Karat Presse 2004

Sächsische Zeitung 14.12.2004

   

Die Erinnerung bleibt bestehen

Oliver Reinhard

Könnt ich meine Zeit verschließen, vor Diebstahl sichern, was nur mir gehört ! Nie mehr warten und genießen  die eigne Zeit, die man so schnell verliert.

Als Herbert vor zwei Jahren diese Zeilen für seine Band KARAT verfasste, wusste er es schon: Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Doch der 60 jährige gab nicht auf und kämpfte gegen den Krebs an. Aber die Krankheit blieb stärker. Am Sonntag ist Herbert Dreilich im Alter von 62 Jahren in Berlin gestorben. Ob sein Tod auch das Ende von KARAT bedeutet ? Was wäre die Band ohne ihre Stimme, ohne ihre Seele?

  Herbert Dreilich hatte früh gespürt, das die Musik sein eigentliches Leben war. Parallel zur Lehre brachte sich der Hallenser das Gitarre spielen selber bei und trat in verschiedenen Bands auf, auch mit Reinhard Lakomy. Rasch machte der den Nebenjob zur Hauptsache und begann 1967 in Berlin eine Ausbildung zum Gitarristen. Das Üben genügte ihm freilich nicht - und bald engagierten die Puhdys das junge Talent als Saitenaushilfe.

Aber Herbert Dreilich wollte mehr - eine eigene Band. 1969 gründete er die "Alexanders" , eine jener Beatgruppen, die genau das "Yeah, Yeah Yeah" machten, von dem Ulbricht bald forderte, man möge mit diesem unsozialistischen West Unfug doch Schluss machen. 1971 rief Herbert Dreilich ein neues Projekt ins Leben und nahm damit gleich mehrere Sprossen auf der Karriere - Leiter.

"Panta Rhei" hieß die Avantgarde - Combo, in der er zusammen mit Bassist Henning Protzmann, dem Cellisten Ulrich Swillms, Texter Jens Gerlach und Veronika Fischer spielte. "Panta Rhei" war zunächst sehr erfolgreich. Doch die Musik wuchs ins Orchestrale, die Band personell in die Breite, und schon 1974 hielt sie das nicht mehr aus.

Für die Fans war das Ende von "Panta Rhei" eine Katastrophe, für die Rockszene der DDR ein Glücksfall: Aus den Ruinen der Combo entstand eine gesamtdeutsche Legende: Dreilich, Protzmann und Swillms gründeten KARAT.

Mit ihrem ersten Album, das so unbescheiden wie die Band hieß, katapultierten sie sich sofort neben solche Größen wie die "Puhdys" und "City" an die Ostrock - Spitze. 1978 nahm KARAT am internationalen Schlagerfestival in Dresden teil - und holte den Grand Prix. Ihre melodische, empfindsame und qualitativ hochkarätige Musik fand schnell viele Freunde. Und die Band hatte ihnen noch mehr zu bieten: Ihre zweite Langspielplatte "Über sieben Brücken" wurde zum ersten Meilenstein der doppeldeutschen Rockgeschichte.

Das verdanken KARAT neben ihrem Können vor allem dem großen Gönner "Peter Maffay". Der war vom Titelsong und Herbert Dreilichs Gesang hin und weg. Er wollte KARAT im Westfernsehen auftreten lassen, was die Ost - Oberen jedoch untersagten. Also nahm Maffay eine eigene Version des Stückes auf - und eroberte damit im Westen die Hitparaden.

Fortan waren Dreilich und KARAT auch in der BRD angesagt - und damit Valuta - Bringer. Endlich durften sie mit dem Album "Schwanenkönig" im Gepäck auf deutsch - deutsche Tournee, begeisterten hüben wie drüben und setzten 1982 mit "Der blaue Planet" - mitten in der natur - und friedensbewegten Hochzeit - den zweiten, größten und letzten gesamtdeutschen Rock - Meilenstein: Als erste Band stiegen KARAT auf Platz sieben der West - Charts, erhielten eine golden  Schallplatte und verkauften über eine Millionen Alben.

An diesen erfolg konnte KARAT nie mehr anknüpfen. Mitte der Achtziger ließ ihre Kreativität vorübergehend nach, und diesseits der Wende interessierten sich auch in Ostdeutschland immer mehr Menschen nur noch für den angeblich goldenen Westrock. Zudem galten KARAT vielen Ostdeutschen nun als ehemals regimetreue Band. Ein Vorwurf, der Dreilich schwer getroffen hat und von ihm stets vehement zurück gewiesen wurde.

Aber KARAT und Dreilich machten weiter. In wechselnder Besetzung veröffentlichten sie noch mehrere CD, waren ständig auf Tournee und behielten trotz allem einen großen Fan - Kreis - in Ost und West. In dieser zeit wurde Herbert Dreilich als letztes verbliebenes Gründungsmitglied erst recht zur Bandseele. Er schrieb nun fast alle Texte, und hielt die Musik auch weiterhin die Balance zwischen rockig und melodisch, so wurden seine Worte doch immer nachdenklicher, mitunter gar melancholisch.

Auf der 2003`er CD "Licht und Schatten" findet sich auch das Lied "Alles vergänglich". Heute wirkt es, als hätte Herbert Dreilich sich damit seine eigenen Gefühle angesichts des baldigen Abschieds vom Herzen geschrieben:

Alles vergänglich, was wir auch tun. Der Wind verweht, der Mensch vergisst. Die Erinnerung bleibt bestehn`, die schönen Zeiten ruhn` im hellen Glanz, der endlos ist.