Maffay, aber Tatsache ist, daß auch Karat
wieder Arenen füllt. Zu diesem Jubiläum steht erstmals auch Ulrich Swillms,
genannt Ed, wieder auf der Bühne.
Er denkt seit Wochen an nichts Anderes. Er hat sich für den Auftritt ein
neues Keyboard gekauft, darauf übt er die Titel, die er ja einst
geschrieben, aber eben ewig nicht gespielt hat. Letzte Woche hat er von
Leuten gehört, die nur seinetwegen ins Konzert kommen wollen. "Da war ich
ganz gerührt, daß ich doch nicht vergessen bin."
Aber hat er nicht die Einsamkeit gesucht? War er es nicht, der aufhörte,
Lieder zu schreiben? Der das Vagabundenleben auf Tournee nicht ertrug? Und
hieß es nicht immer: Swillms ist krank, schwer herzkrank sogar? "Krank? Ich?
Nie. Na ja, meinen Sie diesen kleinen Herzfehler, ach Gott, damit lebe ich
seit meiner Geburt, bei Aufregung bekomme ich starkes Herzklopfen, das ist
alles. Aber ich bin doch nicht krank. Wer sagt denn so was?" Jeder sagt das,
der ihn kennt.
Swillms winkt die Kellnerin heran, auf diese Nachricht wird er einen Grappa
trinken. Der Musiker, 53 Jahre, groß, schmal, feingliedrig, mit anständigen
Umgangsformen, wirkte immer irgendwie fremd in der Band. Er sah aus wie ein
Gentleman unter Rockern, auch, als seine Haare noch lang und dunkel waren.
Er hat Cello und Klavier studiert, bevor er beschloß, daß ihm ein Leben als
Cellist in einem strengen Orchester-Regime nicht behagen würde. Damals
setzte er auf die Liste seiner Lieblingskomponisten Schumann, Brahms,
Sibelius und Janacek noch die Beatles und die Stones. Später sollte er
bemerken, daß ihm das Leben in einer Band auch nicht behagte, zumindest
nicht in einer Band, die ständig auf Tournee war. Musiker in der DDR
verdienten ihr Geld nicht durch Tantiemen und Plattenverkäufe, sondern durch
ständige Live-Auftritte. Swillms hat diese Reisen gehaßt, 800 Kilometer von
Wismar nach Karl-Marx-Stadt, dazu die grauenhaften Hotelzimmer, er zog sich
in den achtziger Jahren mehr und mehr aus dem Live-Geschäft zurück. "Ich
brauchte Ruhe zum Komponieren. Das ging nicht zwischen zwei Terminen, wie
sich das immer alle vorstellten."
Aber ohne Termine sollte es noch viel schwieriger werden mit dem
Komponieren. Denn zumindest die Studiotermine setzten Swillms unter einen
offensichtlich produktiven Druck. Einmal hatte er sich darauf eingelassen,
einen Titelsong für einen Fernsehfilm zu schreiben. "Ich habe zwei Wochen
auf diesen Text gestarrt, bevor er sich auf einmal vertonen ließ. Aber dann!
Aufgenommen werden mußte das Stück nämlich morgens zwischen acht und zehn in
einem mickrigen Übertragungswagen, der sich großspurig 'Europa-Studio
Grünau' nannte. Können Sie sich vorstellen, was dabei raus kommt - morgens
um acht?" Nun ja, es war "Über sieben Brücken", das erfolgreichste Lied, das
in 40 Jahren DDR geschrieben wurde. Swillms verdient bis heute gut daran -
und blieb immer unzufrieden. "So eine primitive Aufnahmetechnik, und
Dreilichs Stimme war auch zu weich!" Da gefiel ihm später Maffays Version
mit dem Saxofon besser.
Wenn es um seine Musik ging, war Swillms ein Besessener. Er ertrug nicht,
wenn es nicht exakt so klang, wie er sich das vorstellte. Und andere
Komponisten neben sich, mit denen er zusammenarbeiten, deren Ideen er
vollenden sollte, ertrug er noch weniger. "Es waren dann zu viele Köche am
Werk. Es ging schleichend, irgendwann war ich nicht mehr dabei, aber ich bin
wohl aus Versehen in der Versenkung verschwunden."
Aus Versehen? Hat nicht die Band immer wieder angefragt, ob Swillms nicht
etwas beisteuern könne? Vor allem, als Karat immer stärker von altem Ruhm
zehrte. Das Album "Balance" verkaufte sich 1999 keine 8 000 Mal. "Der
Schwanenkönig" hatte 1980 allein im Westen 250 000 erreicht. Die alten Hits
blieben unerreicht. Vielleicht hat Swillms viel mehr gequält, daß Karat von
Kritikern nicht geliebt wurde? Daß seine romantischen Lieder mit den großen
Melodien - auch auf Schlagerfestivals gespielt- gern in die Kitschecke
gestellt wurden? "Ich kann es niemandem verdenken, aber ich wußte: Es ist
kein Kitsch. Vielleicht klingt es manchmal so, dann stimmt was nicht, der
Gesang oder das Arrangement."
Nur warum hat er dann nichts mehr geschrieben? Ist ihm nichts mehr
eingefallen? Jede Kunst hat ihre Zeit. Vielleicht war auch seine vorbei.
Nein, sagt Swillms, bei ihm liege schon einiges in der Schublade. "Aber ich
habe ja keinen Texter!" Er könne nur mit Norbert Kaiser arbeiten, nur mit
ihm. Er ist der Autor der meisten Swillms-Titel. Beide waren extrem
aufeinander fixiert, beide haben dieselben Lieblingstitel, beide verehren
den indischen Dichter und Musiker Rabindranath Tagore, beide haben nachher
nie eine Zeile oder einen Ton für jemand anders geschrieben, obwohl es
Anfragen genug gab. Kaiser ist 1988 mit seiner Familie in den Westen
gegangen, weil er die DDR nicht mehr ausgehalten hat, doch zu einer
Zusammenarbeit ist es nicht wieder gekommen. "Die Band hatte kein Interesse
an Kaiser, die wollten ihn nicht, irgendwas muß da vorgefallen sein, ich
weiß es nicht." Als Kaisers Ausreiseantrag lief, bekam er einen Anruf von
einem Karat-Musiker. Der wollte angesichts dieser Entwicklung nichts mehr
mit Kaiser zu tun haben. Auch keine Anrufe mehr, bitte. Kaiser, der später
im Westen wieder als Journalist arbeitete, hat nicht mehr angerufen.
Karat war eine gehätschelte DDR-Band. Sie durfte in den Westen fahren, sie
brachte dem Land Devisen ein, die Musiker ihrerseits nahmen alles, was sie
kriegen konnten. Ed Swillms war 14, als die Mauer gebaut wurde. Sie störte
ihn, weil er keine Platten mehr kaufen konnte, später, sagt er, habe er sich
für das Land nur noch geschämt. Aber er wäre nie im Westen geblieben ohne
seine Frau und den Müggelsee. Ed Swillms hat ein Haus in Mahlsdorf, von dort
bewegte er sich zunehmend seltener weg. Als er sich letzte Woche am
Hackeschen Markt verabredet, ist er überrascht, daß es da jetzt so viele
Restaurants gibt. Er war so lange nicht in dieser Gegend.
Von den Tantiemen und von einigen Ersparnissen kann er gut leben, "na ja,
Dieter Bohlen würde nur lachen, aber für mich ist es in Ordnung." Aber was
macht der Musiker, der sich einst so gehetzt fühlte, heute mit seiner vielen
Zeit. "Ich genieße das Leben", sagt er unsicher. Im Sommer fahre er immer zu
den Bayreuther Festspielen. Mancher hielte ihn ja für faul, aber irgendwie
sei auch immer was zu tun. Aber jetzt, sinniert er, jetzt, wo dieses
großartige Konzert ins Haus stehe, habe er auch wieder Lust auf die Bühne.
"Ich will auch noch mal neue Titel raus bringen, aber dann mit englischen
Texten, weil es einfach besser klingt. Ich bin sehr zuversichtlich.
Vielleicht ergibt sich wieder was mit der Band."
Die Band ist vorsichtig. Über eine Zukunft oder Vergangenheit mit Ed Swillms
will keiner reden, jedenfalls nicht vor dem Konzert. Die Managerin Adele
Walther: "Man muß Ed mit Samthandschuhen anfassen, für die Band ist er ja
wie ein Gott. Aber es braucht nur einer falsch Luft zu holen, schon ist ein
anderer beleidigt.
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